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Gräber von Zivilisten in Mariupol. Foto: REUTERS/Alexander Ermochenko
© REUTERS/Alexander Ermochenko

Update Chemiewaffeneinsatz in Mariupol? Wo die letzten ukrainischen Truppen Widerstand leisten

Das seit Wochen belagerte Mariupol könnte bald ganz an Russland fallen. Die letzten Ukrainer kämpfen erbittert um die Hafenstadt. Ein Überblick.

Von der bis vor wenigen Wochen noch wichtigen Hafenstadt Mariupol sind nur noch Ruinen übrig. In den Beschreibungen der Lage erinnern die verbliebenen Offiziellen wieder und wieder an die schlimmsten Angriffe auf Städte der jüngeren Geschichte. Stichworte wie Guernica, Aleppo und Grozny fallen.

Kommt Mariupol vollständig in russische Hände, hat Moskau sein Ziel eines Landkorridors von der Krim nach Russland erreicht. Ein wichtiger Teil des Donbass wäre damit erobert - und eines von Putins zentralen Kriegszielen erreicht. Die Sorge der Ukrainer ist, dass dann russische Truppen frei würden, um weiter nördlich im Donbass anzugreifen. Auch deshalb wird die Stadt so erbittert verteidigt.

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Dass die ukrainischen Truppen überhaupt so lange in der Stadt ausgehalten haben, ist erstaunlich. Der erste Angriff erfolgte dort gleich zu Beginn der russischen Invasion. Am 24. Februar schlugen die ersten Raketen ein. Wie ist die Lage in der Stadt jetzt, wie lange halten die ukrainischen Truppen noch durch? Wie steht es um die verbliebenen Bewohner? Das Wichtigste im Überblick:

Was ist über einen möglichen Chemiewaffen-Einsatz bekannt?

Die ukrainische Führung prüft nach Angaben der stellvertretenden Verteidigungsministerin Hanna Maljar derzeit unbestätigte Informationen über den Einsatz chemischer Kampfstoffe beim Versuch, die eingekesselte Stadt vollends einzunehmen. Es gibt eine Theorie, dass es sich um Phosphormunition handeln könnte, sagte sie im Fernsehen. Offizielle Informationen kommen später.

Großbritanniens Außenministerin Liz Truss schrieb bereits am Montagabend auf Twitter über einen mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz: „Es gibt Berichte, dass die russischen Streitkräfte bei einem Angriff auf die Bevölkerung von Mariupol chemische Kampfstoffe eingesetzt haben könnten.“

„Wir arbeiten dringend mit Partnern zusammen, um die Details zu überprüfen“, erklärte Truss. „Jeder Einsatz solcher Waffen wäre eine gefühllose Eskalation in diesem Konflikt, und wir werden Putin und sein Regime zur Rechenschaft ziehen“, schrieb Truss weiter.

Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, sagte am Montagabend, auch Washington habe unbestätigte Informationen über einen Chemiewaffenangriff in der strategisch wichtigen Stadt.

„Wenn diese Informationen wahr sind, sind sie sehr besorgniserregend“, sagte er. Und verwies auf „Bedenken“ des US-Militärs, dass Russland „verschiedene Mittel“, „insbesondere Tränengas gemischt mit chemischen Kampfstoffen, in der Ukraine einsetzen könnte“.

Das ukrainische Asow-Bataillon, das in Mariupol kämpft, hatte am Montag im Messengerdienst Telegram erklärt, eine russische Drohne habe eine „giftige Substanz“ auf ukrainische Soldaten und Zivilisten abgeworfen. Betroffene hätten danach unter Atemproblemen und neurologischen Problemen gelitten.

Bataillionsgründer Andrej Biletsky sagte in einer Videobotschaft: „Drei Menschen haben deutliche Anzeichen einer Vergiftung durch Kriegschemikalien, aber ohne katastrophale Folgen.“

Der Vertreter der in Mariupol kämpfenden pro-russischen Separatisten, Eduard Basurin, hatte am Montag die Möglichkeit eines Chemiewaffeneinsatzes in der Stadt angesprochen.

Demnach könnten die Separatisten sich „an chemische Truppen wenden, die einen Weg finden werden, die Maulwürfe in ihren Löchern auszuräuchern“, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti.

