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Überlastet. Tschechische Krankenhäuser könnten bald auf deutsche Hilfe angewiesen sein. Foto: Imago
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Die dritte Welle Tschechien – das Land mit der höchsten Inzidenz weltweit

Zuletzt meldete das Land eine Sieben-Tage-Inzidenz von 765. Das Gesundheitssystem ist stark überlastet. Die Gründe dafür reichen bis zum Sommer zurück.

Vor einem halben Jahr, Ende August, rühmte der tschechische Ministerpräsident Andrej Babis sein Land als eines „der besten im Umgang mit Covid“. Die Regierung hatte die Grenzen in der Corona-Pandemie schnell geschlossen, einen nationalen Lockdown verhängt und sogar eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit beschlossen.

Die Zahlen gaben Babis recht: Tschechien verzeichnete lediglich rund 20 neue Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Bereits Ende Juni hatten Tausende Menschen daher das Ende von Corona bei einer Straßenparty gefeiert – mit wenig Abstand und ohne Maske. Die Menschen nahmen die Pandemie nicht mehr ernst und fanden zum Alltag zurück. Was folgte, war ein Anstieg der Infektionszahlen bis auf 848 Fälle pro 100.000 Einwohner.

Die Regierung verhängte neue Maßnahmen, die Zahlen sanken bis Anfang Dezember deutlich. Tschechien lockerte abermals und wieder stiegen die Zahlen schnell exponentiell an, diesmal sogar auf 853 Fälle pro 100.000 Einwohner.

Die Regierung gestand sich diesmal ein, zu früh gelockert zu haben und schien Ende Januar mit neuen Maßnahmen wiederum auf einem guten Weg zu sein. Babis lockerte nicht - trotz stark sinkender Zahlen.

Die mutierten Varianten des Virus stellen das Land nun aber erneut vor eine Herausforderung. Medienberichten zufolge wird in manchen tschechischen Gegenden in bis zu 70 Prozent der Fälle eine mutierte Variante des Virus festgestellt. Auch deshalb kommt es zu mehr Infektionen und schwereren Verläufen. In manchem Krankenhäusern müssen Ärzte die Triage einsetzen, um Patienten zu priorisieren.

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Jetzt, Ende Februar, hat Tschechien die mit großem Abstand höchste Sieben-Tage-Inzidenz auf der Welt. Laut Daten der Johns-Hopkins-Universität wurden 765 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen gemeldet. Im Vergleich dazu: In Deutschland waren es nur 67.

Der stellvertretende Gesundheitsminister Vladimir Cerny sagte in dieser Woche, dass die Kapazitätsgrenze bei den Plätzen auf den Intensivstationen erreicht sei. Vor allem qualifiziertes Personal fehle, sagte er. Er verwies auf die Möglichkeit, Patienten aus dem schwer betroffenen tschechischen Westen in deutsche Krankenhäuser zu verlegen. Die Regierung dürfte Deutschland demnach offiziell bitten, Patienten aufzunehmen.

Vor zwei Wochen hatte Gesundheitsminister Jan Blatny noch ein Angebot aus Deutschland abgelehnt, das Krankenhaus in der westlichen Stadt Cheb zu entlasten. Er erntete dafür öffentlich Kritik.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Tschechien liegt bei 765. Foto: Screenshot Tagesspiegel Vergrößern
Die Sieben-Tage-Inzidenz in Tschechien liegt bei 765. © Screenshot Tagesspiegel

Cerny warnte vor einer Überlastung des gesamten Gesundheitssystems. Bei der Behandlung von Nicht-Corona-Patienten gebe es bereits Verzögerungen. „Wir stehen kurz davor, dass uns die Kapazitäten für die Intensivpflege ausgehen. Das System ist nahe an seiner Grenze.“

1300 Corona-Patienten werden derzeit auf Intensivstationen tschechischer Krankenhäuser behandelt, die Hälfte davon muss beatmet werden. Tschechien hat rund 10,7 Millionen Einwohner. In Deutschland werden laut Daten des Intensivregisters rund doppelt so viele Corona-Patienten auf Intensivstationen der Krankenhäuser behandelt, circa 2800. Allerdings hat Deutschland auch etwa acht Mal so viele Einwohner.

In Tschechien steigt nicht nur die Anzahl der Hospitalisierungen und bestätigten Neuinfektionen an, von rund 6700 Anfang Februar auf jetzt mehr als 11.600. Auch der Anteil der positiven Tests an der Gesamtzahl der Tests, die sogenannte Positivrate, steigt wieder deutlich an. Während es Anfang Februar noch weniger als 13 Prozent waren, sind es nun wieder fast 15 Prozent. Das zeigen offizielle Daten auf Our World in Data.

Und während in den meisten europäischen Ländern die Anzahl der täglich gemeldeten Todesfälle sinkt, steigt sie in Tschechien wieder leicht. Vor vier Wochen wurden weniger als 100 gemeldet, am Samstag waren es fast 200.

Tschechen kritisieren Maßnahmen: „Darauf werde ich pfeifen“

In dieser Woche überschritt die Zahl der Corona-Toten insgesamt die Schwelle von 20.000. Um die Pandemie wieder unter Kontrolle zu bringen, greift die Regierung deshalb nun zu drastischen Maßnahmen.

Die Bürger dürfen ihren jeweiligen Bezirk von Montag an nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Die Bezirke entsprechen in ihrer Größe etwa den Landkreisen in Deutschland. „Wenn wir das nicht tun, sieht die ganze Welt ein zweites Bergamo in Tschechien“, warnte Ministerpräsident Andrej Babis nach einer Sondersitzung des Kabinetts. Im vorigen Frühjahr wütete das Coronavirus in der italienischen Provinz Bergamo.

