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Die Trockenheit in Madagaskar zwang die Menschen, Heuschrecken zu essen. Auch in anderen Regionen der Welt könnte Nahrung bald knapp werden. Foto: © WFP/Tsiory Andriantsoarana
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Der Westen und Russland Gobaler Krieg gegen die Armen

Schwellen- und Entwicklungsländer leiden unter den Folgen der westlichen Sanktionen gegen Russland. Ihre Sicht auf den Krieg auszublenden, wäre fatal für die Welt. Ein Kommentar.

Es ist eine gängige Floskel, aber sie ist falsch. Weltweites Entsetzen hätten russische Kriegsverbrechen ausgelöst, heißt es oft in deutschen Medien, wenn wieder grauenhafte Nachrichten und Bilder aus der Ukraine eintreffen. Das Erschrecken über diesen nahen Krieg verstellt manchem den Blick dafür, dass Europa, Russland und die USA nicht allein sind auf diesem Globus.

Die völlig berechtigte, völkerrechtlich und moralisch begründete Verurteilung dieses Angriffskriegs findet nur ein schwaches Echo in vielen Schwellenländern und im globalen Süden. Die Menschen dort kommen aus anderen Traditionen, verfolgen andere Interessen, haben andere Nöte.

Und sie werfen dem Westen doppelte Standards vor: Auf den Krieg gegen die Ukraine reagiere er sofort und entschieden, ähnliches Leiden im Nahen Osten, in Asien, Afrika oder Lateinamerika aber lasse ihn kalt. Aus manchen fernen Stimmen ist Genugtuung darüber herauszuhören, dass die Dominanz des als arrogant empfundenen US-amerikanischen Hegemons von Wladimir Putin herausgefordert wird.

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Aber es geht nicht nur um Urteile, es geht auch um nackte Interessen. Im 20. Jahrhundert entgrenzte sich ein europäischer Konflikt zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Im 21. Jahrhundert treffen die russische Verhinderung ukrainischer Getreidelieferungen in den Süden und die ökonomische Kriegsführung des Westens gegen Russland die ganze Welt. Der Krieg in der Ukraine ist ein globaler Krieg geworden, ohne dass eine einzige russische oder ukrainische Granate in einem anderen Kontinent eingeschlagen wäre.

Deutschland hat den Vorsitz der G7. Außenministerin Annalena Baerbock verabredete Mitte Mai mit ihren Kolleginnen und Kollegen Hilfen für den Getreideexport aus der Ukraine. Foto: dpa Vergrößern
Deutschland hat den Vorsitz der G7. Außenministerin Annalena Baerbock verabredete Mitte Mai mit ihren Kolleginnen und Kollegen Hilfen für den Getreideexport aus der Ukraine. © dpa

Das Ringen der Ukraine und des Westens mit Russland ist auch ein Kampf zulasten Dritter, denn wegen der explodierenden Energiepreise und der Knebelung der russischen Wirtschaft werden ohnehin labile Volkswirtschaften abstürzen, Arme ärmer werden und Hungersnöte ausbrechen. Dem Hungernden wird es egal sein, ob er leidet, weil Russland in zynischer Weise den Weizenexportstopp als Waffe einsetzt. Oder ob seine Not einen Kollateralschaden westlicher Sanktionen gegen Russland darstellt, die in bester Absicht verhängt wurden.

Schon warnt der indische Autor Pankaj Mishra vor einer Wutwelle des armen Südens gegen den reichen Norden in einer Wiederkehr des „Nine-Eleven“-Moments: Auf die Terror-Anschläge vom September 2001 mussten die USA und ihre Verbündeten damals reagieren, doch sie überzogen. Nach wenigen Jahren hatten die Angegriffenen große Teile der arabischen und muslimischen Welt gegen sich aufgebracht, der Graben war größer als jemals zuvor.

Wird der Westen die Fehler von "Nine Eleven" wiederholen?

Droht erneut ein solches Desaster? Zumindest die Ampelkoalition scheint sehr konzentriert auf die Unterstützung der Ukraine durch eine starke, einige Nato – und das ist auch dringend nötig. Gleichzeitig arbeitet Deutschland als Vorsitzender der Gruppe der wichtigsten Industrieländer daran, gemeinsam mit den G7-Partnern die Ernährung in solchen Ländern zu sichern, die bisher etwa ukrainischen Weizen bezogen haben.  Schlagzeilen macht diese Hilfe nicht. Wichtig und in deutschem Interesse ist sie trotzdem.

Werden die vielen Milliarden Euro für neue deutsche Waffen dazu führen, dass Zukunftsaufgaben etwa in der Klimapolitik zurückstecken müssen? Noch ist völlig unklar, ob die Rechnung aufgeht, doch Deutschland bemüht sich, mit der Abkoppelung von russischen Lieferungen die Energiewende zu beschleunigen, statt sie aufzuschieben. Ohne Kompromisse geht das nicht.

Nutzt Hunger als Waffe gegen den Westen: Russlands Präsident Wladimir Putin. Foto: Sputnik/Mikhail Metzel/Kremlin via REUTERS Vergrößern
Nutzt Hunger als Waffe gegen den Westen: Russlands Präsident Wladimir Putin. © Sputnik/Mikhail Metzel/Kremlin via REUTERS

Auch im Verhältnis zum globalen Süden sollte die deutsche Politik diesem Ansatz folgen: Sie darf sich nicht wegen des Krieges von der Aufgabe zurückziehen, ungerechte globale Strukturen zu verändern, sondern sie muss wegen des Krieges die Anstrengungen dazu und die Entwicklungszusammenarbeit verstärken.

Die Welt ist heute noch vernetzter als 2001. Was sie sich nicht leisten kann, ist eine Wiederholung der Spaltung, welche die Reaktion des Westens auf „Nine Eleven“ provozierte. Sonst wird die Zukunft noch gefährlicher als die Gegenwart.

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