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Ein Luftbild der Favela Rocinha. Foto: Imago
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Die Stadterneuerung der Zukunft Was die Welt von Rio de Janeiro lernen kann

Carlo Ratti

Der neue Umgang mit Favelas in Rio de Janeiro kann wegweisend werden für die Stadtplanung der Zukunft. Ein Gastbeitrag.

Die Zukunft das Stadtplanung beginnt vielleicht gerade in der zweitgrößten Stadt Brasiliens. Aber nicht entlang der glitzernden Strandpromenade von Ipanema, die von einigen der teuersten Immobilien in Lateinamerika gesäumt ist. Und auch nicht im Stadtviertel Centro, das für die Sommerspiele 2016 herausgeputzt wurde und jetzt im Mittelpunkt eines großen Plans zur Stadterneuerung steht. Für einen Blick auf die Stadt der Zukunft muss man an der Lagune Rodrigo de Freitas vorbei zum Viertel um den Jardim Botânico gehen und dort die steilen Hänge bewundern, an die sich das überquellende Viertel Rocinha waghalsig klammert.

Die Urbanisierung hat sich in der vergangenen Jahren überall dramatisch beschleunigt. Auf unserem Planeten entsteht alle sieben Wochen eine neue Stadt in der Größe Londons. Dieses explosionsartige Wachstum finden vor allem in „informellen Vierteln“ statt. In Brasilien heißen solche Gegenden Favelas. Rocinha ist die größte der vielen Favelas, die über die vielen Hügel von Rio de Janeiro verstreut liegen, und hat, je nachdem, wem man glaubt, 100 000 bis 200 000 Einwohner.

Heute leben Schätzungen zufolge 12 Millionen Brasilianer in Favelas

Favelas gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1888 bauten sich zahllose befreite Sklaven und entlassene Soldaten an den Rändern brasilianischer Städte mit provisorischen Materialien ein eigenes Zuhause. Die so entstandenen Stadtviertel wurden nach den Baumarten benannt, von denen sie umgeben waren. Heute leben Schätzungen zufolge 12 Millionen Brasilianer in Favelas, wo sie nur eingeschränkt Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität haben und wo schwere Krankheiten wie Tuberkulose und Lepra grassieren.

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Viele Jahrzehnte lang kannten Politiker und Stadtplaner nur eine einfache, brutale Lösung: die Favelas abzureißen und auf der gewonnenen Fläche wieder bei null anzufangen. Diese Methode zur Beseitigung informeller Stadtviertel hat eine lange Geschichte – nicht nur in Brasilien. Vor dem Kahlschlag durch Baron Haussmann im 19. Jahrhundert strotzte Paris vor informellen Gebäuden – Architektur ohne Architekten mit Wurzeln bis ins Mittelalter. Und New York beherbergte einst das größte Slum der Vereinigten Staaten, das Martin Scorsese in seinen Gangs of New York verewigt hat.

Ein Netzwerk aus Seilbahnlinien schafft neue Verbindungen

Im Jahr 2003 wagte sich die Stadt Medellín in Kolumbien an eine neue Strategie. Anstatt der Verlockungen einer tabula rasa zu erliegen, ließen sich die Stadtplaner von drei Grundsätzen leiten. Erstens versuchten sie, wo immer möglich, das urbane Gefüge der informellen Viertel zu erhalten. Zweitens schufen sie neue öffentliche Räume, wie Plätze, eine Bibliothek oder einen Fußballplatz. Und drittens sorgten sie durch ein Netzwerk aus Seilbahnlinien, die über das schwierige Terrain schweben, für neue Verbindungen zwischen den ungeplanten und den geplanten Stadtvierteln.

