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Nicht auf einer Wellenlänge: CDU-Chef Armin Laschet und Kanzlerin Angela Merkel. Foto: picture alliance/dpa/dpa-pool
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Die Kanzlerin geht die eigenen Leute an Wird Laschet zum „letzten Opfer von Angela Merkel“?

Die Kritik der Kanzlerin an seiner Corona-Politik bringt CDU-Chef Armin Laschet sichtbar an seine Grenzen. Das zeigt auch ein denkwürdiger TV-Auftritt.

Politik kann ein brutales Geschäft sein. Es gibt diese Szene im Juni 2013, als die Frau von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück berichtet, „es ging uns super gut, wir hatten Freiheit und Freizeit, konnten Scrabble spielen, wann wir wollten“. Dann wurde er Kandidat – und nur noch „verhauen“. Auf die Frage der Moderatorin, warum er sich das antue, kommen Steinbrück die Tränen.

Auch Armin Laschet will Kanzlerkandidat werden, für die Union. Die Parallele zum Sozialdemokraten Steinbrück: Laschet leidet unter einem verzerrten Bild von sich in der Öffentlichkeit – und an dem Widerstand und den Zweifeln der eigenen Leute.

Selten wird im Fernsehen ein Politiker so in einer Talkshow in den Schraubstock genommen wie der CDU-Chef in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ am Mittwochabend. Zu sehen ist ein verletzter Mensch, der noch im Dezember glaubte, dank des Höhenflugs der Union und der Kanzlerin als Mann der Mitte in das Kanzleramt zu segeln.

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Ein Christdemokrat von Rang wagt nun folgende Prognose: „Armin Laschet wird nicht Kanzler, sondern das letzte Opfer von Angela Merkel.“ Auch andere rätseln, warum die Kanzlerin die eigenen Leute kritisiert, wo doch die Union gerade versucht, den Absturz irgendwie zu bremsen.

Doch der Reihe nach: Laschet hatte am Dienstag seinen ersten programmatischen Aufschlag für die Zukunft des Landes und der CDU vorgestellt. Doch das geht nun mit diesem TV-Auftritt völlig unter.

Laschet weist bei Lanz darauf hin, dass die Kritik Merkels an seinem Festhalten an Ladenöffnungen mit Terminvergabe und negativem Coronatest auch bei Inzidenzen über 100 überbewertet werde.

Er sagt, dass Merkel bei "Anne Will" erst auf mehrfache Frage, ob das ein Fehler von ihm sei, gesagt habe: „Ja, aber er ist da nicht der einzige.“

Klar, sie kritisierte ebenso weitere Bundesländer wie Berlin und das Saarland. Und blieb eigene Antworten schuldig – außer der Drohung mit einem Eingreifen des Bundes. Aber Merkel weiß, welcher Eindruck entsteht: Ein Dissens zwischen Kanzlerin und ihrem möglichen Nachfolger. Die Kanzlerin hätte ja diplomatisch wie sonst sagen können, es gebe unterschiedliche Ansichten, man werde nochmal reden.

Söders Sticheleien

Aus Bayern meldete sich dann auch Markus Söder. Er finde es „sehr seltsam, wenn der CDU-Vorsitzende mit der CDU-Kanzlerin ein halbes Jahr vor der Wahl streitet“. Was böse ist, denn ausgelöst hatte das Ganze ja Merkel. Plötzlich scheint auch die Harmonie zwischen CDU und CSU, ein Verdienst der vorherigen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, wieder auf die Probe gestellt.

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Das Bild des Lockerers der Beschränkungen stimmt bei Laschet nur bedingt. Im vergangenen Jahr, als er Auslöser der Merkelschen Wortschöpfung von „Öffnungsdiskussionsorgien“ war, behielt er Recht. Die Zahlen sanken immer weiter ab.

Laschet hat viele Brennpunkte im Ruhrgebiet; er betont auch immer das Kindeswohl. Aktuell sind die Inzidenzen vor allem bei Kindern hoch, teils bei 200 oder 300. Sie sind eine Folge der Schul- und Kitaöffnungen. Gemessen an der Bevölkerungszahl hat NRW weniger Corona-Todesfälle zu beklagen als Bayern.

Der größte Einzelausbruch in Deutschland, in der Fleischfabrik Tönnies, wurde gut gehandhabt, ein größeres Übergreifen verhindert. Laschets Umfeld betont, vieles werde übertrieben, bisher arbeite er mit Merkel eng zusammen.

Armin Laschet schaut skeptisch auf das "Team Vorsicht" - Angela Merkel und Markus Söder. Foto: dpa Vergrößern
Armin Laschet schaut skeptisch auf das "Team Vorsicht" - Angela Merkel und Markus Söder. © dpa

Laschet zu Merkels Kritik: "Ich habe mich nicht gefreut"

Lanz fragt den Politiker, ob er nun nach Merkels Schelte beschädigt sei. „Ich empfinde es nicht so. Herr Lanz.“

Er betont aber auch: „Ich habe mich nicht gefreut.“ Der Moderator hakt immer weiter nach. Laschet klammert sich an das Wasserglas. Stichelt in Richtung Söder: zu punkten, indem man den Kollegen schlecht macht, „das ist nicht mein Stil“.

Im Karneval hat Laschet einmal zum Spaß gesagt: Er sei Deutschlands „next Mutti“. Lanz will wissen, wie schmerzhaft das sei, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen, plötzlich der Anti-Merkel zu sein. „Es ist nicht so, es ist nicht so“, widerspricht Laschet.

Lanz verweist auf Laschets große Unterstützung für Merkel und ihre Flüchtlingspolitik, als es fast zum Bruch von CDU und CSU kam. Und derjenige, der damals brutal wie kaum ein anderer gegen Merkel vom Leder gezogen habe – Söder – „ist plötzlich der Mann an ihrer Seite“.

"Ein gestörtes Verhältnis"

Laschet wirkt resigniert, er sagt: „Ja, dann ist es so.“ Er fängt sich, sagt Richtung Söder: „Die CDU will nicht diese Sticheleien, da bin ich mir todsicher.“ Es werde die Partei nicht zerreißen.

Dann fragt Lanz fast überfallartig, „was muss passieren, dass Sie verzichten, Herr Laschet?“ Laschet: „Ach, Herr Lanz.“ Am liebsten würde er wohl gehen jetzt. „Wir werden das gemeinsam besprechen.“

Die K-Frage werde zwischen Ostern und Pfingsten entschieden. Es war vorher gemutmaßt worden, dass es zwischen einem neuen CDU-Chef, der Kanzlerkandidat werden will, und einer Kanzlerin, die sich gut verabschieden will, zu Problemen kommen könnte. Nun kommt auch noch Söder mit seinen Sticheleien hinzu. Einer, der sie gut kennt, sagt, Laschet und Söder hätten mittlerweile ein „gestörtes Kommunikationsverhältnis“.

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