Die Gedenkstätte Sachsenhause n ist nur 15 Kilometer von der nördlichen Stadtgrenze Berlins entfernt. Sie erinnert an das gleichnamige KZ, das eine Sonderrolle für die Nationalsozialisten hatte. Foto: imago/Jürgen Ritter
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Brandenburger Gedenkstätten "Wir müssen eine andere Form der Vermittlung finden"

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Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch, über die Befreiung Deutschlands am 8. Mai 1945, Antisemitismus, aussterbende Zeitzeugen und neue Museumskonzepte.

Herr Morsch, die Gedenkfeierlichkeiten zum 73. Tag der Befreiung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück liegen hinter Ihnen, der 8. Mai vor uns. In der DDR mit ihrem antifaschistischen Gründungsmythos war er immer Tag der Befreiung, im Westen schaffte es Richard von Weizsäcker erst 1985, die Niederlage in eine Befreiung umzudeuten. Die Opfer wurden befreit. Aber die Deutschen? Von sich selbst?

Selbstverständlich mussten die Deutschen befreit werden. Ein großer Teil der Deutschen hat an diesem Regime festgehalten. Das heißt nicht, dass sie die nationalsozialistische Ideologie geteilt haben, aber dass sie sich nicht zuletzt durch den Bombenkrieg an das Regime gebunden fühlten und wegen der Goebbels-Propaganda große Angst davor hatten, dass die alliierten Truppen in Deutschland einrücken.

Das hat sich sehr schnell zerschlagen, insbesondere dort, wo die westlichen Alliierten eintrafen. Bei der Roten Armee trat der Gewöhnungseffekt sicher erst später ein, nachdem die ersten Vergewaltigungswellen abgeebbt waren. Insgesamt ist Deutschland zweifelsfrei befreit worden. Auch wenn ein großer Teil der Bevölkerung das nicht so empfunden hat. Das Ende des Krieges aber war für die meisten Deutschen eine große Erleichterung.

Und damit auch die Befreiung?

So ist es. Von daher finde ich den Begriff angemessen. Ich halte auch nichts von Theorien, die das ganze deutsche Volk als ein Volk ansehen, das zu 100 Prozent oder auch ganz überwiegend den Nationalsozialisten gefolgt ist. Das war sehr viel differenzierter. Die Loyalität eines Volkes zu einer Diktatur ist nicht so einfach zu erreichen, wie sich das manche heute vorstellen.

Sie gelten deutschlandweit als ein Wissenschaftler, der maßgeblich dazu beigetragen hat, Gedenkstätten neu zu konzipieren. Sie haben 1993 in Sachsenhausen angefangen und die Gedenkstätten zu historischen Museen umgebaut, die natürlich Orte des Gedenkens für die Opfer und ihre Angehörigen bleiben sollten.

Zunächst einmal mussten zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen zusammenwachsen. Wir haben es in Westdeutschland mit einer Bewegung zu tun gehabt, die sehr spät in Gang gekommen ist, eigentlich erst Mitte der 80er Jahre. Es war eine Bewegung, die von unten entstanden ist, gegen den Widerstand von oben. Die Gedenkstätten sind Orte gewesen, die den Charme des Amateurhaften hatten. Dort gab es mehr Emphase als Profession.

Dagegen wurden in der DDR schon sehr früh nationale Mahn- und Gedenkstätten geschaffen, allerdings vom Staat. Dort wurde versucht, die kommunistische Ideologie durchzusetzen: Dass die DDR die logische Folge des Widerstandes der Kommunisten in der NS-Diktatur gewesen sei. Man hat versucht, diese Orte völlig für staatliche Zwecke zu instrumentalisieren – für die Legitimation der sozialistischen Gesellschaftsidee.