Bewohner von Rocinha auf den Straßen, zu den Zeiten einer Corona-Ausgangssperre im Mai 2020. Foto: Imago Vergrößern
Bewohner von Rocinha auf den Straßen, zu den Zeiten einer Corona-Ausgangssperre im Mai 2020. © Imago

Die Vorteile dieser neuen Formel zeigten sich schnell. Das lang für seine Straßenkriminalität berüchtigte Medellín ist inzwischen als erfolgreiches Vorbild für Stadterneuerung anerkannt. 2013 bezeichnete das Wall Street Journal Medellín als „Innovativste Stadt des Jahres“. Dieses Experiment zur Aufwertung und Eingliederung informeller Viertel war die Geburtsstunde einer neuen, integrativen Form der Stadtplanung.

Bisher gibt es nicht einmal eine Karte von Rocinha

Zwanzig Jahre nach dem Erfolg des „Medellín-Modells“ fragte sich Washington Fajardo, Leiter der Stadtplanungsbehörde in Rio, ob es möglich ist, diese durch ein „Rio-Modell“ für das 21. Jahrhundert zu ersetzen. Das von ihm entwickelte Projekt zur Modernisierung von Rocinha setzt auf digitale Technologien und soll das Verhältnis zwischen den Menschen und ihrer Stadt verbessern.

Er hatte die Idee, mit Hilfe von 3D-Scanning-Technologie, die in der Stadtplanung und im Bauwesen immer häufiger eingesetzt wird, die erste genaue Karte von Rocinha zu erstellen. Aufgrund der komplexen, unregelmäßigen Struktur der Favela ist dies für herkömmliche kartografische Instrumente eine unmögliche Aufgabe. Lidar-Systeme zum Laserscanning und digitale Datenbanken dagegen vermessen hunderttausende Punkte pro Sekunde, und zwar auf wenige Millimeter genau.

Die Kartierung von Rocinha ist der erste wichtige Schritt für eine ganz Reihe von Projekten zur Stadterneuerung. Nur wenn man genau weiß, was wo ist, kann das Gebiet an die städtische Infrastruktur, d. h. an Elektrizitäts-, Trink- und Abwassernetze angeschlossen werden. Außerdem ermöglichen diese Karten gezielte Eingriffe, die Gefahren für die öffentliche Gesundheit beseitigen, den Verkehrsfluss verbessern oder ganz einfach mehr Luft oder Sonnenlicht in das Viertel lassen.

Das Projekt eröffnet neue Möglichkeiten für die Stadt von morgen

Außerdem könnte ein Plan von Rocinha dazu beitragen, dass die Bewohner als vollwertige Bürger anerkannt werden. Die Bewohner von Favelas waren lange Brasilianer zweiter Klasse, die in unsichtbaren, nirgends verzeichneten Vierteln mit begrenztem Zugang zu öffentlichen Gütern und dem Schutz öffentlicher Institutionen lebten. Eine Karte könnte es ihnen sogar erlauben, sich als offizielle Eigentümer der Grundstücke eintragen zu lassen, die sie schon so lange pflegen. Kurz gesagt könnten 3D-Scans die Favelas mit all ihren Fallstricken und ihrem Potenzial endlich aus dem Schatten holen.

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Das Experiment läuft noch und seine Auswirkungen werden sich erst langsam zeigen. Aber wenn es Erfolg hat, eröffnet das Projekt neue Möglichkeiten für die Stadt von morgen. Die Erneuerung von Rocinha könnte zeigen, was durch eine Synthese zweier zeitloser Formen der Urbanisierung möglich ist: die zentrale Planung durch Experten und die dezentrale Bautätigkeit hoffnungsvoller, hart arbeitender Bewohner. Eines Tages könnten sich diese Kräfte auf den sonnigen Hügeln von Rio de Janeiro, wo die Bäume und die Viertel tief verwurzelt sind, gegenseitig verstärken.

Carlo Ratti ist Direktor des Senseable City Lab am MIT und Mitgründer des internationalen Büros für Design und Innovation Carlo Ratti Associati. Copyright: Project Syndicate, 2021, www.project-syndicate.org.

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