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Die Zahl der klimabedingten Krisen nimmt rasant zu. Foto: Stephen Morrison/ DPA
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Die Krisen nehmen zu, „die Lücke wird größer“ Wie Corona und der Klimawandel internationale Hilfsorganisationen fordern

Corona-Pandemie, Heuschreckenplage, Klimakrise: Wie internationale Organisationen mit der globalen Bedürftigkeit umgehen.

Für die Planer internationaler Hilfsorganisationen darf das Jahr keinesfalls enden, ehe sie eindeutige Schlüsse ziehen. Nicht 2020. Zu gewaltig war die globale Hilfsbedürftigkeit: Die Coronakrise ließ die Zahl der weltweit Hungernden auf 800 Millionen wachsen, zeitweise globale Lieferketten zusammenbrechen. Die schlimmste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten beraubte Millionen Menschen in Afrika ihrer Existenz, dazu noch Dürren und Hitzewellen. Die Armut nahm ohnehin zu. Und: Die Helfer geben keinen guten Ausblick. „Die Hilfsbedürftigkeit wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen“, sagte der Chef-Ökonom des UN-Welternährungsprogramms (WFP), Arif Husain, dem Tagesspiegel. Die Not wächst.

Seit Beginn der 2000er Jahre hat es eine Verzehnfachung des globalen Bedarfs an humanitärer Hilfe gegeben, rechneten die Vereinten Nationen zuletzt. Im kommenden Jahr sollen mehr Menschen Hilfe und Unterstützung brauchen als je zuvor. Vor allem die Zahl klimabedingter Naturkatastrophen steigt. Vier von fünf Naturkatastrophen weltweit sind nach einer Studie des Roten Kreuzes in den vergangenen zehn Jahren auf extremes Wetter und die Folgen der Klimakrise zurückzuführen.

Es drohten Hungersnöte, die man längst überwunden glaubte, warnte zuletzt UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock. Das humanitäre System sei gut aufgestellt, sagt Thorsten Klose-Zuber vom DRK. „Aber die Lücke zwischen dem humanitären Bedarf und den verfügbaren Ressourcen wird jedes Jahr größer. Wir laufen hier in eine Überforderung und brauchen neue Ansätze.“

Organisationen arbeiten an einer anderen Ausrichtung ihrer Hilfe

Die immer währende Not macht den Wandel sicher nicht leichter. Das WFP etwa wird im kommenden Jahr 15 Milliarden US-Dollar benötigen, um rund 138 Millionen Menschen direkt mit Nahrungsmitteln zu unterstützen. Fünf Milliarden davon kommen 30 Millionen Menschen in 36 Ländern zugute, die fast vollständig von dieser Hilfe abhängen, etwa im Südsudan, in Nigeria oder der zentralafrikanischen Republik. „Die Folgen der Krisen und ihre wachsende Intensität sind nicht länger auf die Orte begrenzt, an denen sie auftreten. Migration aufgrund von Not – aus der Sahelzone und Syrien nach Europa und Nordamerika – sind dafür ein Beispiel“, sagte WFP-Ökonom Husain.

Die geplanten Programme aller UN-Organisationen zur Versorgung mit Nahrungsmitteln, Zufluchtsorten und medizinischer Hilfe kosten zusammen sogar 35 Milliarden US-Dollar.

Längst arbeiten Organisationen wie WFP und DRK an einer anderen Ausrichtung der humanitären Hilfe. Vor Jahren schufen die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung zusammen mit UN-Organisationen wie dem Nothilfebüro OCHA eine Arbeitsgruppe, um zu ermitteln, wie drohende Krisen schneller erkannt und Hilfe schon bereitgestellt werden kann, bevor sie benötigt wird – das machte die Hilfe vieler Organisationen effektiver.