Zugleich aber hat es in der DDR den Anspruch gegeben, große Bereiche der historischen Orte zu einer Gedenkstätte zu machen, Baurelikte zu sichern – auch wenn man sie dann durch monumentale Gestaltungen überformt hat. Man kann also nicht sagen, das eine ist die positive Entwicklung und das andere die negative.

Und das Zusammenzuführen hat funktioniert?

Da ist wirklich etwas zusammengewachsen, was zusammengehört, um mit Willy Brandt zu sprechen. Für die Akzeptanz unserer Nachbarn beim Prozess der deutschen Einheit haben die deutschen Gedenkstätten wahrscheinlich mehr getan als viele andere. Der Paradigmenwechsel konnte vollzogen werden, weil die Bundesrepublik erkannt hat, dass sie eine etablierte Erinnerungskultur braucht. Im Prozess der deutschen Einheit gibt es zwei Dinge, die von Ost nach West gewandert sind und nicht von West nach Ost: Das eine sind die Ampelmännchen, das andere sind die Gedenkstätten.

Ich bin stolz darauf, dass wir am 3. Januar 1993 mit der Umbenennung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen in Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen als erste gezeigt haben: Gedenkstätten sind moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben. Dieses Konzept hat sich inzwischen nicht nur deutschlandweit durchgesetzt. Es hat bereits damals darauf reflektiert, dass Zeitzeugenschaft endlich ist und wir eine andere Form der Vermittlung finden müssen.

Welche Rolle müssen die Gedenkstätten übernehmen, um die Zeitzeugen zwar nicht zu ersetzen, ihnen aber weiterhin eine Stimme zu geben?

Die Zeitzeugen sind nicht zu ersetzen und werden auch nicht ersetzt werden. Da geht etwas endgültig verloren, was nicht mehr wiederkommt. Die Empathie, die den NS-Opfern entgegen gebracht wird, ist eine wichtige Brücke zu den historischen Orten ihrer Leiden gewesen. Wir hatten das große Glück, dass wir die Gedenkstätten noch mit den Überlebenden neugestalten konnten.

Das Konzept des zeitgenössischen Museums basierte genau darauf, dass wir neue Vermittlungsformen finden mussten, sowohl in der Pädagogik, aber auch museal. Natürlich kann man nicht sagen, wir setzen an die Stelle der Zeitzeugen die Baurelikte und die Artefakte. Trotzdem überliefern diese eine emotionale und sensuale Anmutung, die die Erzählung eines Zeitzeugen zwar nicht ersetzt, aber an ihre Stelle tritt. Deshalb bleibt es wichtig, Sammlungen aufzubauen, ein Depot einzurichten, in dem Gegenstände wie Akten, Unterlagen, Zeichnungen, Gemälde oder die Häftlingsanzüge nun sicher für eine Ewigkeit aufbewahrt werden können.

Was ist angesichts dieser Zäsur, in der Zeit des Umbruchs, wichtig?

Die Gedenkstätten müssen endlich in den gleichen Rang kommen wie vergleichbare große Museen. Sie sind nach wie vor unterprivilegiert. Wenn wir ein zeitgeschichtliches Museum sein sollen, dann müssen wir auch finanziell und personell entsprechend ausgestattet werden. Wir sind in einer Situation, in der die Besucherzahlen – nicht nur bei uns – permanent wachsen, unsere Betriebshaushalte oder das Personal aber nicht.

Was ist mit Berlin? Ist dort angekommen, was die Konzentrationslager Oranienburg und Sachsenhausen und die KZ-Inspektion für die Hauptstadt waren? Zum Beispiel der Ort, an den die Missliebigen der NS-Hauptstadt schon im Frühjahr 1933 deportiert wurden?

