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Wer soll was bekommen? Die Stiko soll empfehlen, wartet aber oft sehr lange. Foto: Marius Becker/dpa
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Die Probleme mit der Stiko Die Impfkommission zieht sich kleinmütig auf Evidenz zurück

Wenn alle Studien vorliegen, kann auch ein Computer entscheiden, ob ein Impfstoff empfehlenswert ist. Dann braucht es keine Experten mehr. Ein Kommentar.

Wie kaum ein anderes Ereignis zeigt die Pandemie, dass politisches Handeln sich an überprüfbaren Fakten, an Evidenz ausrichten sollte.

Wann immer in den vergangenen Monaten das Wunschdenken regierte und Verantwortliche (auch Ärztevertreter) leichtsinnig wurden, holten die Gesetzmäßigkeiten der Epidemiologie sie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Doch offenbart die Coronakrise auch, dass Evidenz nicht das alleinige Maß des Handelns sein kann.

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Wenn etwa die Ständige Impfkommission (Stiko) wieder abwarten möchte, bis alle Evidenz über noch die allerseltenste und unwahrscheinlichste Nebenwirkung des aktuell vorliegenden Coronaimpfstoffs für Kinder bekannt oder ausgeschlossen ist, bevor sie sich zu einer Empfehlung aufrafft, dann hat sie ihre – herausragend wichtige - Aufgabe in dieser Pandemie nicht verstanden.

Indiz dafür ist nicht nur, dass Stiko-Chef Thomas Mertens seine persönliche ablehnende Haltung zur Impfung von Kindern unter zwölf Jahren bereits verkündete und damit dem noch immer fehlenden Votum seiner Kommission vorgreift – und damit deren Ansehen massiv schadet.

Auch für die Empfehlung der Booster-Impfstoffe und der Impfung für Zwölf- bis 17-Jährige hatte sich die Stiko viel zu viel Zeit gelassen, ganz zu schweigen vom Hin und Her mit der AstraZeneca-Impfung.

Gründlich sein ist richtig, aber...

Natürlich ist es richtig, gründlich sein und kein Risiko eingehen zu wollen, schon gar nicht beim Impfen von Kindern. Und ja, die Stiko ist mit drei hauptamtlichen Stellen am Robert-Koch-Institut vom Bundesgesundheitsministerium nicht annähernd hinreichend ausgestattet worden, um ihre plötzlich so akut wichtige Aufgabe in einer Pandemie zu erfüllen.

Und dennoch hat man nicht immer die Wahl abzuwarten, bis alle Evidenz vorliegt und jeder Zweifel ausgeräumt ist.

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Denn wozu bräuchte es dann noch eine Expertenkommission? Wenn alle Studien gemacht, alle Daten vorhanden sind, dann kann ein Computer das Ergebnis ausrechnen und ausspucken.

Dagegen ist Expertise, der Erfahrungsschatz von Experten, doch gerade dann von Nöten, buchstäblich, wenn Not herrscht: Wenn es nämlich zu wenig Informationen gibt, um die hohen und richtigen Ansprüche an Sicherheit zu gewährleisten, und trotzdem eine schnelle Entscheidung getroffen werden muss.

„Seid schnell, habt keine Bedenken“

„Geschwindigkeit übertrumpft Perfektion.“ Das hat Mike Ryan, der Leiter des Programms für Gesundheitsnotfälle der Weltgesundheitsorganisation WHO, schon zu Beginn dieser Pandemie warnend gesagt – und „seid schnell, habt keine Bedenken“ als Devise ausgegeben. Denn das Virus warte nicht.

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Jede Stunde, in der Verantwortliche nicht handeln, stecken sich Menschen an, manche erkranken, sterben gar. Und zwar nach allem, was bekannt ist, weit mehr, als je durch eine Impfung erkranken, geschweige denn sterben würden.

Was es in einer solchen Situation der Unsicherheit braucht, ist nicht der kleinmütige Rückzug auf den sicheren Boden der Evidenz. Sondern den Mut der Erfahrenen, der Experten, der Regierenden zur Entscheidung, gepaart mit dem offenen Ansprechen eventueller Restrisiken und einer gut verständlichen Erklärung, warum man bereit ist, die einzugehen.

Das können Menschen nachvollziehen, und sie werden folgen – jedenfalls die vernünftigen.

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