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Normalerweise erschienen in der Lokalzeitung nur zwei bis drei Seiten Todesanzeigen. Aktuell sind es zehn. Foto: Screenshot "L'Eco di Bergamo"
© Screenshot "L'Eco di Bergamo"

Coronavirus-Krise in Norditalien Wo die Regionalzeitung zehn Seiten Todesanzeigen druckt

In der Lombardei stirbt jeder zehnte Infizierte an den Folgen des Coronavirus. Beerdigungen unter normalen Bedingungen sind nicht mehr möglich.

Italien führt einen zunehmend verzweifelten Kampf gegen das Coronavirus. In den Krankenhäusern fehlen Betten, das medizinische Personal ist überlastet. Besonders in der norditalienischen Region Lombardei hat sich die Lage in den vergangenen Tagen zugespitzt: Die Region ist im Zentrum des Coronavirus-Ausbruchs, mit 15.000 Infizierten (Stand: Montag) ist sie weiterhin am heftigsten betroffen.

Besonders dramatisch ist die Situation in den Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten. Aus Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250; etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden. 

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Doch dafür gibt es nicht genügend Intensivbetten. Die Ärzte müssen priorisieren. „Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze in den Intensivstationen für Patienten mit größeren Überlebenschancen. Das gleiche gilt, wenn eine mit dem Virus infizierte Person eine Insuffizienz in drei oder mehr lebenswichtigen Organen aufweist“, erklärte der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo schon vor einigen Tagen. 

Zehn Seiten Todesanzeigen in der Lokalzeitung

Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativ-Medizin, also in die Abteilung der Sterbenden. In der Lombardei stirbt laut aktuellen Zahlen jeder zehnte Covid-19-Erkrankte an den Folgen des Virus. Damit ist die Sterberate rund dreimal so hoch wie im Rest Italiens. Allein die Lokalzeitung "L'Eco di Bergamo" veröffentlichte zuletzt zehn Seiten Todesanzeigen mit jeweils rund 150 Namen und musste ihren Seitenumfang deshalb erhöhen. 

Laut einem leitenden Redakteur, den die "Washington Post" zitiert, haben die Todesanzeigen normalerweise einen Umfang von zwei oder drei Seiten. 90 Prozent der Sterbefälle seien auf das Virus zurückzuführen. Die meisten Toten sind 70 Jahre oder älter.

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Durch das Versammlungsverbot sind normale Beerdigungen nicht mehr möglich – ohnehin sind die engsten Angehörigen meist selbst in Quarantäne und können nicht teilnehmen. Viele Menschen sterben in abgeschirmten Räumen. Die Särge reihen sich derweil in den Krematorien auf. Für die Beerdigungen gibt es Wartelisten.

Bestatter in Bergamo. Foto: Piero Cruciatti / AFP Vergrößern
Bestatter in Bergamo. © Piero Cruciatti / AFP

In Italien rechnen viele Experten bald mit einem Höhepunkt der Ansteckungswelle. „Wir erwarten, dass es sich in den kommenden Tagen, bis Sonntag, zeigt, ob sich die Entwicklung verlangsamt“, sagte der für die Lombardei zuständige Koordinator Giulio Gallera am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa für seine Region.

Ein Lazarett mit 200 Intensivbetten auf dem Messegelände

Die Krankenhäuser versuchen derweil durch Reorganisation weitere Betten für COVID-19-Patienten zur Verfügung zu stellen. Ganze Abteilungen wurden geräumt und zu Stationen der Intensivtherapie umfunktioniert. Doch der Schließung bestehender Abteilungen sind Grenzen gesetzt: Die medizinische Betreuung der anderen Kranken muss ebenfalls sichergestellt werden. 

Deshalb wird inzwischen auch die Einrichtung von Feldlazaretten erwogen. In Brescia soll auf dem Messegelände in den nächsten Tagen ein neues Lazarett für 200 Lungen-Patienten entstehen. Dasselbe plant auch Regionalpräsident Attilio Fontana in der "Fiera di Milano". Dort sollen 500 Betten für Covid-19-Patienten geschaffen werden.

Die Lombardei  ist weiterhin die am schwersten betroffene Region, gefolgt von der Emilia-Romagna, dem Veneto, den Marken, Piemont und der Toskana. Das ganze Land war am 11./12. März zum Sperrgebiet erklärt worden. Insgesamt sind rund 28 000 Fälle bisher registriert.

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