Nein. Und das empfinde ich wirklich als Scheitern. Ich glaube, dafür gibt es berlin-spezifische Gründe. Letztlich ist es eine Folge der Mauer und der Teilung. Zum einen kam man von West-Berlin aus nur sehr schwer nach Sachsenhausen. Zum anderen geriet Sachsenhausen zum Symbol des Kampfes zwischen Ost und West. 1961, im Jahr der Eröffnung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, sprach Willy Brandt in Bad Godesberg bei einer SPD-Gegenveranstaltung. Dort redete er nicht über das KZ Sachsenhausen, obwohl zum Beispiel Julius Leber und viele andere Sozialdemokraten hier inhaftiert gewesen sind.

Willy Brand sprach nur vom „Roten KZ“ nach 1945, in dem – so seine Behauptung – mehr als 50 Prozent der Inhaftierten Sozialdemokraten gewesen wären. Als dann auch noch nach dem Mauerfall die Massengräber des NKWD-Lagers entdeckt worden sind, ist der Mythos des Kalten Krieges wieder auferstanden. Inzwischen haben wir empirisch nachgewiesen, dass unter den 60 000 Häftlingen des sowjetischen Speziallagers kaum mehr als 100 Sozialdemokraten waren. Doch Sachsenhausen ist ein Symbol des Deutungskampfes zwischen Ost und West gewesen. Das beeinflusst den Zugang bis heute.

Wenn man Auschwitz besucht, sieht man die Listen der Inspektion der Konzentrationslager, die aus Oranienburg stammen. Trotzdem scheint es in der Erinnerungskultur keine Rolle zu spielen, welche Bedeutung Oranienburg als Sitz der Inspektion hatte. Wird Oranienburg als Erinnerungsort in der Bundesrepublik unterschätzt?

Unbedingt. Die Inspektion ist leider viel zu wenig bekannt. Das hat zwei Gründe: Der eine liegt in der Geschichte der DDR. Weil das original erhaltene T-Gebäude, in dem sich die zentrale Verwaltung aller Konzentrationslager befand, ein militärisch genutzter Ort war, wurde er verschwiegen und war unzugänglich. Den zweiten Grund sehe ich in der Weiternutzung nach 1990. Der Architekt Daniel Libeskind sagt, der historische Ort ist durch seine Nachnutzung banalisiert worden. Das trifft zu. Es gab einen Streit darum, wie dieser Ort, von dem aus alle KZ von Auschwitz über Buchenwald und Dachau bis hin zu Ravensbrück, Sachsenhausen oder Stutthoff verwaltet wurden, genutzt wird.

Die damalige Ampelkoalition unter SPD-Ministerpräsident Manfred Stolpe entschied sich schnell und gegen Widerstände von Häftlingsorganisationen und Historikern, hier im Frühjahr 1992 das Finanzamt Oranienburg unterzubringen. Nur nach großen Kämpfen ist es gelungen, die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten darin mit einem einzigen Flur zu verorten. Gegen die Banalisierung als Finanzamt müssen wir schwer ankämpfen. Es ist viel zu wenig bekannt, dass dies der wichtigste noch erhaltene Ort der Schreibtischtäter ist. Darüber stand, organisationshierarchisch betrachtet, nur das Reichssicherheitshauptamt, die heutige Topographie des Terrors – wo allerdings nur noch wenige Bodenrelikte erhalten sind.

In Berlin gibt es das Holocaust-Mahnmal, im Bundestag sprechen Überlebende des NS-Terrors. Jüngst haben Sie vor einem „Erinnerungsstolz“ gewarnt. Finden Sie nicht, dass die Deutschen bei der Aufarbeitung Maßstäbe gesetzt haben, auf die man auch stolz sein kann?

Es ist richtig: Die Erinnerung in Deutschland und die Erinnerungskultur haben ein hohes Niveau erreicht. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern, von denen Verbrechen begangen worden sind, Japan zum Beispiel. Das Problem ist, dass damit eine Art positiver Schlussstrich droht. Weil man sagt: Wir haben das jetzt erreicht, damit haben wir auch die Vergangenheit bewältigt. Dadurch fokussiert man die Geschichte des „Dritten Reiches“ zu sehr auf die Nationalgeschichte. Wir haben in der Gedenkstätte jährlich viele Workcamps. Die Teilnehmer kommen aus allen Ländern der Welt.

