Oft nur unter Lebensgefahr können die Helfer in Kriegsgebieten den Menschen beistehen. Foto: Abd Doumany/AFP
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Das Rote Kreuz auf den Schlachtfeldern der Welt „Die Urbanisierung der Kriege hat verheerende Auswirkungen“

Warum Konflikte immer länger dauern und was das für die humanitäre Hilfe bedeutet: Ein Gespräch mit Peter Maurer, Präsident des Internationalen Roten Kreuzes.

Peter Maurer (63) ist seit 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Bis 2010 war der Diplomat Chef der Ständigen Mission der Schweiz bei den UN.

Herr Maurer, war das Jahr 2019 ein gutes oder ein schlechtes für die humanitäre Hilfe?
Wenn wir als Internationales Rotes Kreuz viel zu tun haben, dann ist das für die Menschen ein schlechtes Jahr. Denn es zeigt leider, dass es mehr Probleme in der Welt gibt. In der Tat steigt unser Budget seit einiger Zeit kontinuierlich an. 2019 lag es bei zwei Milliarden Schweizer Franken.

Was heißt das konkret für die Arbeit Ihrer Organisation?
Derzeit sind wir in mehr als 90 Ländern präsent, um den Menschen zu helfen. Es gibt 15 bis 20 große Einsätze, an Orten, die schon lange als Krisengebiete gelten. Die reichen von der Sahelzone, der Tschadregion und dem Horn von Afrika über Syrien, Irak, Jemen und Afghanistan bis zur Ukraine und Venezuela. Wir sind also überall dort, wo die Welt Schlagzeilen produziert hat.

Für welche Operationen benötigen Sie am meisten Geld?
Nach wie vor für die Arbeit in Syrien, Irak und im Jemen. Im Nahen Osten sind wir einschließlich des Libanon, Jordaniens und Palästinas in sechs Konfliktgebieten aktiv – mehr als ein Drittel unseres Budgets fließt allein dorthin. Mehr als 40 Prozent benötigen wir für Afrika, genauer gesagt für den sogenannten Instabilitätsgürtel. Gemeint sind damit Staaten wie Mauretanien, Mali, Niger, Kamerun, Sudan, Südsudan und Somalia. Wenn man Not und Leid zugrunde legt, dann sind Krisen in Afrika für die Menschen wohl noch verhängnisvoller als anderswo.

Warum?
Weil vergleichsweise mehr Menschen auch schon ohne politische Krisen am Rande des Existenzminimums oder darunter leben. Armut und Unterentwicklung wirken dort verheerend.

Der Südsudan wird seit Jahren von Konflikten erschüttert. Die Menschen müssen fliehen. Zum Leben bleibt ihnen so gut wie nichts. Foto: Albert Gonzalez Farran/AFP Vergrößern
Der Südsudan wird seit Jahren von Konflikten erschüttert. Die Menschen müssen fliehen. Zum Leben bleibt ihnen so gut wie nichts. © Albert Gonzalez Farran/AFP

Syrien, Jemen, Südsudan oder Somalia: Das sind alles Konflikte und Krisen, die seit langem anhalten. In diesen Großkonflikten scheint sich nichts zum Besseren zu wenden, oder?
Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Gegenwärtig sind aufgrund von Gewalt und Konflikten weltweit 134 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Die 20 gewalttätigsten Krisen verursachen fast 80 Prozent der Vertreibungen und des Hilfsbedarfs. Das spiegelt auch unser Budget. An diesem beklagenswerten Zustand trägt die Politik eine Mitschuld.

Inwiefern?
Warum gibt es überhaupt Konflikte? Weil Staaten und Regierungen offenkundig nicht fähig sind, diese auf friedliche Art und Weise zu lösen. Das internationale System scheint als Ganzes nicht in der Verfassung zu sein, um entschärfend und damit stabilisierend zu wirken, geschweige denn Konflikte zu lösen. Hier und dort mag es zwar Fortschritte geben, zum Beispiel in der Ukraine. Doch zugleich muss eben auch konstatiert werden: Syrien bleibt Syrien, mit all den dramatischen Folgen. Und der Jemen bleibt der Jemen.

Welche Faktoren prägen diese unlösbar wirkenden Konflikte?
Zum Beispiel die Urbanisierung der Kriege. Die zig Millionen Menschen, die in städtischen Zentren leben – und es werden immer mehr –, leiden besonders unter der Zerstörung der Infrastruktur. Wenn eine Wasserversorgungsstelle im Jemen von einer Rakete getroffen wird, dann sind auf einen Schlag 1,5 Millionen Menschen ohne Wasser. Kriege in großen Städten haben nun mal besonders verheerende Auswirkungen. Wir haben es zudem erschwerend mit einer Fragmentierung der Akteure zu tun.

