Björn Höcke und Lutz Bachmann bei der rechten Demo in Chemnitz Foto: dpa/Ralf Hirschberger
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Chemnitz am Samstag Hetze gegen Herz

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Zwei rechte Demonstrationen und eine Gegenveranstaltung – am Samstag prallten in Chemnitz Gegensätze aufeinander. Ein Bericht aus der sächsischen Stadt.

Der angekündigte Schweigemarsch kommt nur ein paar hundert Meter weit, dann zeigt die Menge ihr anderes, weniger harmloses Gesicht: Polizisten werden bespuckt, Journalisten mit dem Tod bedroht, auch Hitlergrüße werden wieder gezeigt. Mehrfach versuchen Rechte, Polizeiketten zu durchbrechen.

Genau diese Bilder wollte AfD-Rechtsaußen Björn Höcke eigentlich vermeiden. Es sollte ein gesitteter Aufzug werden – um zu demonstrieren, dass hier keine Radikalen durch die Innenstadt ziehen, sondern rechtschaffene Chemnitzer, die bloß Angst vor Migranten haben.

Tatsächlich versammeln sich am späten Nachmittag Tausende, viele erkennbar aus dem Lager der extremen Rechten: Hooligans, NPD-Kader, Identitäre, bekannte Pegida-Vertreter. Auf T-Shirts steht „Söhne von Odin“ oder „Deutsches Reich“. Ein Mann hat sich das Konterfei eines Wehrmachtssoldaten auf den Arm tätowieren lassen, ein anderer SS-Runen. Keiner macht Anstalten, das zu verstecken. Und keiner beschwert sich darüber.

Eigentlich wollen die Rechten in weitem Bogen durch die Innenstadt laufen, vorbei an der Stelle, an der Daniel Hillig vergangenes Wochenende getötet wurde. Doch die Polizei lässt sie nicht. Zu viele Gegendemonstranten haben es auf die Route geschafft, die Lage ist unübersichtlich. Ein breites Bündnis hat unter dem Motto „Herz statt Hetze“ zu Protest aufgerufen. Erstmals hat sich auch die Chemnitzer CDU diesem Aufruf angeschlossen. Das sei eine Sensation, sagt ein Sprecher der Bündnisses. „In den vergangenen neun Jahren gab es das nicht.“

Auf Seite der Rechten sind zunächst zwei rivalisierende Demonstrationen angekündigt, die sich offiziell vor allem in ihrer Taktik unterscheiden. Die einen wollen schweigend trauern, die anderen laut und wütend sein. Tatsächlich geht es eher um die Frage, wer als Veranstalter den Ton angibt: Vertreter der AfD oder der lokalen Gruppe „Pro Chemnitz“. Bevor es losgeht, schließen sich beide Lager jedoch zusammen, begrüßen sich gegenseitig mit „Wir sind das Volk“-Chören. Wenig später werden erstmals an diesem Tag Journalisten attackiert. Einem wird geraten: „Pass mal auf Dein Leben auf.“ Die Polizei ist in Sichtweite und schreitet nicht ein.

Journalisten abfotografiert

Ein bärtiger Mann geht umher und fotografiert Journalisten ab. Es ist Martin Kohlmann, 41, Rechtsanwalt und Wortführer von „Pro Chemnitz“. Kohlmann ist stramm rechts, findet das Urteil gegen Beate Zschäpe zu hart, wirft den Alliierten im Kampf gegen das Hitlerregime einen „anglo-amerikanischen Völkermord an der deutschen Zivilgesellschaft“ vor. Ausgerechnet er hat sich mehrfach beschwert, die Chemnitzer Proteste würden von deutschen Medien mutwillig „in die rechte Ecke“ gestellt.

Kohlmann behauptet etwa, die Hitlergrüße seien gar nicht von echten Demonstranten, sondern von eingeschleusten Provokateuren aus der Linken oder vom Verfassungsschutz gezeigt worden. Warum die ausgestreckten Arme dann von den Umstehenden genauso beklatscht wurden wie der Sprechchor „Adolf Hitler Hooligans“, sagt Kohlmann nicht. Sein Sprecher nennt die Frage „aufmüpfig“ und bricht das Gespräch ab.

Es ist eine verblüffende Gleichzeitigkeit, die in diesen Tagen in Chemnitz zu beobachten ist. Eine junge Frau beklagt, man stemple sie zu Unrecht als rechts ab, und ruft im nächsten Augenblick „Deutschland den Deutschen“.

Inzwischen hat es Chemnitz sogar auf die Titelseite der „New York Times“ geschafft. Ausführlich wird dort die Angst von Migranten vor Übergriffen beschrieben. Die Zeitung berichtet außerdem, Chemnitz sei zum Testfall für die Staatsgewalt geworden – für manche auch zum Testfall für die deutsche Demokratie.

An diesem Samstag gelangen etwa hundert Rechte doch an die Stelle, an der Daniel Hillig starb. Dort ist das Meer aus Blumen und Kerzen noch einmal angewachsen, und gerade sitzt ein enger Freund des Getöteten auf dem Boden. Mehrere Neonazis hocken sich zu ihm, umarmen ihn, zwei Nazis kommen die Tränen, der Freund des Getöteten weint mit. Wenig später brüllen die Rechten in Richtung Nebenstraße. Dort spielt auf der Gegenkundgebung die Berliner Band Egotronic. „Nie wieder Deutschland, ich mein es, wie ich’s sage“, schallt es aus den Boxen. Die Nazis sind wütend.

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