Günter Morsch ist seit 1996 Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Am Ende frage ich die Gäste immer: Sie haben in Ruanda, in China oder wo auch immer – ebenfalls Genozide gehabt. Warum sollten denn die Deutschen diese Erinnerungskultur weiterhin beibehalten? Die Antwort ist: Weil in Deutschland ein Massenmord stattgefunden hat, der exemplarisch ist. Weil sich Modernität und kulturelle Hochentwicklung auf der einen Seite mit einer unglaublichen und singulären Terrorherrschaft verbunden hat.

Der Nationalsozialismus ist das Armageddon des anthropologischen Seins des Menschen. Dass ein Land, das kulturell so hochstehend war, in kürzester Zeit einen derart tiefen Absturz vollzogen hat, sagt etwas über uns Menschen allgemein aus. Der Erinnerungsstolz droht, die NS-Terrorherrschaft zu historisieren. Indem er den Bezug auf eine nationale Erinnerungskultur herstellt, gerät aus dem Blick, dass die Erinnerung an die NS-Verbrechen wirklich wichtig ist für die Frage nach der Erinnerung an Menschheitsverbrechen generell.

Auch wenn viele junge Menschen aus aller Welt die Gedenkstätte besuchen – wie sieht es mit den jungen Berlinern aus?

Wir beklagen, dass die Schulbesuche aus Berlin sehr rückläufig sind. Seit 2006 gibt es einen starken Knick, nicht nur hier in Sachsenhausen, sondern auch in anderen NS-Gedenkstätten. Ich habe gerade an Bildungssenatorin Sandra Scheeres geschrieben, dass die Berliner Schulverwaltung offenbar große Probleme hat, Besuche an außerschulischen Lernorten überhaupt zu realisieren. Das hängt nach meiner Meinung vor allem auch mit der dezentralen Schulverwaltung zusammen, weshalb wir nicht mehr auf die Netzwerke zurückgreifen können, die es früher gab.

Bräuchte Berlin einen Gedenkstättenbeauftragten?

Nein. Was Berlin braucht, sind Gedenkstättenlehrer, wie ich sie in Brandenburg eingeführt habe. Das wäre ein guter Weg. Diese Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht völlig freigestellt werden, sie sollen einen Fuß in den Schulen behalten. Damit sie den Bezug nicht verlieren und Kontakte und Netzwerke knüpfen können.

Es gibt Außenlager in Berlin, die teilweise gar nicht sichtbar sind oder Berliner Friedhöfe, auf denen auch viele Häftlinge liegen. Wie kann man das sichtbar machen? Gibt es dafür Initiativen?

Man muss das stärker mit dem Kultursenator zusammen machen. Aber Berlin ist ein schwieriges Pflaster geworden. Es ist eine Großstadt geworden, die immer mehr auf den eigenen Nabel schaut und sich vom Umland abgrenzt. Ich habe den Eindruck, Berlin zeigt damit auch eine Art Abwehr von Angriffen gegen die Stadt. Die Folge ist diese Nabelschau.

Im Moment werden Tabuthemen von zwei Seiten aufgeweicht. Die AfD arbeitet mit Überschriften wie „Denkmal der Schande“ und meint das Holocaust- Mahnmal und dazu kommt der muslimische Antisemitismus. Wie kann man dem als Gedenkstätte begegnen?

Das wichtigste ist: Man darf nicht zwischen genuin deutschem und muslimischem Antisemitismus trennen. Stigmatisierung ist mit Sicherheit der falsche Weg. Das zweite ist, dass der Antisemitismus oft mit einer Ablehnung des Staates Israel verknüpft ist. Wir erleben diese unpassenden Vergleiche oft: Zwischen den Vertreibungen der Palästinenser und den Vertreibungen der Juden.

