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Merz mit seiner Frau (rechts) beim Eintreffen im Stadion, wo 460 Delegierte ihn mit großer Mehrheit zum Bundestagskandidaten wählten. Foto: dpa
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Das Comeback des Friedrich Merz „So kann es in der CDU nicht mehr weitergehen“

Im Stadion „Große Wiese“ erobert Friedrich Merz die Bundestagskandidatur – und kokettiert mit höheren Aufgaben. Einige hätten ihn gern als Kanzlerkandidaten.

Friedrich Merz steht auf der roten Tartanbahn des Stadions „Große Wiese“ und wittert Historisches. „Ich vermute diese Veranstaltung wird in die Geschichte der CDU eingehen“, sagt er ins Mikrofon. Jetzt könnte etwas kommen, das mit ihm und seinem Comeback zu tun hat, aber Merz belässt es erstmal bei einem kleinen meteorologischen Vergleich. „Im Kolpinghaus in Neheim war es selbst 1948 bei der Gründung der CDU Deutschlands wärmer als heute hier bei uns“, sagt Merz bei knapp sechs Grad.

Allerdings ist er da historisch wenig sattelfest, sowohl Jahr als auch Ort sind falsch. 1946 nicht 1948 gab sich die CDU im Karolinen-Hospital, nicht im Kolping-Haus, das Neheim-Hüstener-Programm (heute gehört die Stadt zu Arnsberg). Konrad Adenauer wurde bei der Versammlung CDU-Vorsitzender in der britischen Besatzungszone. Merz steht nun hier im Stadion, einen Kilometer entfernt von jenem historischen Ort der Partei - und macht deutlich: er will auch noch etwas an der Geschichte der CDU mitschreiben, im Hier und Jetzt.

Auf der Tribüne sitzen 460 Delegierte der CDU, teils eingehüllt in Decken, es ist kalt. Aber trotz Corona freuen sich die meisten hier mal wieder über reale Begegnungen. Und am Ende gibts die Nationalhymne, aber Mitsingen ist wegen der Aerosole aber untersagt.

Immerhin rund 5000 Mitglieder hat die CDU im Hochsauerlandkreis noch. Die Delegierten haben Merz, der zwei Kilometer Luftlinie vom Stadion entfernt wohnt, gerade mit überwältigender Mehrheit zum Bundestagskandidaten des Hochsauerlandkreises gewählt. Seit 2009 hatte Patrick Sensburg – nach Merz Ausscheiden aus dem Bundestag - den tiefschwarzen Wahlkreis 147 für die CDU vertreten und direkt gewonnen, er dachte, das werde auch so bleiben.

Bis Merz seine Kampfkandidatur erklärte. Und mit 327 zu 116-Stimmen nun Sensburg den Wahlkreis entreißt. Und, das dürfte sicher sein, damit im Herbst wieder im Bundestag sitzen wird.

„Es tut gut, mal wieder eine Wahl zu gewinnen“

Nach zwei vergeblichen Anläufen, CDU-Vorsitzender zu werden, sagt Merz nun: „Es tut gut, das sage ich ganz ehrlich, mal wieder eine Wahl zu gewinnen.“ Sensburg war zuvor in seiner Rede die Enttäuschung über Merz anzumerken. „Friedrich, ich habe dich immer unterstützt“, sagte er. Bis hin zur Anmietung von Räumen im Bundestag und bei der Wahl zum Vorsitzenden. „Friedrich, Du hast dem WDR ein großes Interview vor dem Sauerland-Museum gegeben“, berichtete Sensburg und fügte an: „Viele wissen hier, wie ich mich für das neue Sauerland-Museum eingesetzt habe“

Der frühere Unions-Fraktionschef Merz verspricht Sensburg, mit ihm zu sprechen, was er sich nach seiner Zeit im Bundestag vorstellen kann und sich um ihn zu kümmern. 

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Keine Chance gegen Merz: Patrick Sensburg (links) wird nach 12 Jahren im Bundestag im Herbst ausscheiden. Foto: dpa Vergrößern
Keine Chance gegen Merz: Patrick Sensburg (links) wird nach 12 Jahren im Bundestag im Herbst ausscheiden. © dpa

Schnelltests im Kraftraum unter der Tribüne

Für Klaus Humpe jedenfalls ist klar, dass es in der Union jetzt Anpacker braucht. Er ist morgens einer der ersten am Stadion; schließt die Tür zum Kraftraum unter der Tribüne auf. „Ah, die Herren hier wollen getestet werden.“ Humpe ist Apotheker und, wie es sich hier gehört, zugleich auch CDU-Delegierter. Er hat zwei Tüten mit Corona-Schnellests dabei.

Seine Cousinen sind die bekannten Sängerinnen Annette und Inga Humpe (2Raumwohnung). „Die Mutter war schon sehr musikalisch, die hieß in der Familie Frau Mozart“, berichtet Humpe. Und, wie geht’s nun aus zwischen Armin Laschet und Markus Söder? Humpe spricht von einer starken Söder-Stimmung im Sauerland. Und dann wird er grundsätzlich. „Wenn wir jetzt mal an die Weltpolitik denken", sagt Humpe. "Da sitzt Putin, da Macron, da Erdogan und da Orban“, er zeigt auf die Bänke zum Gewichtestemmen. „Und da kommt dann ein Söder in den Raum. Der kommt doch da besser wech als - jetzt sach ich ma was gemeines -: Als die Aachener Printe.“

Als Humpe auch Merz zum Schnelltest im Kraftraum bitten will, winkt der ab. Nee, habe schon einen gemacht. Und zudem ist er vor ein paar Tagen mit Astrazeneca geimpft worden.

