Auf Rezept erhältlich: Cannabis in der Dose. Foto: Swen Pförtner/dpa
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Cannabis auf Rezept Ärzte kritisieren fehlende Vorgaben

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Die Nachfrage ist gewaltig, doch bei der Kostenerstattung machen die Krankenkassen oft noch Probleme: Seit einem Jahr gibt es Cannabis hierzulande auf Rezept.

Um die Heilwirkung der Droge weiß man seit fast 5000 Jahren, in den Klöstern des Mittelalters machte man reichlich Gebrauch davon. Doch die Renaissance von Cannabis als Medizin war extrem zäh. Während Neuroleptika und chemisch gefertigte Schmerzmittel in Massen zirkulieren, können sich schwer Kranke erst seit neuestem wieder regulär mit Cannabisblüten und deren Extrakt behandeln lassen. Vor exakt einem Jahr fiel hierzulande das Verbot, vorher hatten nur rund 1000 Kranke eine Ausnahmegenehmigung. Mit der Versorgung holpert es aber nach wie vor.

Nachfrage steigt enorm

Während die Nachfrage explodiert, tun sich Ärzte und Versicherer schwer mit der Neuerung. Bei den großen Krankenkassen AOK, Techniker und Barmer gingen seit der Freigabe mehr als 15.700 Anträge ein. Und die Apotheker setzen immer größere Mengen Cannabis um. Die Tendenz sei „von Quartal zu Quartal steigend“ gewesen, sagt der Präsident der Bundesapothekenkammer, Andreas Kiefer.

Waren es im zweiten Quartal 2017 noch 4615 Rezepte mit rund 10 000 Einheiten, sei man zwischen Oktober und Dezember bereits auf mehr als 12.700 Rezepte mit gut 18 800 Einheiten gekommen. Insgesamt summierte sich die abgegebene Menge an Cannabisblüten 2017 auf 44.000 Einheiten.

Viele Verschreibungen sind fehlerhaft

Bei der Kostenerstattung allerdings scheitern viele Patienten erst mal an ihren Versicherern. Gut jeder dritte Antrag wurde im ersten Anlauf nach Prüfung durch den Medizinischen Dienst abgelehnt. Die Ärzte müssten ihre Cannabis-Verschreibungen genauer begründen, rechtfertigen sich die Sachbearbeiter. Offenbar fehle es in den Praxen diesbezüglich an Wissen und Sorgfalt. Viele Anträge seien fehlerhaft und unvollständig, man habe ständig Informationen nachzufordern.

Und billig ist die Sache für die Versicherer auch nicht gerade. Schätzungen zufolge kostet eine Cannabis-Therapie im Monat rund 540 Euro.

Ärztekammer: Wir wissen noch viel zu wenig

Auch Ärztevertreter geben sich zurückhaltend. „Wir wissen noch viel zu wenig darüber, ob und wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis wirken“, sagt Josef Mischo vom Vorstand der Bundesärztekammer. Zwar gibt es starke Hinweise darauf, dass Cannabis Spasmen und Schmerzen, etwa bei Multipler Sklerose, zu lindern vermag. Dasselbe gilt für Verkrampfungen bei Epilepsie oder Übelkeit infolge von Chemotherapien.

Der Einsatz als Antidepressivum jedoch ist umstritten. Und die Nebenwirkungen sind auch nicht restlos erforscht.

Kritik an fehlenden Vorgaben

Kritik üben Mediziner zudem am Gesetzgeber. Durch fehlende Vorgaben habe dieser den Ärzten „die gesamte Entscheidungslast aufgebürdet“, schimpft etwa der Präsident der Sächsischen Ärztekammer, Erik Bodendieck. Es gebe „bis heute keinerlei Regelungen“ zu den Diagnosen und Indikationen einer Verordnung von Cannabis, Cannabisextrakten oder synthetischen Reinsubstanzen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss. „Jeder Patient, der glaubt, seine Rückenschmerzen mit Cannabis behandeln zu können, kommt jetzt in die Arztpraxis“, so Bodendieck. Die Politik habe „Hoffnungen geweckt, Ärzte und schwerkranke Patienten jedoch im Stich gelassen“.

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