Man darf nicht erwarten, dass man allein über die Geschichte des Nationalsozialismus an den Antisemitismus herankommt, der sich über das Thema Israel entwickelt hat. Also muss man nicht Israel und den damit verknüpften Antisemitismus ins Zentrum historischer Bildung stellen, sondern die Menschen dort packen, wo sie selber betroffen sind vom Nationalsozialismus.

Und wie machen Sie das?

Wir fragen in Projekten zum Beispiel: Wie hat sich die Türkei im Nationalsozialismus verhalten? Dorthin waren ja viele Verfolgte aus Deutschland geflüchtet. Wir beschäftigen uns auch damit, wie farbige Menschen diskreditiert wurden. Uns geht es darum, die Menschen in ihrer Individualität an die Geschichte heranzuführen und nicht über abstrakte Fragen wie: Was war der Holocaust? Wir wollen eine Brücke schlagen zur Geschichte und zur Lebenswelt des Individuums und zur Gruppe, der sie angehören.

Wir versuchen, auf die individuelle Geschichte der Menschen einzugehen und sie nicht pauschal über Antisemitismus zu belehren. Wichtiger ist mir das Thema Stigmatisierung. Wir haben seit Jahren 20 Prozent Antisemitismus. Deshalb jetzt das Problem auf einzelne Gruppen einzugrenzen, halte ich für problematisch.

20 Prozent Antisemitismus meinen Sie auf die gesamte Gesellschaft bezogen?

Ja. Nach Umfragen schwankt er seit Jahren zwischen 15 und 20 Prozent in Deutschland, das antisemitische Vorurteil zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft.

Die AfD nutzt antisemitische Äußerungen, um Beifall von rechts zu bekommen. Wie müssen sich Gedenkstätten dazu verhalten?

Ich plädiere für klare Abgrenzung. Man muss leider feststellen, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der Funktionäre der AfD aus nationalistischem, teilweise neonazistischem Milieu kommt. Ich glaube, wir müssen konsequent dagegen argumentieren, wir müssen konsequent angreifen. Wir haben es hier mit einer neuen Form des bewusst demagogischen Populismus zu tun, der kalt und nüchtern Fundamente unserer Demokratie angreift. Alle demokratischen Parteien müssen sich viel stärker als bisher einig sein, diese Gruppe auszugrenzen. Koalitionssondierungen gar, wie gelegentlich angekündigt werden, halte ich für absolut inakzeptabel. Ich hätte übrigens nie gedacht, dass eine solche Gruppe je in den Bundestag kommt.

Das sind nicht dieselben Nazis, die 1992 die Jüdische Baracke in der Gedenkstätte angezündet haben. Sie sind demokratisch gewählt. Was ist diese Partei für sie?

Die AfD ist zum großen Teil eine rechtsradikale Partei. Sie ist nicht nur rechtspopulistisch, sondern ein Großteil ihrer Äußerungen, Ideen und Forderungen sind gefährlich für die Demokratie. Auch die Nationalsozialisten sind gewählt worden. Der Brandanschlag von 1992 – das verkürze ich mal – wurde von eher intellektuell sehr einfachen Neonazis verübt. Jetzt haben wir es mit einer intelligenten, ideologisierten und gebildeten Form von Rechtsradikalismus zu tun.

Die Stadt Oranienburg war für die Gedenkstätte nicht immer ein einfaches Pflaster. Es gibt Diskussionen, wo der Bus lang fahren und ob der Eingang der Gedenkstätte verlegt werden soll. Wird Oranienburg seiner Rolle und Bedeutung gerecht und was wünschen Sie sich?

