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So sehen die Wohnungen im Kreis Ahrweiler zuhauf aus. Wohnen bleiben können dort viele erstmal nicht. Foto: Imago/Future Image
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Die Unmittelbarkeit zeigt die Dringlichkeit Und plötzlich haben wir die Klimakatastrophe mitten im Wohnzimmer

Bisher schaffen wir es nicht, uns auf Ereignisse wie solche Unwetter vorzubereiten. Warum es aber Hoffnung gibt, dass sich jetzt was ändert. Ein Kommentar.

Es ist erst wenige Wochen her, da warnte der Deutsche Wetterdienst vor möglicherweise katastrophalen Regengüssen und Orkanwinden in Teilen Deutschlands. Man bereitete sich vor, Leute blieben zu Hause, hie und da wurden Sandsäcke gestapelt, Fluggesellschaften und Bahn ließen vorsorglich gar den ein oder anderen Zug und Flug ausfallen.

Dann kam der Regen, auch der Sturm, aber die Katastrophe blieb weitestgehend aus. Was auch kam, sofort, war die Kritik an den Wetterforschern. Von Freiheit einschränkender und die Wirtschaft schädigender Panikmache war gar die Rede.

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Jetzt ist es umgekehrt: Es wurde angeblich nicht genug gewarnt und nicht genug informiert, etwa durch den WDR. Außerdem hätte man ja ein paar Talsperren ablassen können vorher.

Es ist immer das gleiche Muster: Die, die nichts wissen, wissen hinterher alles besser. Es ist aber zum Beispiel schlicht unmöglich, rechtzeitig vorherzusagen, ob und wo genau ein Starkregen 60 oder 120 Liter pro Quadratmeter fallen lässt. Und wer einmal vermeintlich zu laut gewarnt hat, dem hört man beim nächsten Mal nicht mehr zu.

Man stelle sich vor, eine Landrätin hätte veranlasst, eine ganze Talsperre abzulassen, jetzt, da Regen über Jahre eher Mangelware war (was ohnehin nicht so einfach ist, denn um Pegel ordentlich senken zu können, müssten in vielen Fällen Vorhersagen Tage vorher kommen).

Man stelle sich weiter vor, dann wäre der große Regen ausgeblieben. Oder ein Bürgermeister hätte ein Dorf im engen Tal eines Moselzuflusses evakuieren lassen, an einem Tag, als noch die Sonne die Weinberge austrocknete. Aber die Fluten hätten sich dann doch in Grenzen gehalten. In beiden Fällen hätten die Verantwortlichen sicher andere Reaktionen bekommen als Dank für ihr vorbeugendes Handeln. Sicher ist dagegen, dass gummistiefelig-anpackendes Kümmern hinterher immer gut ankommt.

Das ist mehr als nur eine Beobachtung. Die Psychologie der aktuellen Wetterkatastrophe, aber auch der chronischen Klimakatastrophe, beides hat viel miteinander zu tun. Wir haben schon die allergrößten Probleme damit, die langfristigen und wirklich gut vorhersagbaren Folgen des Klimawandels durch vorbeugendes Handeln abzumildern.

Und bisher schaffen wir es ganz offensichtlich auch nicht, uns auf ebenfalls absehbare kurzfristige Ereignisse wie die jetzt geschehenen vorzubereiten, Mittel dafür zu mobilisieren, den Aufwand zu vermitteln – und diesen einsichtig auf uns zu nehmen.

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Was sich nun bei uns aber geändert hat: Es gibt sie jetzt, Dutzende, vielleicht Hunderte, die durch ein Ereignis, das durch den menschgemachten Klimawandel mit bedingt war, ihr Leben lassen mussten. Es gibt die noch ungezählten anderweitig Geschädigten.

Es gibt die Löcher, die der Wiederaufbau in öffentliche und private Kassen reißen wird. Vor allem aber gibt es jetzt Bilder von der Klimakatastrophe – Bilder, die nicht in fernen Gegenden, sondern gleich hier, mitten in Deutschland, aufgenommen wurden. Diese Unmittelbarkeit vermittelt die Dringlichkeit.

Ein Pärchen vor den Trümmern in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Foto: Christof STACHE / AFP Vergrößern
Ein Pärchen vor den Trümmern in Bad Neuenahr-Ahrweiler. © Christof STACHE / AFP

So gibt es auch die Hoffnung, dass sich jetzt vielleicht doch etwas ändern wird. Klar ist aber: Wir werden bald zurückkehren in eine Situation, in der vorsorgliches Handeln nur Aufwand zu bedeuten scheint, Opfer, Umdenken, auch Verzicht. Ohne dass akut eine Katastrophe passiert. Ohne spürbare Dringlichkeit.

Sie wäre jedenfalls noch möglich, die gelingende Prävention: durch gebremsten Treibhausgasausstoß weltweit und Schutz vor Klimafolgen lokal. Wir haben, obgleich die jetzt anstehenden Aufgaben weit größer sind, Vergleichbares schon geschafft: Wir haben auf Treibgas verzichtet, um die Ozonschicht zu retten und das Waldsterben durch Rauchgasentschwefelung gestoppt. Flüsse sind wieder sauberer, weil wir die Abwässer reinigen.

Manche sagen angesichts jener ökologischen wie ökonomischen Erfolge heute: Ist doch alles nicht so schlimm gekommen. Wozu die ganze Aufregung? Na, dazu eben.

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