Ein größerer Fokus auf Vorbereitung, Krisenbereitschaft und Planung

Im Schatten der Coronakrise machten alle großen UN-Reports der vergangenen Monate deutlich, dass ein größerer Fokus auf Vorbereitung, Krisenbereitschaft und Planung gelegt werden sollte, ebenso die Stärkung lokaler Akteure. Frühwarnsysteme und frühes Handeln seien zentral. „Angesichts des Klimawandels und seiner dramatischen Auswirkungen, der Gleichzeitigkeit von Covid-19-Pandemie und Konflikten war die Notwendigkeit zur Entwicklung und Umsetzung einer vorausschauenden humanitären Hilfe noch nie so dringend“, sagte Klose-Zuber.

Der DRK-Mann zeichnet das Bild von Regionen in Bangladesch, die zur Regenzeit regelmäßig so stark überflutet werden, dass mehrere Millionen Haushalte betroffen sind. Oder von Gebieten in den Anden, wo starke Kälteperioden zwar gut vorhersagbar sind, denen jedoch ohne frühzeitige Reaktion viele Nutztiere zum Opfer fallen. Der frühzeitige Einsatz sei weniger kostenintensiv als die akute Nothilfe in einer ausgewachsenen Krise, sagt er. Organisationen wie die Rotkreuz-Gesellschaften versuchen, auf bessere Vorhersagen, etwa aufgrund historischer Daten zu setzen.

Wachsender Bedarf: Im kommenden Jahr sollen mehr Menschen Unterstützung brauchen als je zuvor. Foto: Albert Gonzalez Farran/ AFP Vergrößern
Wachsender Bedarf: Im kommenden Jahr sollen mehr Menschen Unterstützung brauchen als je zuvor. © Albert Gonzalez Farran/ AFP

Werden bestimmte Schwellenwerte überschritten, wird ein vorher festgelegtes Protokoll für den Einsatz von Personal und Hilfsgütern ausgelöst, je nach Region und Ereignis. Auch das WFP wende vorhersagebasierte Konzepte an, wann immer es kann, um Staaten in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen, so Husain.

"Wir müssen die regionale Infrastruktur betroffener Regionen stärken"

Angesichts der Coronakrise haben die Organisationen nun auch die Lieferketten im Blick. Im Frühjahr waren sie zeitweise schwer gestört. WFP-Ökonom Husain sieht die Probleme vor allem auf den letzten Kilometern, oft in entlegenen ländlichen Regionen. Der Wille, ihre Gesellschaften krisenresistenter zu machen, müsse letztlich zwar von den betroffenen Staaten selbst kommen. Doch er sagt auch: „Wir müssen die regionale Infrastruktur betroffener Regionen stärken, um sie für den nächsten Krisenfall widerstandsfähiger zu machen.“ Dies werde vor allem „die lokale Wirtschaftstätigkeit und den Wohlstand fördern und auch Investitionen des privaten Sektors erleichtern“.

Ein anderes Problem seien die jährlichen Zinszahlungen vieler armer Staaten, oft höher als die Ausgaben für ihre nationalen Gesundheitssysteme. Auch Entschuldungsmaßnahmen seien daher in Zukunft von Bedeutung.

Was eine neue Ausrichtung der humanitären Hilfe abbremsen könnte, ist die Zweckbindung der Mittel durch die Geldgeber. In der Regel sind es Staaten. Zwar unterstützen Regierungen Projekte vorhersagebasierter humanitärer Hilfe, so etwa die Bundesrepublik bestimmte Vorhaben des WFP und der Rotkreuz-Gesellschaften. Doch der Opposition im Bundestag reicht das nicht.

„Die Bundesregierung muss sich endlich an die Vereinbarung des Grand Bargain halten und mindestens 30 Prozent der Mittelzuwendungen für Hilfsorganisationen als flexible Mittel zur Verfügung stellen“, sagte der FDP-Abgeordneter Ulrich Lechte, Leiter des Unterausschusses Vereinte Nationen, Internationale Organisationen und Globalisierung. Seit 2014 habe auch Deutschland den UNHCR und das WFP mit hohen Zweckbindungen belegt, was den Hilfsorganisationen ihre Flexibilität raube.

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