US-Flugzeugkreuzer im Arabischen Meer (Archivbild). Foto: picture alliance / dpa
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Die USA und der Iran Die Kriegsgefahr am Persischen Golf wächst

Nach der US-Entscheidung gegen iranische Garden droht Konfrontation – mit Verlierern auf beiden Seiten.

Glaubt man Mohammad Ali Jafari, sind die ruhigen Zeiten für die mehreren zehntausend amerikanischen Soldaten am Persischen Golf vorbei. Die US-Truppen in der Region seien nicht mehr sicher, sagt Generalmajor Jafari, Chef der iranischen Revolutionsgarden. Die Amerikaner könnten nach seinen Worten zu Zielen von „Gegenmaßnahmen“ der Iraner werden: Nach der US-Einstufung der iranischen Garden als Terrororganisation, die an diesem Montag in Kraft tritt, wächst die Kriegsgefahr am Golf.

In der Region stehen sich rund 45.000 amerikanische Soldaten sowie starke Luftwaffen- und Flottenverbände der USA auf der einen und hochgerüstete Verbände der Garden auf der anderen Seite gegenüber. Die beiden Kontrahenten betrachten sich ab sofort gegenseitig als Terroristen.

Die US-Truppen am Golf sollen mögliche iranische Angriffe auf die für den weltweiten Ölhandel wichtigen Schifffahrtsrouten verhindern und fungieren zudem als Schutzmacht für die amerikanischen Verbündeten in der Gegend. Von einer Einsatzzentrale in Katar aus koordiniert das US-Militär die Aktionen amerikanischer Soldaten im ganzen Nahen Osten bis nach Afghanistan.

Bisher gab es nur vereinzelte Zusammenstöße zwischen Amerikanern und Iranern am Golf, doch nun steigt das Konfliktpotenzial beträchtlich. Kurz nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump vergangene Woche, die Revolutionsgarden als Terrortruppe einzustufen, revanchierte sich Teheran mit der Erklärung, ab sofort würden die Truppen der Amerikaner in der Gegend ebenfalls als Terroristenverbände angesehen.

Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde nehmen an einer Militärparade teil. Foto: dpa Vergrößern
Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde nehmen an einer Militärparade teil. © dpa

Die Entscheidung gegen die Revolutionsgarden ist Teil von Trumps Politik des „maximalen Drucks“ auf das iranische Regime, die auch Wirtschaftssanktionen umfasst. Offizielles Ziel ist es, die Iraner zu weiteren Zugeständnissen in der Atompolitik zu zwingen und ihre Machtausbreitung im Nahen Osten zu stoppen. Kritiker werfen Trump vor, in Wahrheit strebe er einen Regimewechsel im Iran an. Washington macht jedenfalls weiter Druck. Weitere US-Sanktionen gegen Teheran könnten folgen, sagt Außenminister Michael Pompeo.

Verglichen mit anderen Armeen ist die Schlagkraft der Revolutionsgarden enorm

Im Iran sind die Revolutionsgarden eine Großmacht – militärisch, politisch, wirtschaftlich. Und sie sind die wichtigste Stütze der Mullahs, um Teherans Einfluss in der Region auszuweiten. Es gibt nur wenige Konflikte, an denen die Gardisten nicht beteiligt sind. Libanon, Irak, Syrien oder Jemen: Überall mischen die Revolutionsgarden mit. Ihre Al-Quds-Brigaden sind als Kommandoeinheit speziell für Einsätze im Ausland ausgebildet.

Dabei waren die Garden 1979 ursprünglich als Diener und Wächter der Revolution gegründet worden. Aber schon in den 80er Jahren entwickelten sich die auch Pasdaran genannten Paramilitärs zur Eliteeinheit der iranischen Streitkräfte. Die Revolutionsgarden haben heute mindestens 125.000 Soldaten unter Waffen und verfügen über eigene Truppenteile bestehend aus Luftwaffe, Heer und Marine. Verglichen mit anderen Armeen im Nahen und Mittleren Osten ist ihre Schlagkraft enorm.

Längst sind die Revolutionsgarden zudem ein Staat im Staate geworden. Von Steuern und Zöllen befreit, nutzten sie vor allem die Zeit, als der Iran wegen der internationalen Sanktionen weitgehend isoliert war, um in fast allen Branchen Fuß zu fassen. Infrastruktur, Energie, Rüstung, Telekommunikation: Mithilfe zahlreicher Firmen dominiert die Führungsebene der Gardisten heute einen Großteil der iranischen Wirtschaft.

Das garantiert Einnahmen in Milliardenhöhe – und erheblichen politischen Einfluss. Gegen den erklärten Widerstand der Revolutionsgarden passiert in der Islamischen Republik wenig. Ideologisch gelten die Pasdaran als Hardliner. Wenn es gegen den Erzfeind Amerika geht, stehen sie oft an vorderster Front. Dennoch schätzen auch moderatere Politiker wie Präsident Hassan Ruhani die Einheiten als Sicherheitsgaranten des Landes.

Mit der Terror-Einstufung der Revolutionsgarden zielt die US-Regierung nun unter anderem auf die wirtschaftliche Stärke der Truppe. So müssen auch europäische Unternehmen, deren iranische Geschäftspartner über Verbindungen zu den Garden verfügen, ab diesem Montag mit amerikanischen Strafen rechnen.

Besonders beim iranischen Nachbarn Irak wächst die Furcht

Die Entwicklung nützt Hardlinern auf beiden Seiten. Laut Medienberichten wandte sich das US-Verteidigungsministerium wegen befürchteter Risiken für die amerikanischer Truppen am Golf gegen die Terror-Einstufung der Garden, doch das Weiße Haus wischte die Bedenken vom Tisch.

Pompeo und Trumps Sicherheitsberater John Bolton strebten offenbar einen Krieg mit dem Iran an, sagt Maysam Behravesh, Iran-Experte an der Universität Lund in Schweden. Schon kleinere Auseinandersetzungen könnten nun schnell eskalieren, sagte Behravesh dem Tagesspiegel in Istanbul. Auch auf der iranischen Seite geraten besonnene Stimmen in die Defensive. In Teheran wird es für gemäßigte Politiker immer schwerer, für einen Ausgleich mit den Amerikanern einzutreten.

Besonders beim iranischen Nachbarn Irak wächst die Furcht, das Land könne zum Schauplatz einer amerikanisch-iranischen Auseinandersetzung werden. Im Irak sind fast 6000 amerikanische Soldaten, aber auch proiranische Milizen sowie iranische Revolutionsgardisten stationiert. Offiziere der Garden könnten in Versuchung geraten, „Strafaktionen“ gegen die Amerikaner anzuzetteln, sagte der in den USA lebende Iran-Experte Arash Azizi.

Verzweifelt versuchte die irakische Regierung deshalb, die Trump-Administration von ihrem Schritt gegen die Revolutionsgarden abzubringen. Ministerpräsident Adel Abdul-Mahdi sagte, er habe die Regierung in Washington auf die Gefahren aufmerksam gemacht – vergeblich. Im Falle einer Konfrontation werde es nur Verlierer geben, warnte Abdul-Mahdi. Doch solche Einwände gehen im Säbelrasseln am Golf unter.

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