Der Ex-DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn (66) leitet die Stasi-Unterlagenbehörde. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
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Bürgerrechtler Roland Jahn vor der Thüringen-Wahl „Das ist die Verhöhnung der Opfer der SED-Diktatur“

Der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde kritisiert die AfD-Selbstinszenierung als Vertreterin der Ostdeutschen. Jahn erlebte selbst Schlimmes in der DDR.

Roland Jahn geht noch immer gern auf die Kernberge. Wenn er in Jena ist, wenn es die Zeit zulässt, gehört die Wanderung dort oben dazu. Er verbindet damit viele Erinnerungen. „Das ist die Kindheit, das ist die Jugend, all das, was man als Heimat empfindet.“ Hier konnte er sich besinnen, auch Freiheit spüren. Der Wald kannte keine Grenzen. Nur das Tal da unten hatte welche.

1983 begründete Jahn die Jenaer Friedensgemeinschaft mit

„Was ich deutlich zurückweise, ist, wenn die Verhältnisse in der DDR und mit denen von heute gleichgesetzt werden. Wenn behauptet wird, man hätte heute keine Meinungsfreiheit. Wenn behauptet wird, dass die Willkür des Staates heute so groß wäre wie damals. Das ist eine Verhöhnung der Opfer der SED-Diktatur.“

Jahn lebt heute in Berlin. Er ist 66 Jahre alt und seit 2011 Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. 1983 begründete er die Jenaer Friedensgemeinschaft mit und wurde wenige Monate danach zwangsausgebürgert. Jahn gehörte zu den bedeutendsten DDR-Oppositionellen. Heute setzt er sich für die Aufarbeitung der SED-Diktatur ein. Jetzt vor der Wahl in Thüringen ist ihm die Meinungsfreiheit nochmal ein besonderes Anliegen.

Auf die beruft sich heute die AfD und behauptet, sie würde nicht gelten. Im Wahlkampf in Thüringen, wie schon in Sachsen und Brandenburg, inszeniert sie sich als einzige Vertretung der Ostdeutschen. Zumal in Tradition der friedlichen Revolution von 1989. „Der Osten steht auf – Vollende die Wende!“, „Werde Bürgerrechtler!“ und „Wir sind das Volk!“ sind nur einige Plakatsprüche der Populisten. 

Als hätte die friedliche Revolution nicht stattgefunden. Als gäbe es einen Staat, der abgeschafft gehört. Die führenden Kräfte der AfD, auch Spitzenkandidat Björn Höcke, kommen aus dem Westen, haben die Diktaturerfahrung nicht gemacht.

Demokratie muss solche Meinungen aushalten, sagt Jahn. Dafür sind sie 1989 und all die Jahre davor auf die Straße gegangen. „Auch das gehört zur Freiheit dazu. Auch wenn ich das durchaus als Missbrauch ansehe.“

Und weiter: „Schon die Existenz der AfD, ihre öffentlichen Auftritte, machen klar, dass die Verhältnisse heute absolut andere sind.“ Weil auch die Feinde der Demokratie ihre Meinung äußerten und Parteien gründen dürften. „Das ist die große Herausforderung, die der Staat hat, dort auch die Grenzen von Meinungsfreiheit zu ziehen. Die Grenzen zu ziehen für eine Partei. Die Äußerungen, die die Würde des Menschen verletzen, zu reglementieren“, sagt er. „Da sehe ich zum Teil Vollzugsdefizite. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass niemand in dieser Gesellschaft ausgegrenzt wird, der demokratische Rechte wahrnehmen will.“ Prognosen sehen die AfD am Sonntag bei 20 bis 24 Prozent der Stimmen.

In Jena fand man zumindest Gleichgesinnte

All jenen, die die DDR verharmlosen, muss Jahn eigentlich nur die eigene Biografie vorlegen. Auch wenn manche nicht mehr von Unrechtsstaat sprechen wollen. Wie zuletzt Manuela Schwesig und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow.

Das ging in der Schule los. „Angefangen beim Pionierhalstuch, was man nicht tragen wollte.“

Jena nimmt noch heute eine Sonderstellung in Thüringen ein. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa Vergrößern
Jena nimmt noch heute eine Sonderstellung in Thüringen ein. © Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa

Später wird ein Freund aus dem Unterricht geworfen, weil er lange Haare hat. Beim Wehrdienst proben sie den Einsatz gegen Studentenunruhen. 1976 protestiert Jahn gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und verliert seinen Studienplatz.

Junge Menschen sind in der DDR immer wieder in Konflikt mit dem Staat geraten. In Jena fand man zumindest Gleichgesinnte. Das Saaletal ist nicht groß. Über zwei Ecken kennt hier jeder jeden, und an Haaren und Kleidung erkennt man sich schnell. Man trifft sich beim Tanzabend, beim Lesekreis – oder eben auf den Wanderungen in den Wäldern.

