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Eine Krankenschwester in El Paso, USA, während der Nachtschicht. Foto: David Goldman/dpa
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Corona-Angst in Endlosschleife Raus aus dem Apokalypse-Fieber!

Die Welt wähnt sich am Abgrund – nicht erst seit Corona. Viele fordern deshalb einen „Systemwechsel“. Warum dieses Denken in die Irre führt. Ein Kommentar.

Die seelischen Belastungen durch die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sind groß. Immer mehr Jugendliche, heißt es, äußern Suizidgedanken. Wie in einer Endlosschleife wechseln sich Kontaktverbote und Schulschließungen mit Lockerungsbeschlüssen und Schulöffnungen ab. Was morgen erlaubt wird, kann übermorgen schon wieder untersagt werden. Der ungetrübte Blick in die Zukunft prallt ab an deren Mauern. Wenn aber dem Leben die Perspektive fehlt, verfällt der Mensch in Resignation oder Zynismus.

Dabei markiert Corona nur das vorläufige Ende dieser Entwicklung. Angefangen hat die Inflation der Untergangsszenarien viel früher. Nur wenig überspitzt formen sie dieses Bild: Bewohnt wird eine Erde, die sich durch Wald- und Artensterben selbst skelettiert und auf die katastrophalen Folgen einer ungebremsten Erderwärmung zusteuert. Das Arsenal an Atomwaffen reicht aus, um die Gattung Mensch auszulöschen. Terroristen bringen Hochhäuser zum Einstürzen. Das Finanzsystem kann kollabieren. Aus Rassenhass werden Morde verübt. All das ist real und zutiefst besorgniserregend. Aber beschreibt es die ganze Wirklichkeit?

Wir brauchen ein lautes "Trotzdem" 

Es gibt einen Imperativ der Zuversicht. Er besteht nicht darin, Gefahren kleinzureden. Er besteht auch nicht in Beschwichtigungen der Art „es wird bestimmt alles gut“ oder „das schaffen wir schon“. Wer Kinder hat, weiß, dass in gemeinsamen Gesprächen über den Zustand der Welt solche Entgegnungen ganz schnell als Ausflüchte entlarvt werden. Nein, der Imperativ der Zuversicht kann nur parallel zum Ausdruck gebracht werden. Auf der einen Seite muss die Analyse des Problems stehen, auf der anderen die Suche nach dessen Lösung im Vertrauen darauf, eine zu finden.

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Ein lautes Trotzdem sollte immer dann erschallen, wenn die Bedenken übermächtig zu werden drohen. Die Reichtümer der Welt sollten in den Blick geraten, wann immer jemand das ohnehin grassierende Apokalypse-Fieber nährt. Nur in einer distinktionslosen Wahrnehmung türmen sich sämtliche Probleme zu einem angsteinflößenden Berg auf. Das resultiert dann oft in dem Trugschluss, diesen Problemen sei nur durch radikale Systemkritik beizukommen.

Wer nicht zwischen Problemen unterscheidet, kommt zu dem Schluss, dass nur ein "Systemwechsel" hilft 

Wir beuten die Ressourcen der Welt aus, das muss sich doch rächen: So raunt es in vielen Menschen. Sie erwarten eine Strafe der Natur aufgrund begangener Sünden an ihr. Die Sintflut ist die Sündflut. In den Visionen der Klimaschutz-Aktivisten wiederbelebt sich ein altes biblisches Motiv.

Angst essen Seele auf, das wissen Psychologen nicht erst seit dem gleichnamigen Film von Rainer Werner Fassbinder. Angst verhindert Unbeschwertheit, Sorglosigkeit und ein lustvolles Entwerfen seiner selbst auf die Möglichkeiten der Zukunft. Von Herbert Achternbusch, auch er ein Filmemacher, stammt die gelungene Paradoxie: „Du hast zwar keine Chance, aber nutze sie.“

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„Songs for Drella“ heißt ein wunderbar melancholisches Musikalbum, das Lou Reed und John Cale dem Leben und Werk des Pop-Artisten Andy Warhol gewidmet haben. Eines der Lieder, „Slip Away“, handelt von einer Warnung. Warhol schloss nämlich nie die Tür zu seinem Atelier ab, Besuch war ihm willkommen. Seine Freunde entsetzte das. Ob er denn gar keine Angst habe?

In dem Lied singt Lou Reed anstelle von Warhol dessen Antwort: „If I have to live in fear my ideas will slowly slip away“ (frei übersetzt: wenn ich der Angst nachgebe, gehen mir die Inspirationen aus). Etwas später heißt es: „If I have to live in fear I’m afraid my life will slip away“ (wird mir mein Leben entgleiten). 

Aber ist es nicht sehr vernünftig, die Türen zu seinen Wohn- und Arbeitsräumen abzuschließen? Doch, das ist es. Es kann aber auch richtig sein, sie offenstehen zu lassen. Nichts anderes besagt der Imperativ der Zuversicht. 

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