Wie geht es weiter für Tiktok? Donald Trump will die Videoplattform verbieten. Foto: Drew Angerer/Getty Images
© Drew Angerer/Getty Images

Der Traum von digitaler Freiheit ist am Ende Was ist nur aus dem Internet geworden?

Mathias Müller von Blumencron

Immer weniger Chinesisches darf rein ins digitale Amerika. Nicht nur der Fall Tiktok zeigt: Das Internet ist zu einer staatlichen Waffe geworden.

Es war ein süßer Traum, so verlockend, ein Traum von einem globalen Medium des Wissens, der Demokratisierung, der Freiheit. Nun ist er ausgeträumt. Erst schotteten Autokraten die digitalen Netzwerke in ihrem Land nach außen ab. Nun beginnt auch noch der amerikanische Präsident eine neue Mauer zu bauen, diesmal eine virtuelle: Immer weniger Chinesisches darf rein ins digitale Amerika.

Und wer schon da ist, muss immer häufiger raus – und zwar schnell. So etwa die Kreativplattform Tiktok oder der Kommunikationsdienst Wechat. Was die Chinesen bereits vor Jahren errichteten – und deshalb aus den USA mit massiver Kritik belegt wurde – kopiert Trump nun im eigenen Land: eine Firewall gegen den neuen Erzfeind.

Was ist nur aus dem Internet geworden? Was früher als undenkbar galt, ist längst bittere Realität: Das Netz ist kontrollierbar – und wie! Es hat sich, in den falschen Händen, zum intelligentesten Überwachungstool entwickelt, das Herrschern jemals zur Verfügung stand.

Es ist zu einer staatlichen Waffe geworden, gegen Opposition, gegen fremde Mächte, ein perfektes Werkzeug der Spionage, der Sabotage, des Angriffs und des Geheimnisraubs. Nun macht sich auch noch das Mutterland des Internets daran, protektionistische Zäune zu errichten.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty. ]

Klar ist, dass Sicherheit und Datenschutz zentrale Bestandteile einer vertrauenswürdigen digitalen Sphäre sind und unbedingt verteidigt werden müssen. Doch immer häufiger werden auch im freien Westen unter dem Vorwand des Nutzerschutzes Regeln aufgestellt, die nationale Strukturen vor ungeliebter Konkurrenz schützen sollen.

Donald Trump hat in den USA auch die in China äußerst beliebte Universal-App WeChat verboten. Foto: AFP Vergrößern
Donald Trump hat in den USA auch die in China äußerst beliebte Universal-App WeChat verboten. © AFP

So sind Wechat und Tiktok die ersten chinesischen Dienste, die US-Nutzer in Millionenzahl begeistern. Beweise für den vorgeworfenen Datenraub gibt es dagegen nicht.

Allerdings fordern auch in Europa immer mehr Stimmen, es den Amerikanern nachzutun. Ein digitaler Schutzzaun soll her, der nicht allein Chinesen abhält, sondern auch US-Start-ups bremst, die mit ihren Online-Diensten das wohl sortierte Deutschland durcheinanderbringen.

Allen Flops ist gemein: Ihnen fehlt die Perfektion beim Nutzererlebnis

Die Desintegration des Internets und der zunehmende Protektionismus sind fatal. Das globale Netz ist unabdingbar für den Fortschritt. Online-Tools kommen aus der ganzen Welt: Cloud-Dienste, Software für ECommerce, Kommunikationsdienste, Suchmaschinen. Es wäre tragisch, wenn der freie Fluss der Kreativität zunehmend unterbunden würde.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Dagegen wünschen sich immer mehr deutsche Politiker staatlich geförderte Dienste, die Gaia-X-Cloud etwa oder nationale Chat-Plattformen. Womit sich Nutzer dann womöglich herumschlagen müssten, zeigen etliche gescheiterte Versuche: Die Post versuchte, mit Simsme einen Whatsapp-Klon hervorzubringen, den kaum jemand nutzte. Der Medienkonzern Springer beteiligte sich an der rührigen Suchmaschine Qwant, die immer noch ein Schattendasein führt.

Und selbst die von der Politik als „weltbeste Corona-App“ verkaufte Warnhilfe entwickelt sich gefährlich in Richtung eines nutzlosen Millionengrabs. Allen Flops ist eines gemein: Ihnen fehlt die Perfektion beim Nutzererlebnis, die bahnbrechend praktische Funktionsweise und die fanatische Beharrlichkeit bei der Weiterentwicklung des Dienstes.

[Jeden Morgen informieren wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, in unserer Morgenlage über die politischen Entscheidungen, Nachrichten und Hintergründe. Zur kostenlosen Anmeldung geht es hier. ]

Europa könnte als Vermittler auftreten

Deutschlands Zukunft kann deshalb nicht darin bestehen, die ohnehin schon bestehenden digitalen Grenzzäune höher zu ziehen – und Dienste nachzubauen, die es längst gibt. Deutsche Firmen haben nur eine Chance, auf den gnadenlosen Exportmärkten zu bestehen, wenn sie sich der jeweils besten digitalen Anwendungen bedienen, um damit die eigenen Ideen weiterzuentwickeln.

Damit all das funktioniert bedarf es Vertrauen, etwa dass sich hinter einem Anbieter nicht eine Organisation der Spionage oder des Datenraubes versteckt. Europas Rolle könnte es sein, als Vertrauensmittler aufzutreten, Software und Hardware rigoros zu testen – und ansonsten den Wettbewerb zu fördern, der andernorts gebremst wird. Das wäre Fortschritt.

Zur Startseite