Ein Freund stirbt 1981 in den Händen der Stasi

Aus Fragen, Gedanken, Gefühlen werden Aktionen. Jahn erinnert sich an den 1. Mai 1977. Er geht er mit einem weißen Plakat auf die Demo. „Ich habe noch in Erinnerung, wie Kinder ihre Eltern aufmerksam gemacht haben: Da steht ja gar nichts drauf. Und alle wussten: Hier darf man nicht sagen, was man will.“

Zeichen setzen und nicht gleich eingesperrt werden. Das war die Herausforderung. „Ich war damals so naiv zu glauben, wenn die Strafgesetze nicht anwendbar sind, dann werden sie mich auch nicht kriegen.“Bis zum 12. April 1981. Ein Freund, Matthias Domaschk, gerade 23, stirbt in den Händen der Stasi, in Untersuchungshaft. Er wird erhängt aufgefunden. An Selbstmord glauben seine Freunde bis heute nicht. Das hat Angst gemacht. Doch die Aktionen werden danach nur vehementer.

Jahn kommt nach internationalen Protesten vorzeitig frei

Am Tag der Arbeit 1982 stellt sich Jahn, halb als Stalin, halb als Hitler geschminkt, neben die Ehrentribüne. Es folgen Verhaftungen und Verhöre. Im September 1982 kommt Jahn erneut in Haft. Diesmal wird er verurteilt – wegen Herabwürdigung der staatlichen Ordnung. 22 Monate Knast. Weil er ein polnisches Fähnchen ans Fahrrad geklemmt hatte. „Ich habe dann begriffen: Sie schlagen zu, wenn aus ihrer Sicht das Maß voll ist.“

Jahn kommt nach internationalen Protesten vorzeitig frei. Im März gründen die Freunde die Friedensgemeinschaft Jena. Die Gruppe ist in der DDR-Opposition außerhalb der Kirche einzigartig. Das Maß ist voll. Ab Mai schiebt die Stasi mehr als 40 Oppositionelle in den Westen ab. Auch Jahn wird in Ketten in einen Zug gesperrt und zwangsausgebürgert. Der Widerstand endet nicht. Von West-Berlin aus macht er als Journalist weiter, später dann in der Stasi-Unterlagenbehörde.

Die Jeansjacke hat Jahn inzwischen gegen schwarzes Hemd und Sakko getauscht

Jena nimmt noch heute eine Sonderstellung in Thüringen ein. Im Bundesland ist jeder Vierte 65 Jahre oder älter. In Jena dagegen ist von 110.000 Einwohnern jeder Vierte als Student eingeschrieben. Die Stadt wächst sogar. 2018 gab es mehr Geburten als Verstorbene. Forschung und Wirtschaft sind international renommiert. Jena hat einen FDP-Oberbürgermeister, die stärksten Parteien im Stadtrat sind Linke und Grüne.

Es sei eine „besondere Konstellation“, sagt Jahn, die Jena schon zu DDR-Zeiten prägte und zu einem der Zentren der Opposition machte. Auch Carl Zeiss Jena hatte daran seinen Anteil. Die Hochburg der Optik zog Lehrlinge aus der gesamten DDR an. „Es sind nicht die gekommen, die bequem waren, sondern die, die weg wollten von Zuhause. Die einen Aufbruchgeist mitbrachten“, sagt Jahn. Dazu kamen noch die Studenten und Kontakte zur Opposition anderer Städte. Da sei eine Mischung entstanden, sagt er. Eine mit Selbstbewusstsein, die kritische Fragen stellte.

Doch auch die rechte Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) war Kind dieser Stadt. Das darf man nicht vergessen, sagt Jahn. Aus Fremdenhass ermordete der NSU zehn Menschen. Die Gruppe hatte sich in den 90ern in Jena radikalisiert. „Entgegen jeder humanistischen Tradition. Das hat mich sehr erschrocken. Da wird deutlich, dass es in einer Stadt sehr verschiedene Entwicklungen geben kann, auch wenn diese eigentlich für etwas anderes steht.“ Auf die Gewalt folgten Rockkonzerte und Demonstrationen gegen Rassismus. „Das zeigt mir auch, dass Jena sich auf die Werte besinnt, die die DDR-Opposition vertreten hat: Freiheit und Demokratie.“

Nicht wenige der 2,1 Millionen Thüringer haben die SED-Diktatur miterlebt. Trotzdem sprechen manche heute von gelenkter Presse, Bevormundung, zu vielen Gesetzen. Wie passt das zusammen? „Ich habe keine Antwort darauf.“ Jahn spricht immer wieder von biografischen Erfahrungen, die für jeden anders aussahen.

Ost und West sind für ihn keine Kategorien, die funktionieren

Auch die Jahre nach der Wiedervereinigung mit allen Schwierigkeiten gehören dazu. Man könne das beschreiben, sagt er. Aber eine wissenschaftliche Analyse ersetzt das nicht. „Wenn pauschal verurteilend von den Ostdeutschen die Rede ist, zeigt das doch, dass die Diskussion nicht sachlich geführt wird.“

Ost und West sind für ihn keine Kategorien, die funktionieren. Fragen stellten sich höchstens regional oder sozial, sagt er. Für Jena hofft Jahn, dass sich die „Tradition der Stadt der Freigeister“ fortsetzt.

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