Stand Dienstagmorgen sind keinerlei Details des mutmaßlichen Chemiewaffenangriffs verifiziert.

Wie weit sind die russischen Truppen in der Stadt schon vorgerückt?

Knapp sieben Wochen nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine spitzt sich die militärische Lage in Mariupol von Tag zu Tag weiter zu. Erstaunlich ist, dass die ukrainischen Truppen in der Stadt überhaupt so lange ausgehalten haben.

Die für Russland kämpfenden Truppen, darunter auch Separatisten-Einheiten und Tschetschenen, erobern nach und nach die gesamte Stadt. Wie viele Einheiten Russland dabei einsetzt, ist nicht bekannt.

Ein Panzerfahrzeug der pro-russischen Truppen in Mariupol. Foto: REUTERS/Chingis Kondarov Vergrößern
Ein Panzerfahrzeug der pro-russischen Truppen in Mariupol. © REUTERS/Chingis Kondarov

Laut übereinstimmenden Berichten befinden sich die letzten ukrainischen Truppen unter anderem im Asow-Stahlwerk der Stadt, dem wohl größten weltweit. Am Montag meldeten die pro-russischen Separatisten aus der Region Donezk die Einnahme des Fischereihafens von Mariupol.

Einen Überblick über die eroberten Gebiete in der Stadt gibt diese Karte des Think-Tanks „Institute for the Study of War“:

Russisches Truppenfahrzeug vor einem zerstörten Theater in Mariupol. Foto: REUTERS/Alexander Ermochenko Vergrößern
Russisches Truppenfahrzeug vor einem zerstörten Theater in Mariupol. © REUTERS/Alexander Ermochenko

Am Wochenende hatten die russischen Truppen die Stadt halbiert und die verbliebenen ukrainischen Truppen in zwei Teile getrennt und an zwei Standorten voneinander isoliert: dem Haupthafen von Mariupol im Südwesten und dem Stahlwerk im Osten.

Mehrere geolokalisierte Videos, die am 10. April von pro-russischen Konten in den sozialen Medien veröffentlicht wurden, bestätigen, dass die russischen Angreifer den Fischereihafen westlich des Stahlwerks erobert haben.

Wer kämpft in der Stadt noch für die Ukraine?

Auf ukrainischer Seite sollen noch mehrere Hundert bis wenige Tausend Kämpfer in der Stadt sein. Darüber, wie deren Lage ist, gibt es unterschiedliche Berichte. Videos, die sich in den sozialen Netzwerken verbreiten, zeigten am Montag schwere Kämpfe in der Stadt. Allerdings ist das Datum der Aufnahmen nicht bestätigt.

Noch am Montag gingen die letzten ukrainischen Streitkräfte in Mariupol von einer Eroberung der Hafenstadt durch die russischen Angreifer in den kommenden Stunden aus. „Heute wird wahrscheinlich die letzte Schlacht sein, da die Munition zur Neige geht“, erklärte die 36. Marinebrigade der ukrainischen Streitkräfte auf Facebook.

Die ukrainischen Soldaten seien von der russischen Armee „zurückgedrängt“ und „umzingelt“ worden, erklärte die Brigade. „Alle Infanteristen sind getötet worden und die Feuergefechte übernehmen jetzt Artilleristen, Flugabwehrkanoniere, Funker, Fahrer und Köche. Sogar das Orchester.“ Von den verbliebenen Soldaten sei die Hälfte verwundet.

„Niemand will mehr mit uns kommunizieren, weil wir abgeschrieben wurden“, erklärten die Soldaten weiter. Die Eroberung werde „den Tod für einige von uns und Gefangenschaft für den Rest“ bedeuten. Die Brigade kämpft wohl im Hafen. Die verbliebenen Teile des Asow-Regiments befinden sich auf dem Gelände des Stahlwerks.

Am Dienstagmorgen war Mariupol allerdings immer noch nicht vollständig in russischer Hand und die ukrainischen Behörden gaben sich weiterhin kämpferisch.

„Die Russen haben vorübergehend einen Teil der Stadt besetzt. Ukrainische Soldaten verteidigen weiterhin das Zentrum und den Süden der Stadt sowie die Industriegebiete“, sagte der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Sergej Orlow, der BBC.

