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Rauch über Sewerodonezk. Foto: ARIS MESSINIS / AFP
© ARIS MESSINIS / AFP

Brutale russische Angriffe im Donbass Sewerodonezk könnte das Schicksal von Mariupol ereilen

Die russische Offensive konzentriert sich auf den Donbass. Die heftigsten Kämpfe gibt es in Sewerodonezk. Die Stadt ist für die Russen von besonderem Interesse.

Es klingt Verzweiflung aus den Worten, mit denen Petro Kuzik die Lage der Verteidiger von Sewerodonezk der „Ukrainska Prawda“ schildert. Kuzik ist Hauptmann der Nationalgarde. Und Sewerodonezk ist die letzte Großstadt in der ostukrainischen Region Luhansk, die der russischen Offensive noch standhält.

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Kuziks Einheit war vor Kiew eingesetzt, als die russischen Truppen zurückgeschlagen werden konnten. Vor wenigen Tagen jedoch hat sie einen Rückschlag hinnehmen und ihre Stellungen in Rubizhne nahe Sewerodonezk aufgeben müssen. Die russische Armee habe „die Stadt nicht eingenommen, sondern zerstört“, sagt Kuzik der Zeitung.

Rubizhne sei dem Erdboden gleichgemacht worden, „übrig ist dort nur noch ein Haufen Bauschutt“. Die schwere Artillerie und Raketen der russischen Truppen seien klar überlegen. Ihre Aufgabe sei die Zerstörung ukrainischer Städte ohne jegliche Rücksicht.

Um Sewerodonezk gibt es derzeit die heftigsten Kämpfe in dem Krieg, den Russland seit dem 24. Februar in der Ukraine führt. Die Stadt ist für die russische Armee von besonderem Interesse. Nachdem sich die Separatisten vor acht Jahren mit massiver militärischer Unterstützung Russlands in der Gebietshauptstadt Luhansk etabliert hatten, wurde Sewerodonezk faktisch zum neuen Zentrum der ukrainischen Verwaltung.

Selenskyj an Unterstützung des Westens

Seit dem Februar liegt die Stadt unter Artilleriebeschuss. Die Tage verlaufen immer im gleichen Rhythmus, erzählt Kuzik: dem Granatenbeschuss folgt der Versuch, den Ort mit Infanterie zu stürmen. Bislang seien diese Wellen immer wieder am Widerstand der Verteidiger gescheitert. Also kommt die schwere Artillerie erneut zum Einsatz. Parallel dazu versuchen die Angreifer, die Ausfallstraßen nach Westen zu blockieren, damit die Verteidiger ähnlich wie in Mariupol in einem Kessel eingeschlossen werden.

Die Lage sei kritisch, schätzt Kuzik ein. Es sei keine Option, „allein auf den Heroismus der Kämpfer zu setzen, wir brauchen Technik“. Was er damit meint, ist klar: schwere Waffen, die der russischen Ausrüstung ebenbürtig sind. Wegen des derzeitigen Kräfteverhältnisses aber machen die Invasoren stetige, wenn auch langsame Geländegewinne im Osten der Ukraine.

Auch nach Angaben des Gouverneurs der Provinz Luhansk, Serhij Gaidai, wird die Situation in Sewerodonezk immer schwieriger. Russische Einheiten seien in die Stadt eingedrungen, schreibt er im Kurznachrichtendienst Telegram. Zwar hätten die ukrainischen Soldaten genügend Kraft und Ressourcen, um sich zu verteidigen. "Trotzdem ist es möglich, dass wir uns zurückziehen müssen, um uns nicht ergeben zu müssen."

Auch Charkiw, die „zweite Hauptstadt der Ukraine“, wird wieder beschossen. Dort hatten kürzlich ukrainische Truppen Geländegewinne erzielt.

Während die USA die Lieferung weiterer Raketenwerfer des Typs M270 ankündigte, hegt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj offensichtlich wachsende Zweifel, dass die westeuropäischen Regierungschefs entgegen ihren öffentlichen Solidaritätsbekundungen seinem Land wirklich zum Sieg über die Aggressoren verhelfen wollen.

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In seiner jüngsten Videobotschaft sagte Selenskyj: „Eine Katastrophe ließe sich abwenden, wenn sich die Welt zur Situation in der Ukraine so verhalten würde, als wäre es ihre eigene Situation, wenn die Mächtigen dieser Welt nicht mit Russland flirten würden, sondern wirklichen Druck machten für die Beendigung des Krieges.“ Selenskyj erinnerte daran, dass sich die Europäische Union schon seit Wochen nicht über neue Sanktionen einigen könne.

Ein beschossener Teil des Barabaschowo-Marktes in Charkiw. Foto: Bernat Armangue/AP/dpa Vergrößern
Ein beschossener Teil des Barabaschowo-Marktes in Charkiw. © Bernat Armangue/AP/dpa

Die „New York Times“ macht Differenzen aus zwischen den USA und den Westeuropäern, wenn es um die Frage geht: „Wie wird das enden?“ In den USA herrsche derzeit über die Parteigrenzen hinweg die Auffassung, die Ukraine müsse siegen.

Aber gerade diese deutliche Forderung verdecke, dass es Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und Brüssel gebe, was denn ein „Sieg“ sei. Es werde eine grundlegende Debatte darüber geführt, ob das über drei Jahrzehnte verfolgte Projekt einer Integration Russlands gescheitert sei.

Geburtstagsgeschenk für Putin

Während die USA Russland als Feindesland betrachten würden, das unbedingt vom Zugang zur Weltwirtschaft abgeschnitten werden müsse, warnten vor allem die Europäer vor der Gefahr einer Isolation und „Erniedrigung“ Putins. Innerhalb Europas bröckele die Einigkeit in der Russland-Politik, schreibt das Blatt weiter, und verweist auf Ungarns Blockade eines Öl-Embargos.

Soll man mit Putin reden oder nicht? Hier ist sich Europa uneins. Foto: Sputnik/Kremlin via REUTERS ATTENTION EDITORS Vergrößern
Soll man mit Putin reden oder nicht? Hier ist sich Europa uneins. © Sputnik/Kremlin via REUTERS ATTENTION EDITORS

Die Spitzenpolitiker in Ost-Mitteleuropa würden schon die Idee zu Gesprächen mit Putin ablehnen, während Frankreich, Italien und Deutschland sich vor allem um die Schäden eines langwierigen Krieges für die eigene Wirtschaft Sorgen machten und Russland als einen Nachbarn betrachteten, den man nicht ewig isolieren könne.

Der ukrainische Geheimdienst glaubt unterdessen eine Erklärung für die Verstärkung der russischen Angriffe zu erkennen. Es gebe nach dem 9. Mai in diesem Jahr noch einige Daten, zu denen das russische Militär einen Sieg verkünden wolle: den russischen Wahltag am 11. September oder Putins 70. Geburtstag am 7. Oktober.

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