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November 2020: Zerstörte Häuser nach dem Wirbelsturm Iota in Nicaragua Foto: Unifef
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Die Krise der Schwächsten Eine Milliarde Kinder sind durch die Folgen des Klimawandels „extrem gefährdet“

Das UN-Kinderhilfswerk hat einen ersten Klima-Risiko-Index vorgelegt. Jedes zweite Kind auf der Welt ist stark betroffen.

Hitzewellen, Wirbelstürme, Überschwemmungen und Wasserknappheit: Eine Milliarde Kinder sind nach Schätzungen von Unicef durch die Auswirkungen des Klimawandels „extrem gefährdet“. Damit ist etwa jedes zweite Kind weltweit betroffen, wie eine Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen zeigt. Besonders heftig bekommen das Kinder in vielen afrikanischen Staaten zu spüren: etwa in der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, in Nigeria, Guinea, Niger, Somalia oder auch in Madagaskar.

„Die Klimakrise ist eine Krise der Kinderrechte“, sagt Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Für die Untersuchung hat das Kinderhilfswerk in einem Risiko-Index klima- und umweltbedingte Gefahren erfasst. Außerdem wird berücksichtigt, wie verletzlich Kinder in bestimmten Regionen sind, etwa weil sie keinen angemessenen Zugang zu Wasser haben oder es keine funktionierende Gesundheitsversorgung gibt.

Mehr als ein Drittel der Kinder weltweit (rund 820 Millionen) sind derzeit stark von Hitzewellen getroffen. So war 2020 das heißeste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Da die globalen Durchschnittstemperaturen steigen, werde sich diese Situation wahrscheinlich verschlimmern, heißt es in dem Bericht.

Bei Hitzewellen sind Kleinkinder und Säuglinge stark gefährdet

Kinder seien von solchen Veränderungen stärker betroffen als Erwachsen: Sie passen sich langsamer an Veränderungen der Umgebungstemperatur an, weil sie ihre Körpertemperatur noch nicht so regulieren können. Während Hitzewellen sind vor allem Kinder unter zwölf Monaten besonders gefährdet. „Bei Säuglingen und Kleinkindern ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie sterben oder einen Hitzschlag erleiden“, schreiben die Unicef-Fachleute.

Mittelfristig können extreme Wetterbedingungen zu hitzebedingten Krankheiten führen – erst Recht, wenn Kinder nicht ausreichend Flüssigkeit bekommen oder Möglichkeiten, sich abzukühlen. In Südostasien sei beispielsweise festgestellt worden, dass Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren überdurchschnittlich hohen Temperaturen ausgesetzt waren, seltener zur Schule gingen.

Rund 920 Millionen Kinder sind von Wasserknappheit betroffen, mit ebenfalls dramatischen Folgen: Kinder müssen in Relation zu ihrem Körpergewicht mehr Wasser und Nahrung zu sich nehmen als Erwachsene. Wenn sauberes Wasser zum Trinken oder Waschen fehlt, kann das wiederum das Auftreten von Erkrankungen wie Cholera, Typhus, aber auch von akuten Atemwegsinfektionen und Masern erhöhen. „Durch Wasser übertragene Infektionen können auch zu Durchfallerkrankungen führen, die weltweit eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern sind“, heißt es weiter.

Die Klimakrise sorgt nicht nur für mehr Hitze oder Dürre, sondern auch für mehr Extremwetter, die in der Regel sehr plötzlich auftreten: Fast jedes sechste Kind weltweit (600 Millionen) ist derzeit durch Wirbelstürme gefährdet. Eins von sieben Kindern weltweit (330 Millionen) ist Überschwemmungen durch Flüsse ausgesetzt – und eins von zehn Kindern (240 Millionen) Überschwemmungen an Küsten.

Hinzu kommen Umweltbelastungen: Fast 90 Prozent der Kinder (zwei Milliarden) lebten in Gebieten, in denen die Luftverschmutzung oberhalb der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwerte liegt. Weil Lungen und Immunsystem sich bei Kindern noch entwickeln, sind sie anfälliger als Erwachsene. Außerdem atmen sie doppelt so schnell und nehmen mehr Luft pro Einheit Körpergewicht auf. Wenn die Verbrennung fossiler Brennstoffe nicht reduziert werde, werde die Zahl der gefährdeten Kinder zunehmen, warnt Unicef. Etwa ein Drittel der Kinder (815 Millionen) sind außerdem einer zu hohen Bleibelastung ausgesetzt, weil Luft, Wasser, Böden oder auch Lebensmittel kontaminiert seien.

Oft kommen mehrere Belastungen zusammen

Problematisch sei, dass für einen großen Teil der Kinder mehrere Belastungen zusammen kämen, die sich wiederum verstärken. Ein Beispiel: Wenn in Regionen mit ohnehin hoher Luftverschmutzung die Niederschläge ausbleiben, kann das die Luftverschmutzung verschlimmern. Schlechte Luftqualität kann das Immunsystem schwächen und den Körper anfälliger machen für andere umwelt- und klimabedingte Krankheiten. Manche Krankheiten wie Malaria und das Dengue-Fieber werden durch den Klimawandel wahrscheinlich häufiger auftreten – und bergen für Kinder ein höheres Risiko, daran zu sterben.

Kinder müssten stärker vor den Folgen der Klimakrise geschützt werden, fordert Unicef. Neben Investitionen in Wassersysteme oder Hitzevorsorge gehört nach Ansicht der Experten des Kinderhilfswerks vor allem eins dazu: die umfassende Reduzierung der Treibhausgase. Zumal die Länder, in denen Kinder am stärksten gefährdet sind, nicht zu den Verursachern der Klimakrise gehören: Die zehn Länder mit dem höchsten Klima-Risiko für Kinder sind für gerade mal für 0,55 Prozent des globalen Kohlendioxid-Ausstoßes verantwortlich.

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