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Stefan Homburg, Direktor des Instituts für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover. Foto: Björn Kietzmann
© Björn Kietzmann

Der Fall des Stefan Homburg Ein Wirtschaftsprofessor als raunender Corona-Kritiker

Der Ökonom Stefan Homburg liefert Demonstranten und Verschwörungsgläubigen Argumente. Kollegen sagen, Homburg sei „inhaltlich abgedriftet“ und mache Fehler.

Sachlichen Argumenten stelle er sich gerne, schreibt Stefan Homburg auf seiner Twitter-Seite. „Sachlich“ sieht bei dem Wirtschaftsprofessor so aus: Das Virus sei verschwunden, schreibt er jüngst auf Twitter. Einen User, der ihm einen Rechenfehler vorwirft, droht er Blockierung an und beschuldigt ihn, Geld anzunehmen für seine Kritik.

Der Leiter des Instituts für Öffentliche Finanzen an der Leibniz-Universität Hannover schloss in der vergangenen Woche außerdem Studierende, die einen Protestbrief auf einer Vorlesungsplattform hochgeladen hatten, von seiner Online-Vorlesung aus.

Homburg ist eine bemerkenswerte Figur bei den Stuttgarter Protesten auf dem Canstatter Wasen und in der Szene der Kritiker von strengen Vorsichtsmaßnahmen gegen Covid-19: Ein angesehener Ökonom, Autor eines Standardwerks der Volkswirtschaft, stand am 9. Mai auf einer Bühne, auf der auch Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen auftrat.

Homburg verleiht der Demonstration mit seinen Verweisen auf Wissenschaftler wie den Corona-Leugner Wolfgang Wodarg und den US-Forscher John Ioannidis eine gewisse Seriosität. Er nennt solide Zahlen und zieht Schlüsse, die nur schwer zu widerlegen sind – und gerade das macht ihn so gefährlich.

Homburgs Taktik: Seriöse Daten, zweifelhafte Schlüsse

Geifernde Hetze liegt dem Professor fern: Gut angezogen im hellblauen Jackett, ruhig im Ton und mit sicheren Formulierungen äußert er Kritik an den Kontaktbeschränkungen während der Covid-19-Pandemie. Später in seiner Rede bezeichnet er die Virologen Christian Drosten und Alexander Kekulé dann als „verhaltensauffällig“.

Genau mit dieser Mischung aus seriösem Auftreten und Polemik kommt Homburg gut an. Seine Quellen sind breit gestreut. Homburgs Strategie: Er bezieht sich auf seriöse Datenquellen, interpretiert diese aber so, dass sie ausschließlich seine These stützen. Er unterstellt Politik, Medien und Wissenschaft im nächsten Schritt, Panik zu verbreiten und freie Meinungsäußerung zu unterdrücken.

Das spricht jene an, die der Vorsichtsmaßnahmen überdrüssig sind. Der 59-Jährige ist seit dem 6. Mai auf Twitter und hat dort schon über 8000 Follower. Sein Youtube-Talk bei „Punkt Preradovic“ vom 4. Mai wurde bereits über 283 000 Mal gesehen.

Auf dem Canstatter Wasen sagt er: „Der Lockdown ist zu einem Zweck an sich geworden.“ Welchen Zweck die Politik damit verfolgt, bleibt unklar. Eine Ahnung bekommt, wer Homburgs Tweet liest, in der er die heutige Zeit mit 1933 vergleicht. „Erst wurde die Demonstrations- und Meinungsfreiheit abgeschafft, dann das Rechts-, Presse- und Wirtschaftssystem gleichgeschaltet.“ Die Leibniz-Universität Hannover distanziert sich mittlerweile von ihm und nennt den Vergleich „unerträglich“.

Es ist dieses Raunen, das Unterstellen von konzertierten bösen Absichten, das den sonst so seriös wirkenden Professor in die Nähe der Verschwörungstheoretiker bringt. Beispiel Impfpflicht: Immer wieder deutet Homburg in seinen Tweets an, es werde einen Impfzwang geben. „Niemand hat behauptet, eine Zwangsimpfung einzuführen …“, schreibt er und setzt die Hashtags „Impfzwang“ und „Zwangsimpfung“ hinter die Aussage. Dass weder Gesundheitsminister Spahn noch irgendein anderer seriöser Politiker eine Impfpflicht fordern, bleibt unbeachtet.