Das bedeutet?
Es gibt in den Kriegen der Gegenwart sehr oft eine unüberschaubar große Zahl von staatlichen und nicht staatlichen Gruppen, die auf den Schlachtfeldern präsent sind. Das ist für Hilfsorganisationen eine extrem komplexe Herausforderung. Denn um Zugang zu Bedürftigen zu erhalten, müssen immer wieder Gespräche mit zahllosen Kriegsbeteiligten geführt werden, die womöglich auch noch ihre Befehle von auswärtigen Mächten erhalten. Hinzu kommt: Die Allianzen wechseln permanent. Heute kämpft A gegen B und C. Morgen verbündet sich C mit A gegen B. Übermorgen dann gehen B und A gegen C vor.

Die größte humanitäre Krise weltweit. Mehr als drei Millionen Jemeniten hat der Krieg zu Heimatlosen gemacht. Foto: Mohammed Mohammed/XinHua/dpa Vergrößern
Die größte humanitäre Krise weltweit. Mehr als drei Millionen Jemeniten hat der Krieg zu Heimatlosen gemacht. © Mohammed Mohammed/XinHua/dpa

Welche Folgen hat das für humanitäre Hilfe?
Wenn wir heute ein Kilo Reis verteilen wollen, sind Aufwand und Risiko sehr viel größter als früher. Jeden Tag lautet die Frage: Können wir eine Operation durchführen, ohne unsere Mitarbeiter in Lebensgefahr zu bringen? Unter diesen Bedingungen ist es zuweilen unmöglich, den Bedürftigen zu helfen.

Angriffe auf Helfer, Bomben auf Krankenhäuser und Schulen – wie kann dem humanitären Völkerrecht wieder mehr Achtung verschafft werden?
Letztlich spiegeln die Verletzungen des Völkerrechts das fehlende Vertrauen zwischen den Kriegsparteien wider. Keiner glaubt daran, dass der andere sich an das Völkerrecht halten wird, also verletzt man es gleich selbst. Deshalb ist es eine unserer vorrangigen Aufgaben, als neutrale Instanz zwischen den Parteien zu vermitteln und einen Minimalkonsens zu ermöglichen. Als Internationales Rotes Kreuz versuchen wir deshalb, Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen von der Notwendigkeit zu überzeugen, das humanitäre Völkerrecht zu achten. Dazu gehört, diese Grundsätze in den jeweiligen kulturellen Kontext zu übersetzen.

Funktioniert das?
Es gibt schon positive Beispiele. Wir schulen weltweit 130 Armeen, damit Soldaten die Grundlagen des humanitären Völkerrechts kennenlernen und dann auch im Ernstfall einhalten. Oder denken Sie an Angriffe auf Kliniken. Die gibt es leider Tag für Tag. Das erschüttert uns. Aber nicht alle Krankenhäuser werden attackiert, selbst wenn sie in umkämpften Risikozonen liegen. Zuweilen scheint das humanitäre Völkerrecht noch akzeptiert zu werden. Das werten wir als Erfolg!

Peter Maurer ist seit 1. Juli 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Peter Maurer ist seit 1. Juli 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). © Thilo Rückeis

Konflikte dauern immer länger, die Menschen sind oft viele Jahre auf Nothilfe angewiesen. Aber was kommt nach den Krisen? Wie kann die Abhängigkeit der Bedürftigen von Versorgung beendet werden?
Das ist wirklich ein riesiges Problem. Die durchschnittliche Konfliktdauer bei den zehn größten Einsätzen des Internationalen Roten Kreuzes beträgt 33 Jahre! Wir müssen daher dringend darüber nachdenken, wie damit umzugehen ist, dass sich Krisen verstetigen. Es braucht neue Formen der Hilfe.

Und zwar welche?
Immer wieder versuchen, bei Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein anzusetzen. Wir müssen Wege finden, damit die Menschen sogar in sehr schwierigen Situationen selbstbestimmt und unabhängig agieren können. Ausbildung oder Startkapital für Kleinbetriebe sind dafür beispielsweise unerlässlich. Humanitäre Hilfe darf und kann auf Dauer einen nicht funktionierenden Staat keinesfalls ersetzen.

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