In Wohngebieten gelte in der Öffentlichkeit Maskenpflicht, ebenso an Arbeitsplätzen. Sämtliche Schulen und nicht lebenswichtigen Geschäfte würden geschlossen. Erlaubt bleiben Fahrten zur Arbeit, zum Arzt und zu Behörden, wenn entsprechende Nachweise erbracht werden. Spaziergänge und Sport werden nur in der eigenen Gemeinde erlaubt sein. Zusätzlich zu 26.000 Polizisten sollen 5000 Soldaten darüber wachen, dass die Auflagen eingehalten werden.

Laut Innenminister Jan Hamacek gelten die Maßnahmen zunächst für drei Wochen. „Das einzige Ziel ist, die Kurve der Neuinfektionen und der Intensivpatienten umzukehren, bevor es zu spät ist“, sagte der Innenminister vor Journalisten. Die Regierung verhängte einen neuen einmonatigen Notstand, der am Sonntag in Kraft getreten ist. Bereits seit vergangenem Jahr gilt eine nächtliche Ausgangssperre, Restaurants sind geschlossen.

In Online-Kommentaren und den sozialen Medien überwog dennoch der Ärger. „Bisher habe ich alles eingehalten, aber darauf werde ich pfeifen“, schrieb ein Internet-Nutzer. „Die Regierungspolitiker sind verrückt geworden“, meinte ein anderer.

Die Kritik wächst auch deshalb, weil die Impfkampagne in Tschechien schleppend anläuft. Bei den verabreichten Dosen der Corona-Impfstoffe liegt Tschechien sogar hinter Deutschland. Stand Samstag wurden knapp 6000 Impfdosen pro 100.000 Einwohner verabreicht, in Deutschland rund 7100. Angesichts der prekären Lage in Tschechien sind es allerdings deutlich zu wenig Impfungen.

In Tschechien liegt es aber wohl auch daran, dass nicht genügend Impfstoff vorhanden ist. Deshalb wird jetzt gleich an mehreren Seiten versucht Abhilfe zu schaffen.

Impfstoff-Hilfe aus Deutschland, auch Sputnik V soll helfen

So wollen Sachsen, Bayern und Thüringen Tschechien mit Corona-Impfstoff aushelfen. Ab Montag sei die Lieferung von insgesamt 15.000 Impfstoff-Dosen an das Nachbarland geplant, sagte Sachsens Regierungssprecher Ralph Schreiber am Sonntag.

Die tschechische Regierung werde demnach über die weitere Verteilung entscheiden. Zuvor hatten bereits Israel und Frankreich Tschechien Dosen des Biontech-Pfizer-Präparats zugesagt. Aus Israel sollen 5000 Dosen kommen, aus Frankreich sogar 100.000. Mit der Lieferung werde allerdings erst Mitte März gerechnet, sagte Premier Babis.

Neben der innereuropäischen Hilfe geht Tschechien allerdings auch einen höchstumstrittenen Schritt. So will das Land auch den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V erhalten. Er habe sich mit einer entsprechenden Anfrage an seinen russischen Kollegen Wladimir Putin gewandt, erläuterte der tschechische Präsident Milos Zeman am Samstag.

Man brauche indes noch eine Zulassung für den Impfstoff, räumte Zeman ein. Ihm selbst würde nach eigener Aussage eine Genehmigung durch die tschechische Arzneimittelbehörde SUKL „vollauf genügen“. Dem schloss sich am Sonntag in einem Interview der Zeitung „MF Dnes“ auch Ministerpräsident Andrej Babis an. Dabei hatte der Regierungschef noch vor kurzem betont, er wolle erst die Freigabe durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) abwarten.

Russland hatte Sputnik V bereits im vorigen Sommer zugelassen, obwohl bis dahin wichtige Tests noch nicht erfolgt waren. Anfang Februar wurden im medizinischen Fachblatt „The Lancet“ Daten zu einer wohl hohen Wirksamkeit des Vakzins veröffentlicht. Laut russischen Angaben wurde der Impfstoff in mittlerweile mehr als 30 Ländern registriert.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Kontrollen an der Grenze zu Deutschland. Auch dafür machen die Tschechen ihre Regierung mitverantwortlich. Die strengen Einreiseregeln wurden eingeführt, weil Deutschland Tschechien als Virus-Variantengebiet ansieht.

Einem Bericht zufolge sollen diese Einreiseregeln nun weiter verlängert werden. Ein Referentenentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium sehe eine Fristverlängerung um zwei Wochen bis zum 17. März vor, berichteten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am Samstag. Tschechen ohne Wohnsitz in Deutschland dürfen weiterhin in der Regel nicht mehr in die Bundesrepublik befördert werden.

Hohe, steigende Infektionszahlen, schleppende Impfkampagne und Grenzkontrollen – viel Grund zum Optimismus gibt es in Tschechien derzeit nicht. Das hindert Präsident Zeman allerdings nicht daran, mit einer sehr zuversichtlichen Prognose aufzuwarten.

Zeman glaubt, dass die Corona-Pandemie in seinem Land spätestens im September ausgestanden sein könnte. Alle, die eine Corona-Impfung bekommen möchten, würden bis dahin geimpft sein, sagte Zeman dem Fernsehsender CNN Prima News. Auch glaube er, dass die „leicht wahnsinnige Gruppe“, die eine Impfung ablehne, bis dahin ihre Meinung geändert habe. (mit Agenturen)

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