Homburg galt als Wunderkind der Volkswirtschaft

Homburg genoss über Jahre hinweg hohes Ansehen in der Ökonomen-Szene. Der Absolvent der Universität zu Köln galt in den Anfangsjahren seiner Karriere als eine Art Wunderkind unter den Volkswirten. 1984, nur vier Jahre nach seinem Abitur, verfasste er gemeinsam mit Bernhard Felderer das Buch „Makroökonomik und neue Makroökonomik“, das zu einem Standardwerk in der Volkswirtschaftslehre wurde.

Drei Jahre später promovierte er, 1990 wurde er als Professor an die Uni Bonn berufen. Unter Finanzminister Theo Waigel war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Ministeriums, auch in den Folgejahren wurde er immer wieder als Berater der Bundesregierung angefragt und war gern gesehener Gast in TV-Talkshows. Nebenbei arbeitet Homburg als Steuerberater in Hannover.

Doch hört man sich heute unter Volkswirten um, scheint seine Reputation merklich verblasst zu sein. „International unbedeutend“ ist noch das freundlichste Urteil, das man zu hören bekommt.

Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), spricht im Zusammenhang mit Homburgs Thesen zu Covid-19 von „einem Bereich, in dem er keinerlei Fachkenntnisse hat und den Epidemiologen und Virologen wesentlich besser behandeln könnten“. Das sei umso schlimmer, als sich „die Vorhersagen von Herrn Homburg wiederholt als falsch erwiesen haben und irreführend sind“.

Tatsächlich hatte Homburg im März in der „Welt“ geschrieben, es werde kaum mehr als 3000 Corona-Tote in Deutschland geben. Inzwischen liegt die Zahl bei über 8000.

Auch der Ökonom Rudi Bachmann von der US-Universität Notre Dame meint mit Blick auf Homburgs Methodik, es sei keine Überraschung, dass seine Prognosen scheitern. „Jeder Doktorand der Ökonomik wäre bei solch groben Fehlern durch das Examen gefallen.“ Auch der ehemalige IMK-Direktor Gustav Horn sagt: „Es ist extrem bedauerlich, dass Homburg inhaltlich so abgedriftet ist und für mich als Gesprächspartner nicht mehr akzeptabel ist.“

Wie groß der Dissens mit seinen Kollegen ist, wurde auch im Rahmen einer E-Mail-Liste deutlich, die der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker vor einigen Jahren ins Leben gerufen hatte. Über diesen Verteiler tauschen sich zahlreiche Ökonomen und Finanzexperten zu verschiedenen aktuellen Themen aus, auch Homburg ist dabei.

Stefan Homburg während einer „Hygienedemo“ in Stuttgart. Foto: Björn Kietzmann Vergrößern
Stefan Homburg während einer „Hygienedemo“ in Stuttgart. © Björn Kietzmann

Nachdem seine Thesen zu Covid-19 dort zu hitzigen Diskussionen geführt hatten, schickte Homburg einem anderen Teilnehmer der Liste eine direkte E-Mail, in der er ihn in die Nähe von Medikamentenmissbrauch rückte und Spott über dessen wissenschaftliche Karriere andeutete. Der Wissenschaftler machte diese E-Mail dann den anderen Teilnehmern zugänglich.

In der Folge wollten einige Ökonomen die Liste verlassen; Carl Christian von Weizsäcker, Initiator des Verteilers, belegte die Liste mit einem Moratorium, um den Zerfall der Gruppe zu verhindern. Einem anderen Kollegen, der Fragen zu Homburgs Corona-Thesen hatte, drohte Homburg mit juristischen Schritten.

In einem 50-minütigen Interview mit dem Tagesspiegel spricht Homburg zu seinen Haltungen, will seine Aussagen aber nur in einem Wortlautinterview veröffentlicht wissen. Kurz nach dem Gespräch schickt er eine E-Mail mit der Aufforderung, ihm und seinem Anwalt schriftlich zu versichern, dass keine Zitate verwendet werden.

Richtigstellung: In einer vorherigen Fassung dieses Artikels haben wir geschrieben: „Nachdem seine Thesen zu Covid-19 dort zu hitzigen Diskussionen geführt hatten, schickte Homburg über den Verteiler eine Mail, in der er einen anderen Teilnehmer der Liste in die Nähe von Medikamentenmissbrauch rückte und Spott über dessen wissenschaftliche Karriere andeutete.“ Hierzu stellen wir fest: Diese E-Mail von Homburg ging an den anderen Teilnehmer per E-Mail privat. Dieser hat sie dann für die anderen Teilnehmern der Liste dort veröffentlicht. Die Redaktion.

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