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Merz unterlag Laschet im Kampf um den Vorsitz, will ihn aber lieber als Markus Söder als Kanzlerkandidaten der Union. Foto: dpa Vergrößern
Merz unterlag Laschet im Kampf um den Vorsitz, will ihn aber lieber als Markus Söder als Kanzlerkandidaten der Union. © dpa

Für Armin Laschet ist das Comeback des Friedrich Merz eine weitere schwierige Nachricht. Seine Rede im Stadion ist gespickt mit Kampfansagen, er entschuldigt sich für sein Ansinnen, nach der Niederlage gegen Laschet im Rennen um den Vorsitz nach dem von Peter Altmaier geführten Bundeswirtschaftsministerium zu greifen („war falsch und instinktlos“), aber er hat jetzt das Mandat, wieder stärker mitzureden, bei allen Zweifeln an seiner charakterlichen Stabilität.

Ein dritter Mann in der K-Frage?

„So, wie in den letzten Jahren, kann es in der CDU und vor allem in Berlin nicht weitergehen“, steht dick unterstrichen in seinem Redemanuskript, es gibt ein paar Spitzen gegen seine Dauergegnerin Angela Merkel („nichts und niemand ist alternativlos“). Und er betont:  Für Zurückhaltung gebe es für ihn keine Veranlassung mehr. „Im Gegenteil. Der Zustand unseres Landes ist kritisch, und die Existenz der CDU als Regierungspartei ist gefährdet.“ Das zielt auch auf Laschet. Er hat sich aber hinter den CDU-Vorsitzenden als Kanzlerkandidaten gestellt, das sei sein „Verständnis von Zusammenarbeit und Zusammenhalt in der Partei.“ Einige Delegierte halten das für taktisch motiviert: Sollte Laschet scheitern und auch als CDU-Chef aufgeben, könnte Merz wieder gerufen werden – und auf sein Teamspiel in der K-Frage verweisen.

Zugleich ist ihm klar, dass er unter einem Kanzler Söder kaum etwas in einer künftigen Regierung werden würde. Merz fordert im Stadion „Große Wiese“, wo sonst der SV Hüsten 09 spielt, eine rasche Entscheidung der Kontrahenten um die Kanzlerkandidatur: „Einigt Euch Markus Söder und Armin Laschet“. Dieses Land brauche Perspektive, dieses Land brauche Führung.

Einige Delegierte sprechen sich am Rande für einen dritten Mann aus. „Für mich wäre Friedrich Merz der beste Kandidat. Sollte die CDU den Bach runtergehen, dann haben die Delegierten, die den Lachet zum Vorsitzenden gewählt haben, das zu verantworten“, sagte die Delegierte Birgit Thiele im Gespräch mit dem Tagesspiegel..

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Friedrich Merz (CDU) bei seiner Bewerbungsrede im Stadion "Große Wiese" im Arnsberger Stadtteil Hüsten. Foto: dpa Vergrößern
Friedrich Merz (CDU) bei seiner Bewerbungsrede im Stadion "Große Wiese" im Arnsberger Stadtteil Hüsten. © dpa

Merz kokettiert schon mit einem Ministeramt

Es ist eine Rede, die die großen Linien zeichnet, aber hier einen Nerv trifft. Merz verweist eindringlich auf die globalen Umwälzungen, dann zeigt er plötzlich mit dem rechten Arm rüber, in ein Waldstück: „Der amerikanische Häusermarkt und die chinesische Rohstoffindustrie bestimmen mittlerweile die Holzpreise im Arnsberger Wald mehr als die holzverarbeitende Industrie in unserer eigenen Region.“

Und er will zurück zu den konservativen Wurzeln der CDU. „Wir müssen wieder den Mut haben, eine stinknormale bürgerliche Politik zu machen, statt dem flüchtigen Zeitgeist atemlos hinterherzulaufen. Dieser Zeitgeist ist ein flüchtiger Geselle.“ Und so knöpft er sich die geschlechtergerechte Sprache vor, auf die Merz-Art, das gibt viel Applaus hier.

So zitiert er den Vorsitzenden des Vereins für Deutsche Sprache, der gesagt habe: „eine kleine Clique entschlossener Ideologen in Universitäten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten“ wolle eine komplette Kulturnation „zum Affen machen". Merz fragt, ob er künftig sagen müsse: „Liebe Grüne und Grüninnen?; Frau oh Frau statt „Mann-oh-Mann?, Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Mutterland? oder Hähnchen*innen-Filet“?.

Er sei heute jedenfalls so frei und so unabhängig, „dass ich auch unbequeme Dinge sagen und auch uns allen etwas abverlangen kann, wenn es denn uns allen und unserer Zukunft auch wirklich dient“. Und Merz kokettiert bereits wieder mit einem Ministeramt: Er sei und bleibe für alle hier der Wahlkreisabgeordnete im Hochsauerlandkreis, auch wenn er „eine Aufgabe in einer späteren Regierung wahrnehmen sollte", verspricht er den Delegierten der CDU-Basis. Es mag zwar kalt sein im Stadion „Große Wiese“, aber Merz‘ Botschaft an diesem Tag ist klar: Er ist wieder auf Betriebstemperatur. Und hat noch was vor.

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