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Manche Medien sind regelrecht begeistert von Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock: "Endlich anders" jubelte der "Stern" auf seinem Titel. Foto: Davin Gannon/AFP
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„Die Grünen sind jetzt Jagdziel Nr. 1“ Könnte Baerbock so abstürzen wie Martin Schulz?

Wie jetzt Annalena Baerbock bejubelten die Medien vor vier Jahren Martin Schulz als SPD-Hoffnungsträger. Der kam dann nicht ins Kanzleramt.

Seit der Ausrufung der Kanzlerkandidatin erwecken strahlende Titelbilder mit Annalena Baerbock und teils hymnische Zuschreibungen in den Medien den Eindruck, die 40-Jährige werde Deutschlands nächste Kanzlerin. In den Umfragen hilft das den Grünen.

Vor vier Jahren erlebte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz anfangs eine ähnliche Resonanz. Der „Spiegel“ titelte zu seinem Porträt inmitten von Sonnenstrahlen: „St. Martin. Der Machthunger des Kandidaten Schulz“. Auf dem Cover des „Stern" schwenkte er eine rote Fahne. Doch am Wahlabend schwenkte in der SPD keiner mehr Fahnen.

Droht auch den Grünen nun eine Entzauberung? „Die Absturzgefahr ist real, weil die Grünen bereits jetzt am oberen Ende ihres Potenziales anschlagen und die anderen Parteien sich in Schlechtform präsentieren", sagt Frank Stauss von der Agentur Richel-Stauss, der für die Bundes-SPD arbeitete und SPD-Ministerpräsidenten zu Siegen verhalf: „Die Grünen sind jetzt Jagdziel Nr.1 und alle anderen wollen von denen ihre Prozente zurückhaben."

Am Ende blieb nicht viel vom anfänglichen "Hype" um den SPD-Kanzlerkanditaten Martin Schulz. Er wurde erst gefeiert, verlor dann aber seine Wahl. Foto: Wolfgang Rattay/REUTERS Vergrößern
Am Ende blieb nicht viel vom anfänglichen "Hype" um den SPD-Kanzlerkanditaten Martin Schulz. Er wurde erst gefeiert, verlor dann aber seine Wahl. © Wolfgang Rattay/REUTERS

Im Vergleich zu Baerbock sei Schulz 2017 überqualifiziert gewesen, aber „am Ende wurde ihm das Amt trotzdem nicht zugetraut". Gegen die Grünen spreche, dass am Ende „ein großes Sicherheitsgefühl“ bestimmend sein werde. Dann habe die Union und „mit etwas Geschick auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz noch Chancen, sich als Anker der Stabilität zu präsentieren".

Auch der frühere niedersächsische SPD-Wahlkampfmanager Georg Brockmeyer ist überzeugt, die SPD könne „nicht nur der Union, sondern auch den Grünen Stimmen wegnehmen, wenn sie voll auf Angriff geht, klare Botschaften wiederholt und alles auf ihren Kanzlerkandidaten konzentriert“. In einem volatilen Wählermarkt könnten dann auch die im Moment guten Werte der Grünen nachgeben.

"Die Grünen sind gezwungen, ihre inhaltliche Unbestimmtheit aufzugeben"

„Mit einem Kuschelkurs gegenüber den Grünen kann die SPD da allerdings wenig bewegen“, warnt der inzwischen zur österreichischen Schwesterpartei SPÖ  gewechselte Sozialdemokrat: „Sie muss deutlich machen, wo die Widersprüche von Annalena Baerbocks Partei liegen und wo sie die besseren Antworten hat.“

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Wer Stauss und Brockmeyer für befangen hält, sollte Oskar Niedermayer zuhören. Der Parteienforscher vom Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin sagt ebenfalls voraus, es werde für die Grünen schwer, ihre guten Werte zu halten. Nun beginne die Phase, „in der sie dazu gezwungen sind, ihre inhaltliche Unbestimmtheit aufzugeben, die ihnen bisher Umfrage-Anhänger mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen beschert hat".

Nun rücke das Parteiprogramm in den Fokus, das „sowohl wirtschafts- als auch gesellschaftspolitisch ein „linkes“ Programm sei. Die Folge könne sein, dass „ein Teil der nicht an die Partei gebundenen ,Randwähler' wieder abspringt".

Auch der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, hält es für unklar, ob die Partei ihre guten Werte bis zur Bundestagswahl halten kann. „Die Halbwertszeit für politische Stimmungen ist sehr kurz geworden“, betonte der Meinungsforscher.

„Bisher hatte die Union strukturell das höchste Wählerpotenzial, doch ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet steht wahrlich nicht als strahlender Sieger der Entscheidung um Vorsitz und Kanzlerkandidat da“, sagte Jung. Das theoretische Wählerpotenzial der Grünen liege bei bis zu 60 Prozent. „Eine Mehrheit der Bevölkerung will mehr Ökologie und Klimaschutz“, sagte Jung. „Um 60 Prozent der Wähler können sich heute grundsätzlich vorstellen, ihre Stimme auch mal den Grünen zu geben“, erklärte der Wahlforscher.

[Mehr über das Netzwerk von Annalena Baerbock können Abonnenten von T+ hier lesen: Von der Aufpasserin bis zum Strippenzieher – das ist die grüne Machtmaschine]

Bei den Grünen freut man sich über die Umfragen. Doch den steilen Höhenflug sehen viele in der Partei auch skeptisch, Umfrage-Meister waren die Grünen schon häufiger. Der Zusammenbruch des Schulz-„Hypes“ vor vier Jahren steht vielen vor Augen.

Hat einen guten Ratschlag an Annalena Baerbock: Renate Künast wollte 2011 für die Grünen das Rote Rathaus erobern, aber ihre Umfragevorsprung schmolz schnell dahin. Foto: Maurizio Gambarini/DPA Vergrößern
Hat einen guten Ratschlag an Annalena Baerbock: Renate Künast wollte 2011 für die Grünen das Rote Rathaus erobern, aber ihre Umfragevorsprung schmolz schnell dahin. © Maurizio Gambarini/DPA

Auch die Pädophilie-Debatte, die die Grünen im Wahlkampf 2013 viele Stimmen kostete, hat man in der Partei nicht vergessen. „Es wird schmutzig“, prophezeit eine altgediente Grüne, die heftige Angriffe auf Baerbock befürchtet.

Grünen-Politikerin Renate Künast hat den Absturz aus Umfragehöhen selbst durchlitten. Als ihre Partei im Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlkampf 2011 zeitweise die SPD überholte, erhob Künast Anspruch auf das Rote Rathaus. Die Grünen landeten dann aber nur auf Platz drei.

"Ich habe gelernt, dass am Ende aus den unterschiedlichsten Erwägungen gewählt wird", sagt die Berliner Bundestagsabgeordnete heute. Ihr Rat an die eigene Partei ist ein Zitat des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Es gilt, das artistische Kunststück zu vollbringen, mit dem fliegenden Teppich zwingend Bodenkontakt zu bewahren."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das Zitat von Kretschmann sei ein Rat von Renate Künast an Annalena Baerbock. Renate Künast legt Wert darauf, dass ihr Rat an die Partei und nicht an Annalena Baerbock gerichtet ist.

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