Wie glaubwürdig ist es noch, dass die Ärzte im Krankenhaus Omsk, trotz aller Bemühungen kein Anzeichen für eine Vergiftung finden konnten? Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa
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Die Macht der Indizien Warum der Kreml im Fall Nawalny jetzt widerlegt ist

Christoph von Marschall

Stück für Stück lassen Recherchen Moskaus Lügengebäude im Fall Nawalny zusammenfallen. So lief es auch in früheren Fällen. Und so ist es richtig. Ein Kommentar.

Die Umsicht und Kaltblütigkeit, mit der Alexej Nawalnys Freunde in einer lebensbedrohlichen Situation handelten, ist bewundernswert. Als sie vom mutmaßlichen Anschlag auf ihn erfuhren, sicherten sie potenzielle Beweismittel in seinem Hotelzimmer in Tomsk und drehten ein Video davon.

Die Wasserflasche, an der der verbotene Kampfstoff Nowitschok offenbar war, übergaben sie nicht russischen Behörden, sondern brachten sie auf den Weg nach Deutschland. Man kann das eine Konspiration nennen. Oder gebotene Notwehr.

Ist das nun das letzte Glied in der Beweiskette, dass Wladimir Putin den Anschlag befohlen hat? Nein. Wer unbedingt glauben will, dass die CIA das Gift verabreicht habe, kann das weiter tun. Mit Fragen, wie die Wasserflasche unter Umgehung der offiziellen Amtshilfe nach Deutschland kam, werden Putins Apologeten zudem weiter Zweifel säen.

Transparenz schafft Glaubwürdigkeit

Doch die Behauptung des Kreml, Nawalny sei nicht in Russland vergiftet worden, darf nun als widerlegt gelten. Wie glaubwürdig ist es noch, dass die Ärzte im Krankenhaus Omsk, trotz aller Bemühungen kein Anzeichen für eine Vergiftung finden konnten? Nun sieht es erst recht danach aus, dass sie keine Belege finden durften. Das Team Nawalny hat ein weiteres Glied in der Indizienkette geliefert, die darauf hinweist, dass der Kreml die Attentäter deckt.

Auch die Bundesregierung zeigt Umsicht. Sie ließ die Proben aus Nawalnys Körper und wohl auch aus der Wasserflasche von anderen Diensten untersuchen. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der Diagnosen. Das ist geboten. Westeuropa und Russland befinden sich in einem neuen Propagandakrieg. Er wird unter anderen Bedingungen ausgetragen als im Kalten Krieg, politisch wie technisch.

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Westliche Gesellschaften fühlen sich von Moskau nicht mehr existenziell bedroht wie einst von der Sowjetunion. Die neue Freiheit bringt es mit sich, dass Regierungen nicht mehr auf reflexhafte Lagertreue vertrauen können. Einige Bürger misstrauen den eigenen Geheimdiensten ebenso wie den russischen oder chinesischen. Anlässe dafür gibt es genug, von Wikileaks und Edward Snowden bis zu den Verbindungen von Mitgliedern der Sicherheitsdienste in staatsfeindliche Netzwerke.

Lesen Sie hier "Vom tödlichen Regenschirm bis zur Blausäure-Patrone : Die Giftmorde des KGB" (T+).

Umso mehr kommt es auf Transparenz und überzeugende Beweise an. Die neuen Zeiten bieten neue Methoden, nicht nur mächtigen Staatsapparaten, sondern auch der Zivilgesellschaft und freien Medien.

Russische Posting bewiesen den Abschuss des malaysischen Jets

Nach dem Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs über der Ukraine gelang mit entsprechender Recherche der Nachweis, dass es mit einer russischen Buk-Raketen abgeschossen und dass die Rakete in einer Geheimaktion aus Russland zu den moskautreuen Aufständischen gebracht worden war. Postings russischer Soldaten auf sozialen Netzwerken halfen den Aufklärern.

Russland hatte seine Verwicklung in der Ukraine lange bestritten, wurde aber überführt. Ebenso nach dem Giftanschlag auf den Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury. Die Täter wurden ermittelt, ebenso ihre Verbindungen zum russischen Geheimdienst. Auch beim Tiergartenmord an einem Georgier sitzt für die Berliner Ermittler der russische Staat mit auf der Anklagebank.

Diktaturen haben es heute leichter, in offenen Gesellschaften Selbstzweifel zu säen. Aber die sind nicht wehrlos. Sie müssen ihre Gegenmittel einfach besser nutzen. Das ist mühsam und erfordert Zeit. Es ist am Ende aber überzeugender.

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