Die Chinesen sind am optimistischsten. 53 Prozent glauben, dass die Welt besser wird. Zur digitalen Revolution haben sie ein positives Verhältnis. Foto: Reuters
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Die Angst der Deutschen vor der Zukunft Über Facebook, Google und Apple kann auch ein Segen liegen

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Nur sieben Prozent der Deutschen glauben, dass die Welt besser wird. Kein Wunder: Kulturell dominieren die Schwarzmaler. Ein Kommentar.

Die Zukunft ist düster, die Liebe tragisch. Das Gegenteil gilt als langweilig. Eine glückliche Liebe? Das ist Stoff für einen Bastei-Lübbe-Groschenroman, wie man das Genre vor der Einführung des Euro nannte. Eine schöne neue Welt? Daran glaubt doch ohnehin keiner. Und erst recht nicht in Deutschland.
Zum Jahreswechsel hat das britische Forschungsinstitut „Ipsos Mori“ Menschen aus 25 Nationen nach ihrer Einstellung zur Zukunft befragt. Nur 13 Prozent sagen, die Welt wird besser, 67 Prozent, sie wird schlechter. Am optimistischsten sind Chinesen (53 Prozent prognostizieren eine Verbesserung), Inder (43 Prozent) und Schweden (23 Prozent). Die Deutschen liegen auf einem hinteren Platz, nur sieben Prozent glauben, dass die Dinge eine positive Entwicklung nehmen.

Objektiv lässt sich die Frage nicht beantworten. Die Schwarzmaler weisen auf Hunger, Flucht, Terror und Klimakatastrophen hin. Die Weichzeichner erinnern daran, dass global betrachtet die Lebenserwartung steigt, die Säuglingssterblichkeit zurückgeht, Krankheiten wie Pest, Cholera und Tuberkulose eingedämmt wurden, die Armutsraten geringer werden, weniger Menschen durch Kriege sterben. Recht hat keiner. In die Antworten fließen Gefühle ebenso ein wie Informationen.

Die Zukunft? Das ist die Endzeit

Kulturell allerdings dominieren die Pessimisten. In Filmen wird die Menschheit regelmäßig durch Killerviren, Atomkriege und Klimakatastrophen dahingerafft. Aktuell läuft im Kino „Downsizing“. Wegen der Überbevölkerung werden Erdbewohner auf eine Größe von zwölf Zentimetern geschrumpft, damit sie weniger Ressourcen verbrauchen. Wer will, kann sich danach den Streifen „It Comes at Night“ ansehen. Der zeigt eine Postapokalypse, in der sich Menschen in ein Haus in einem Wald verbarrikadiert haben, um nicht das Opfer eines ansteckenden Virus zu werden. Die Zukunft? Das ist die Endzeit. Die Endzeit? Das ist der Horror.
Kein Wunder, dass segensreiche Nachrichten kaum Widerhall finden. Ein Beispiel? Die digitale Revolution. Auch bei diesem Thema ist mit Kritik jeder immer schnell. Dreiste Datensammler züchten sich fernsteuerbare Konsumsklaven heran, heißt es. Big Brother überall, kein Schutz der Privatsphäre, Algorithmen übernehmen die Macht. Falsch ist das nicht. Die Sorgen sind berechtigt. Aber sie drücken nur eine Sicht aus. Die andere wird genährt von Offenheit, Neugier, Erstaunen.

In Berlin gibt es das Bernstein Zentrum für Neurotechnologie (Bernstein Center for Computational Neuroscience). Dort wird daran geforscht, wie ein so genanntes „Brain Computer Interface“ (BCI) mit Methoden des maschinellen Lernens Hirnsignale dekodieren kann, um sie zur Kontrolle von Objekten zu benutzen. Das heißt: Allein durch seine Gedanken soll ein Gelähmter wieder befähigt werden, seine Gliedmaßen zu benutzen. Die Möglichkeit telepathischer Kommunikation deutet sich für die nahe Zukunft an.

Google weiß, wann und wo eine Grippewelle beginnt

Facebook arbeitet an einem Programm, dass das Verhalten von Nutzern nach möglichen Depressionen und Selbstmordgefährdungstendenzen untersucht. Welche Bilder werden bevorzugt gepostet, welche Farben und Motive enthalten diese Bilder? Zu welcher Tageszeit ist der Nutzer besonders aktiv? Apple will über eine App namens „MPower“ bald in der Lage sein, sehr frühzeitig Anzeichen für Parkinson bei iPhone-Benutzern zu erkennen. Und Google weiß früher als jedes Institut für Infektionskrankheiten, wann und wo eine Grippewelle beginnt, nämlich dort, wo im Suchfeld das Begriffspaar „Grippe“ und „Symptome“ öfter als sonst eingegeben wird.

Im Kampf gegen Herzrhythmusstörungen, Diabetes und Schwerhörigkeit werden digitale Instrumentarien seit langem eingesetzt. „Doctor You“ hieß vor einer Woche die Titelgeschichte des „Economist“. Das britische Magazin begrüßt den Wandel.

Doch auf Krankenheilung ist der Segen der digitalen Revolution nicht beschränkt. Big Data wird bei der Verbrechensbekämpfung ebenso erfolgreich eingesetzt wie bei der Studienwahl, in Wirtschaftsprognosen, bei der Armutsbekämpfung, der Stadt- und Verkehrsplanung. Überall dort, wo große Datenmengen miteinander verknüpft und in Beziehung gesetzt werden müssen, können klug komponierte Algorithmen neues, wertvolles Wissen produzieren.

Wer weiß? Vielleicht wird die Welt trotzdem schlechter. Dass aber nur sieben Prozent der Deutschen vom Gegenteil überzeugt sind, kündet vielleicht auch von einer gewissen Apokalypse-Sehnsucht. Der Alptraum als geheimer Wunschtraum.

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