...doch nun ist es zu spät! Junge Briten protestieren gegen den Brexit. Bei der Abstimmung 2016 haben nur wenige von ihnen mitgewählt. Foto: DPA
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Brexit Der Austritt als Frage des Alters

Die Alten wollten raus, die Jungen drin bleiben. Die Generationenkomponente des Brexit-Votum wird bisher unterspielt. Das ist falsch. Ein Gastbeitrag.

Die knappe Entscheidung der britischen Bevölkerung, die Europäische Union zu verlassen, hat das Land in eine tiefe Krise gestürzt. Dafür gibt es viele verschiedene Ursachen, aber eine davon wird oft übersehen: Die Brexit-Entscheidung hatte eine deutliche Generationenkomponente.

- Die ältere Bevölkerung stimmte mit großer Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union. Sie wollte ihr altes Königreich wieder haben, das autonom handeln und dabei weltweiten Einfluss ausüben kann. Weil die Älteren zahlenmäßig in der Mehrheit waren und zu über 60 Prozent an die Wahlurnen geströmt sind, haben sie sich am Ende durchgesetzt.

- Die jüngere Bevölkerung stimmte mit großer Mehrheit gegen den Austritt. Sie ist in einem international offenen und mit anderen Ländern Europas eng verbundenen Großbritannien groß geworden und schätzte die Vorteile dieser neuen Rolle des Königreichs. Aber die Jüngeren waren wegen ihrer geringeren Jahrgangsstärke zahlenmäßig leicht unterlegen und hätten diesen Nachteil nur ausgleichen können, wenn sie sich wie die Älteren in einem hohen Maße an der Wahlen beteiligt hätten. Diese strategische Einsicht aber fehlte ihnen, ihre Wahlbeteiligung war schwach, und deshalb konnten sie sich mit ihrer Vorstellung nicht durchsetzen. Einige Tage nach dem Plebiszit gingen sie auf die Straße und protestierten, sie hatten jetzt die Tragweite ihrer fehlenden Wahldisziplin erkannt. Zu spät.

Der Einfluss der älteren Wählerinnen und Wähler wird immer größer

Das Votum zum Brexit ist damit ein Menetekel für die unterschiedliche politische Haltung der Generationen und die sich daraus ergebende prekäre Generationengerechtigkeit politischer Entscheidungen in allen westlichen Demokratien. Weil jeder Mensch eine Stimme hat, unabhängig von seinem Alter, wird der Einfluss der älteren Wählerinnen und Wähler immer größer. Ihre Chance, in demokratischen System ihre Interessen durchzusetzen, wachsen strukturell von Jahr zu Jahr, weil sie wegen der demographischen Entwicklung immer mehr werden. Das prägt die politischen Entscheidungen. Im höheren Alter ist naturgemäß die Bereitschaft gering, langfristige Perspektiven einzugehen und weit in die Zukunft hinaus zu investieren. Der sehnlichste Wunsch ist der nach sozialer Sicherheit und finanzieller Absicherung.

Auch in Deutschland, wo das demographische Gewicht der älteren Generationen noch deutlich höher ist als in Großbritannien, ist das deutlich zu spüren, etwa bei allen rentenpolitischen Entscheidungen, die in den letzten Jahren getroffen wurden. Hierdurch kommt der älteren Bevölkerung eine immer bessere Absicherung im Alter zugute, während die jüngere Bevölkerung unter ständig höheren Belastung zu leiden hat, sobald sie ins Arbeitsleben eintritt. Zudem werden die spezifischen Interessen der jüngeren Bevölkerung im Bereich von Bildung und Ausbildung notorisch vernachlässigt, wie ein Blick in die maroden Kindergärten und Schulen der Republik deutlich macht.

Das Risiko für eine strukturelle Generationen-Ungerechtigkeit politischer Entscheidungen ist evident. Durch die repräsentativ-demokratischen Wahlmechanismen lässt sich Geld für die Absicherung der Zukunft der älteren Generation in der Politik leicht aktivieren, wohingegen es immer schwieriger wird, Geld für die Absicherung der Zukunftsperspektiven der jungen Generation zu reservieren. Auf lange Sicht entsteht hieraus ein Vertrauensverlust. Die aufgewühlte Situation in Großbritannien zeigt, was das bedeutet. 

Auch die Parteimitglieder sind tendenziell zu alt

Was ist zu tun? Ein Schritt sollte darin bestehen, die jungen Leute viel stärker als heute einzuladen, sich an der politischen Meinungsbildung zu beteiligen. Konkret heißt das, die Parteien müssen sich endlich darum bemühen, ihre Mitgliedschaft zu verjüngen. Nicht nur in der Wählerschaft, sondern auch der Mitgliedschaft besteht eine Generationenunwucht: Das Durchschnittsalter der deutschen Parteien liegt bei fast 60 Jahren, die jungen Generationen fehlen fast vollständig. Hier könnte eine freiwillige Selbstverpflichtung der Parteien helfen, bei der Aufstellung von Kandidatinnen und Kandidaten in Zukunft 30 % der Plätze für Menschen unter 35 Jahren zu reservieren. Zusätzlich würde es sich lohnen, eine öffentliche Diskussion darüber zu führen, ob das Mindestwahlalter von 18 auf 16 oder 14 Jahre herabgesetzt werden könnte, um wenigstens einen Teil der Generationenunwucht auszugleichen.

Der zweite Schritt sollte sein, der jungen Generation ins Gewissen zu reden, ihrer politischen Verantwortung nachzukommen und ihr Fremdeln mit den politischen Parteien und ihre Zurückhaltung bei der Beteiligung an Wahlen und politischen Entscheidungsfindungen  aufzugeben. Eltern und Lehrer, aber auch die Medien und die Politik sind gefragt, eine kritische Diskussion zu starten.

Die unausgegorene Entscheidung der Briten zum Brexit ist ein warnendes Beispiel dafür, welche verheerenden Folgen eine Geneirationen-Unwucht in der Politik hat. Wenn wir uns in Deutschland britische Verhältnisse ersparen wollen, sollten wir also so schnell wie möglich die politische Debatte hierzu beginnen.

- Klaus Hurrelmann ist Professor an der Hertie School of Governance, Berlin 

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