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Ein Bild des umstrittenen Künstlerkollektivs Taring Padi bei der Documenta. Foto: REUTERS/Wolfgang Rattay
© REUTERS/Wolfgang Rattay

Der Skandal von Kassel Öffentlich geförderten Antisemitismus darf es in Deutschland nicht geben

Eine Debatte über Juden- und Israelfeindlichkeit überschattet die Documenta, eine der wichtigsten Ausstellungen der Welt. Was jetzt passieren muss. Ein Kommentar.

Der Streit um die fünfzehnte Documenta ebbt nicht ab – und das ist auch gut so. Die Debatte muss geführt werden. Nichts wäre schlimmer, als die Antisemitismus-Vorwürfe beschweigen zu wollen, nach dem Motto, diese Form von Aufsehen wollen wir nicht.

Dafür aber reicht weltweit schon ein einziges Ausstellungsstück, das als antisemitisch angesehen werden kann. Und genau das hat jetzt die seit Monaten schwelende Debatte um die Ausstellung in Kassel erneut befeuert.

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Ohnehin wäre es zu spät, die Debatte verhindern zu wollen. Nicht nur in Deutschland, auch weltweit wird zur Kenntnis genommen werden, wie dieses Land mit den Vorwürfen umgeht, was es daraus für Schlüsse, ja Konsequenzen zieht.

Immerhin wurde der Eröffnungstag schon von kleineren Kundgebungen pro-palästinensischer und pro-israelischer Gruppen begleitet.

Kann nicht sein, dass die öffentliche Hand Antisemitismus fördert

Kunst ist nicht politisch? Weit gefehlt. Und im Umgang damit wird auch Politik zur Kunst. Immerhin ist die Documenta, die es seit 1955 in Kassel gibt, neben der Biennale in Venedig die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Dann gibt es sie auch nur alle fünf Jahre, was bedeutet: Der letzte Eindruck bleibt. Eine ganze Weile. Dieser hier darf deshalb nicht bleiben.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert auch nach der Eröffnung die verantwortlichen Macher der Documenta dafür, dass es ihnen nicht gelungen sei, Antisemitismus-Vorwürfe in glaubwürdiger Weise auszuräumen.

Kleins Kritik ist nicht einmal sehr hart – sie ist nur zutreffend. Denn das indonesische Kuratorenkollektiv, die Gruppe Ruangrupa, hat Organisationen eingebunden, die den kulturellen Boykott Israels unterstützen und als antisemitisch einzustufen sind. Ruangrupa, Künstler aus dem muslimisch geprägten Indonesien, das bis heute aus Sympathie mit den Palästinensern keine Beziehungen zu Israel unterhält.

Es kann aber nicht sein, dass Antisemitismus Teil des von der öffentlichen Hand geförderten künstlerischen Diskurses in Deutschland ist.

Insofern hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier allen Anlass, sogar die Pflicht, sich dem kritisch zu nähern.

Seine Sätze sind konstitutiv: „Wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten.“ Die Anerkennung Israels sei in Deutschland Grundlage und Voraussetzung der Debatte.

Der Skandal von Kassel

Dahinter steht zugleich die klare Erkenntnis, die gewissermaßen zur Staatsräson dazugehört, nämlich, dass deutsche Politiker nicht schweigen dürfen, wenn im Land der Täter der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird. Wie sagte der neue hessische Ministerpräsident Boris Rhein? Das gelte auch für die „heimlichen Spielarten der Israel-Kritik als Ersatz-Antisemitismus“. Recht so.

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Der Ministerpräsident hätte noch sagen können, ähnlich wie der Soziologe Heinz Bude, dass in Deutschland bemerkenswert große Teile der Kulturelite mit der aggressiven BDS-Kampagne sympathisieren; BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“ und ist eine transnationale politische Bewegung, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will.

Und der Bundespräsident hätte auf einen mit breiter Mehrheit gefassten Bundestagsbeschluss gegen jede Förderung von BDS verweisen können. Diesen Beschluss öffentlichkeitswirksam zu hintertreiben ist auch keiner Documenta erlaubt, noch dazu, wo der Staat sie über den Bundestag finanziell stützt.

Judenfeindliche Äußerungen von in Kassel aktiven Künstlern und das komplette Fehlen jüdischer Künstler aus Israel bei der Documenta sind so gesehen ein Skandal.

Kein Wunder, dass der Grüne Volker Beck die Grüne Claudia Roth aufgefordert hat, sich als Kulturstaatsministerin endlich klar gegen BDS und das antiisraelische Klima auf der Documenta zu verhalten.

Das Mindeste wäre jetzt, öffentlich in Kassel zu debattieren, mit dem Kuratorenkollektiv, Politikern, dem Zentralrat der Juden, Wissenschaftlern. Die Documenta-Verantwortlichen müssen dokumentieren wollen, dass sie wissen, in welchem Land diese Ausstellung stattfindet.

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