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Nachholbedarf. Die Impfquote auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt ist mit 6,6 Prozent erschreckend niedrig. In Südafrika, wo dieses Foto im Township Diepsloot nahe Johannesburg entstand, ist die Situation vergleichsweise günstiger. Foto: Denis Farrell/AP/dpa
© Denis Farrell/AP/dpa

Corona in Afrika Zum Impfen ins Zugabteil

Johannes Dieterich

Anfangs fehlten Vakzine, nun mangelt es in Afrika an Logistik, an Kühlkapazität, an Fachleuten – und an einer eigenen Produktion von Seren.

Die Personenbeförderung auf der Schiene ist in Südafrika so gut wie tot, das staatliche Transportunternehmen Transnet liegt im Koma. Doch was eigentlich einem Desaster gleicht, ist in diesem Fall ein Segen: Denn so kann der „Transvaco“-Zug in aller Ruhe durch die Gegend zuckeln, ohne von einem Schnellzug aufgeschreckt zu werden. Seit Tagen stehen dessen strahlend weiß gestrichenen Waggons auf Gleis 1 im knapp 40 Kilometer östlich von Johannesburg gelegenen Bahnhof von Springs.

Neben den Eisenbahnwagen hat sich eine kleine Menschenschlange gebildet. Alle paar Minuten verschwindet eine Person in einem Abteil, um wenig später wieder strahlend aufzutauchen. „Auf diesen Moment habe ich lange gewartet“, sagt die Managerin Simphiwe Dyantyi der Nachrichtenagentur Reuters. Die 32-Jährige konnte sich nicht leisten, stundenlang in einer Schlange zu warten, um gegen Covid geimpft zu werden. Im Transvaco-Express wird der Stich in den Oberarm im Nu verpasst.

Und: Der Zug bricht demnächst in die tiefste Provinz auf, wo die Leute oft einen ganzen Tag lang unterwegs sind, um zu einem Impfzentrum zu gelangen. „Uns geht auch nicht das Serum aus“, sagt Ärztin Paballo Mokoena: In mehreren Tiefkühltruhen der Bahn werden über 100000 Vakzin-Dosen auf der nötigen Temperatur von fast 80 Grad unter dem Gefrierpunkt gehalten.

„Transvaco“ ist eine der Errungenschaften, denen Südafrika seine für hiesige Breitengrade relativ hohe Impfquote verdankt. Am Kap der Guten Hoffnung ist inzwischen ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung mit dem Serum geschützt – im afrikanischen Durchschnitt sind es gerade mal 6,6 Prozent. Die WHO hatte sich zum Ziel gesetzt, dass bis Ende dieses Jahres in jedem der 55 afrikanischen Staaten mindestens 40 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Doch nur fünf Länder werden dieses Ziel erreichen, nicht einmal Südafrika zählt dazu.

In Afrikas ärmsten Staaten sind gerade mal drei Prozent der Einwohner geimpft – in Ländern mit hohem und gehobenem mittleren Einkommen sind es dagegen mehr als 60 Prozent. Das beunruhigende Phänomen hat zu dem Schlagwort Impfstoff-Apartheid geführt: Die Welt ist ein weiteres Mal getrennt – in einen weitgehend immunen und einen nicht geschützten Bevölkerungsteil.

Die reichen Staaten haben sich mit Impfstoff eingedeckt

Die Gründe dafür scheinen auf den ersten Blick offenkundig. Die reichen Nationen haben sich den überwältigenden Teil der Seren gesichert, für die armen Staaten blieben Krümelchen übrig. In den Augen des einstigen britischen Premierministers Gordon Brown ist die Impfstoff-Apartheid auch für die neue Omikron-Variante verantwortlich: Deren Entstehen sei auf die niedrige afrikanische Impfquote zurückzuführen. „Jetzt rächt sich unsere Raffgier“, ist der Labour-Politiker überzeugt.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Südafrika, wo die neue Viren-Variante zuerst festgestellt wurde (aber nicht unbedingt entstanden sein muss), leidet schon seit langem nicht mehr unter Impfstoffknappheit. Hier sieht sich die Regierung vielmehr mit logistischen Problemen und einer skeptischen Bevölkerung konfrontiert. Vor allem unter weißen Südafrikanern ist die Zahl der „Antivaxxers“ offenbar beträchtlich: Viele wollen sich von einer „schwarzen“ Regierung nicht vorschreiben lassen, was zu tun ist. Inzwischen spielt auch Präsident Cyril Ramaphosa mit dem im Norden debattierten Gedanken, den Stich in den Oberarm per Dekret anzuordnen.

Viele gespendete Impfstoffe waren nahe am Verfallsdatum

In anderen afrikanischen Staaten ist die Lage noch verwirrender. War der Mangel an Vakzinen dort bis vor kurzem tatsächlich noch das größte Problem, hat sich die Lage inzwischen durch zahlreiche Impfstoff-Spenden entspannt – die allerdings wieder neue Schwierigkeiten mit sich brachten. Viele der Schenkungen erfolgten kurzfristig und mit Vakzinen, die dem Verfallsdatum nahe kamen. Sie stellen die afrikanischen Regierungen vor unlösbare logistische Herausforderungen. Abgelaufene Seren mussten wie in der vergangenen Woche in Namibia zu Hunderttausenden vernichtet werden.

Afrikas Probleme gehen über den bloßen Impfstoffmangel hinaus: Es fehlt an Kühlkapazitäten, an der Logistik zur Verteilung, an Fachleuten, die die Vakzine selbst an entlegensten Orten verabreichen können. Schließlich nützt es den Empfängern auch wenig, wenn sie Millionen an Dosen bekommen, aber keine Kanülen haben, mit denen sie die Seren in die Oberarme der Impfwilligen spritzen können.

Auf längere Sicht, so sind sich Fachleute einig, muss Afrika seine eigenen Seren herstellen, um langfristig planen zu können. Derzeit werden ein Prozent der weltweit vertriebenen Vakzine auf dem Kontinent nur abgefüllt und verpackt. Über eigene Impfstoffe verfügt der Kontinent überhaupt nicht. An der Johannesburger Witwatersrand-Universität sind Forscher derzeit damit beschäftigt, ein eigenes Rezept für die zeitgenössischen mRNA-Impfstoffe zu finden.

Selbst wenn sie erfolgreich sind, können die US-Konzerne Pfizer und Moderna die Serienproduktion wegen ihrer Patente stoppen. Die beiden Pharma- Riesen wollen ihre eigenen Fabriken in Afrika aufbauen: 1,3 Milliarden Menschen – Tendenz stark steigend – versprechen einen lukrativen Markt.

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