Die ukrainische Armeeführung erklärte auf Telegram: „Die Verteidigung von Mariupol geht weiter.“ Die Verbindung zu den Truppen dort sei „stabil“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte am Montagabend in einer Videoansprache mehr Waffen von seinen Verbündeten, um die „Blockade“ von Mariupol zu beenden.

Laut Berichten von ukrainischen Soldaten flogen bis vor kurzem noch ukrainische Hubschrauber in die Stadt, um die Truppen mit Munition zu versorgen und Verletzte auszufliegen. Allerdings stoppten diese Flüge, nachdem die Route entdeckt und mindestens ein Hubschrauber abgeschossen wurde.

Pro-russische Kämpfer in Mariupol. Foto: REUTERS/Chingis Kondarov Vergrößern
Pro-russische Kämpfer in Mariupol. © REUTERS/Chingis Kondarov

Das russische Verteidigungsministerium wiederum berichtete am Dienstagmorgen von heftigen nächtlichen Kämpfen. „Die auf dem Territorium des Werks „Iljitsch“ eingeschlossenen Reste der ukrainischen Streitkräfte haben einen erfolglosen Versuch gemacht, aus der Stadt auszubrechen“, sagte ein Sprecher.

Seinen Angaben zufolge haben etwa 100 ukrainische Soldaten den Ausbruchsversuch unternommen; die Hälfte davon sei getötet worden. Überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Die Belagerung von Außen zu brechen gilt derzeit als unmöglich. Die nächsten ukrainischen Einheiten befinden sich rund 100 Kilometer von der Stadt entfernt in Richtung Norden. Im Gebiet dazwischen hat Russland wohl die Lufthoheit, was ukrainische Befreier verwundbar machen würde.

Laut unbestätigten Berichten attackierten Ukrainer allerdings auch die Nachschublinie der russischen Truppen, indem sie die Bahnlinie zwischen der Krim und der Stadt Melitopol angriffen.

Ein Bewohner Mariupols vor einem zerstörten Haus in Mariupol am 10. April. Foto: REUTERS/Alexander Ermochenko Vergrößern
Ein Bewohner Mariupols vor einem zerstörten Haus in Mariupol am 10. April. © REUTERS/Alexander Ermochenko

Wie ist die Lage für die verbliebenen Zivilisten in der Stadt?

Inzwischen ist die einst mehr als 400.000 Einwohner - zur Hälfte Ukrainer, zur Hälfte Russen - zählende Stadt weitgehend zerstört, die humanitäre Lage katastrophal. Der ukrainische Präsident Selenskyj sprach in einer Videoansprache vor dem südkoreanischen Parlament von „mindestens zehntausenden“ Toten durch die russische Belagerung Mariupols.

Seit Anfang April ist die Stadt vollständig von der Stromversorgung abgeschnitten, schon seit Wochen ist die Versorgung der Menschen weitgehend zusammengebrochen. Rund 120.000 Menschen sollen sich noch in der Stadt befinden.

Mariupols Bürgermeister Wadym Boitschenko hatte am 6. April bekanntgegeben, dass rund 90 Prozent der Stadt seit Beginn der russischen Angriffe komplett zerstört worden seien. Zuletzt hatte er über mobile Krematorien in der Stadt berichtet. Mit dieser Praxis sollten Spuren für Kriegsverbrechen verwischt werden, teilte die Stadtverwaltung mit. „Das ist ein neues Auschwitz und Majdanek“, wurde Bürgermeister Wadym Bojtschenko in der Mitteilung mit Verweis auf die deutschen Vernichtungslager der Nazis im Zweiten Weltkrieg zitiert.

Der russische Angriff auf ein Theater in der Stadt, in dem sich Hunderte Bewohner versteckt hatten, löste international Empörung aus.

Die Hilfsorganisation Caritas International meldete am Montag den Tod zweier Mitarbeiter in Mariupol. Zwei ukrainische Mitarbeitende sowie eine dort Hilfe suchende Person seien bei einem Raketenangriff auf ein Gebäude der Organisation getötet worden. Auch am Dienstag soll es wieder einen Fluchtkorridor geben, so dass Einwohner mit Autos die Stadt verlassen können. In der Vergangenheit waren diese Korridore immer wieder von russischen Truppen angegriffen worden. (mit Agenturen)

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