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Deutschland und die Kinderrechte Kinderfeindlichkeit ist gesellschaftlich völlig akzeptiert

Es ist immer wieder erstaunlich, welches Desinteresse an Kindern sich in Deutschland etabliert hat. Das betrifft auch die Politik. Ein Kommentar.

Schul- und Kitaschließungen sind künftig ausdrücklich untersagt. Das ist ein Punkt aus dem neuen Infektionsschutzgesetz, das am Donnerstag und Freitag beschlossen wurde. Er wird jenen Eltern besonders gefallen, die sich während der früheren Lockdowns mit ihren Kindern zu Hause eingesperrt sahen und sich ihnen ausgeliefert fühlten.

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Die Meldungen und Erzählungen darüber, wie nervig und stressig oder schlicht schrecklich es für sie war, den Nachwuchs den ganzen Tag irgendwie zu beschäftigen, wurden immer mehr, und sie wurden mit Vergnügen konsumiert und weiterverbreitet. So weit, so egal – oder fängt da das Problem einer latenten Kinderfeindlichkeit schon an?

Mit dem Abwerten von Kindern hierzulande ist es wie mit dem Bekenntnis, Mathematik doof zu finden und keine Ahnung davon zu haben: Es ist gesellschaftlich völlig akzeptiert, obwohl daran letztlich nicht viel Gutes zu erkennen ist. Über welche Bevölkerungsgruppe ließe sich noch so ungeniert motzen wie über Kinder? Über keine. Man braucht das nicht gleich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu nennen, und doch trägt es Züge davon.

Wie zu Kompensationszwecken gibt es dann eruptive Aktionen, worunter man auch führen kann, was vergangenen Samstag am „Tag der Kinderrechte“ so los war. In Deutschland sollten einige bekannte Gebäude blau angestrahlt werden, und Kinderschutzorganisationen riefen ins Bewusstsein, dass Kinderrechte nicht nur in Form von Kinderarbeit oder Hunger bedroht werden, sondern auch in Deutschland.

Umweltschutz ist Kinderschutz

Etwa beim Umweltschutz, wo bereits das Bundesverfassungsgericht eine wegweisende Entscheidung getroffen hat. Umweltschutz ist Kinderschutz, weil mit der Klimakrise die Existenz künftiger Generationen bedroht werde. Dass die vielen aktuellen Klimaschutzmaßnahmen so nicht vermarktet werden, ist verständlich: Der Hinweis auf die Kinder würde das Thema nicht wichtiger machen, sondern unwichtiger. Ach, für Kinder? Na, dann ist es ja nicht so wichtig.

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Es kann immer wieder erstaunen, welches Desinteresse an den Nachfolgenden sich hierzulande etabliert hat. Es macht im Großen beispielsweise die durch nichts zu rechtfertigende und dennoch nur schlimmer werdende Bildungsmisere möglich, und die Art, in der die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in den Corona-Debatten nur spärlich vorkamen.

Auch im Kleinen finden sich Spuren dieser Ignoranz überall. Seien es fehlende obligatorische Zebrastreifen vor Schulen und Kitas, die eine Gleichgültigkeit gegenüber der besonderen Schutzbedürftigkeit ausdrücken, oder sei es die schlimme Quengelware in den Supermärkten, die auf Kinder als leichte Kundenbeute zielt.

Man kann, um das eher unfreundliche Verhältnis zum Kind herzuleiten, auf die menschenfeindliche Ideologie der NS- Zeit zurückgreifen. Aber das erklärt nicht vollständig, warum sich daran bis heute so richtig auch nichts ändern will.

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Das betrifft nicht nur die Gesellschaft, die gern in grimmiger Einigkeit die Augen rollt über störende Kinder, sondern auch die Politik – wenn man sich beispielsweise anschaut, wie jetzt in Berlin niemand nach dem Schulressort greifen will, weil es vor allem mit Unbill verbunden ist, mit Geldmangel, Gebäudemangel, Lehrermangel, Allesmangel.

Statt dass die Aufgabe, Heranwachsenden Chancen und Wege zu zeigen, sie vielleicht ein Stück beeinflussen zu können, als die wertvollste und erstrebenswerteste überhaupt anerkannt wäre, klebt an all dem bis heute das „Gedöns“-Etikett der Nachrangigkeit, das Gerhard Schröder einst dranpappte.

Hillary Clinton hat sich 1995 als First Lady der USA mit der Aussage hervorgetan, dass Menschenrechte Frauenrechte seien und Frauenrechte Menschenrechte. Dasselbe gilt für Kinderrechte. Es sind Menschenrechte. Es ist schade, aber alles andere als überflüssig, dass es besondere Tage braucht, damit das Platz und Gehör findet.

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