Es gibt mehrere Ebenen, die das Verhältnis von Oranienburg und der Gedenkstätte kennzeichnen. Das eine ist die historische Ebene. Erkennen die Oranienburger die Verbrechen an, die hier passiert sind? Erkennen sie die Mitschuld der Oranienburger damals an? Auf dieser Ebene gibt es durchaus ein kritisches Bewusstsein. Ich habe nie Stimmen gehört, die Verbrechen geleugnet oder die abgestritten haben, dass die Oranienburger Augenzeugen waren. Eine weitere Ebene ist die Frage der Identität. Das ist ein großes Problem. Denn Lokalpatriotismus lebt von der Überhöhung positiver Aspekte der Geschichte – das ist identitätsstiftend. Aber das gelingt mit der Gedenkstätte natürlich nur schwer. Dieser Ort lässt sich in kein Identitätsbild integrieren, er ist immer widerständig. Die Versuche, das zusammenzubringen und dabei nichts zu leugnen – das finde ich anerkennenswert, aber wenig erfolgreich. Ein weiterer Aspekt sind unterschiedliche Interessenlagen der Gedenkstätte und der Stadt bei aktuellen Fragen, wie der Busanbindung. In diesen Fragen wird nicht selten hart miteinander gestritten.

Meinen Sie damit auch politische Einflussnahme?

Die politische Instrumentalisierung der Gedenkstätten ist eine reale Gefahr und geschieht täglich. Wir müssen die Waage halten zwischen der Gefahr einer politischen Instrumentalisierung der Opfer auf der einen Seite und auf der anderen Seite der Akzentuierung unserer Sicht auf die Gegenwart. Wir haben gerade mit politischen Instrumentalisierungen zu kämpfen und wehren uns dagegen …

… was meinen Sie konkret?

Mehrere Dinge. Es gibt die politische Instrumentalisierung durch Teile der Verwaltung, des Staates und der Politik. Das andere ist die Vereinnahmung durch Interessenverbände. Da will ein Verband sich zum Beispiel Opferlegenden aneignen, um berechtigte Anliegen nach vorne zu tragen. Aber auch die Politik versucht, einzugreifen, zum Beispiel in der Potsdamer Gedenkstätte Leistikowstraße. Damit wird versucht, die Gedenkstätten aus ihrer inhaltlichen Selbstständigkeit herauszulösen und ihr ein bestimmtes politisches Narrativ aufzuzwingen. Diese Gefahr sehe ich ganz massiv, auch als Nebeneffekt des Erinnerungsstolzes. Dass die Grenzen verschwimmen, der Respekt vor der Autonomie der Gedenkstätten und damit auch der Respekt vor den Opfern schwindet und Geschichte benutzt wird, um sie für gegenwärtige Interessen und Ziele zu funktionalisieren – so legitim sie auch sein mögen. Das ist ein Trend, der immer mehr zunimmt. Das macht mir großen Kummer. Die inhaltliche Autonomie der Gedenkstätten muss beibehalten werden. Sonst werden wir in den Augen der Menschen als verlängerter Arm staatlicher Politik unglaubwürdig.

Haben Sie noch ein anderes Beispiel für die Einflussnahme des Staates?

Ja, aber ich möchte darüber jetzt ungerne sprechen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich im Laufe der 25 Jahre solche Eingriffe oft erlebt habe, dass wir sie jedoch zumeist zurückweisen und abwehren konnten. Die Konflikte betrafen hauptsächlich solche Fragen, die mit der Bewertung beider Diktaturen zu tun hatten. Wir wollen nicht, dass die Toten, die sich nicht mehr wehren können, für tagespolitische Zwecke instrumentalisiert werden.

Was hat Sie in den 25 Jahren Ihrer Stiftungszeit getragen?

Wer mich kennt, weiß, dass ich den Aufbau der Gedenkstätten als eine Lebensaufgabe angesehen habe. Die Freundschaften und die engen persönlichen Bindungen, die in diesen Jahren zu vielen KZ-Überlebenden und ihren Nachkommen entstanden sind, haben mich getragen.

Das Gespräch führten Claudia Seiring und Alexander Fröhlich.

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