Eine Boeing 737 Max 8 der US-Fluggesellschaft American Airlines. REUTERS/Shannon Stapleton
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Update Boeings Unglücksmaschinen Piloten beschwerten sich über 737 Max 8

Bereits vor dem Absturz in Äthiopien haben Cockpit-Besatzungen Sicherheitsbedenken zur Boeing 737 Max 8 geäußert. Sie kritisierten eine neue Steuerung.

Piloten beschwerten sich laut einem US-Bericht bereits vor dem Absturz in Äthiopien über Maschinen des Unglückstyps Boeing 737 Max 8. Der „Dallas Morning News“ zufolge sollen mindestens 3 Piloten und 2 Co-Piloten ernsthafte Sicherheitsbedenken, vor allem in Bezug auf die Steuerungssoftware Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), geäußerten haben.

Das System soll in bestimmten Fluglagen einen drohenden Auftriebsverlust verhindern, indem es die Flugzeugnase automatisch nach unten drückt. Das MCAS reagiert aber offenbar auch auf fehlerhafte Sensordaten. In Bodennähe bleiben den Piloten dann nur Sekunden, um das System zu deaktivieren.

Im Oktober war eine Lion-Air-Maschine mit einer solchen Steuerung abgestürzt, die in Äthiopien abgestürzte Maschine hatte das System ebenfalls. Bereits nach dem Lion-Air-Crash hätten Cockpitbesatzungen dem Hersteller vorgeworfen, nicht ausreichend über das MCAS informiert worden zu sein, hieß es in dem Bericht. Boeing wies das zurück, hätte allerdings die entsprechenden Handbücher nachgebessert.

"Dallas Morning News" bezog sich bei ihrem Bericht auf die staatlichen US-Datenbank „Aviation Safety Reporting System“. Darin können in der Luftfahrt tätige Personen anonym Berichte über Flugzwischenfälle hinterlegen. Die Beschwerden beziehen sich auf Autopilot-Flüge mit der Boeing 737 Max 8. Die Zwischenfälle passierten allesamt, als die Maschinen versuchten, nach dem Start an Höhe zu gewinnen.

Viele Länder sperren Luftraum

Obwohl rund um den Globus Länder Flugverbote für die 737 Max 8 verhängten, halten die USA weiter stramm dagegen. Der Druck auf die US-Luftfahrtbehörde FAA wird aber immer größer, Spitzenpolitiker beider großen Parteien und Flugbegleiter fordern inzwischen, dass Boeings Krisenflieger vorerst am Boden bleibt. Der Hersteller beharrt indes auf der Sicherheit seiner Jets. Konzernchef Dennis Muilenberg sprach einem Medienbericht zufolge direkt mit Präsident Donald Trump, um ein Startverbot für den Flugzeugtyp abzuwenden.

Trotz internationaler Flugverbote für Jets vom Typ Boeing 737 Max 8 nach zwei Abstürzen binnen eines knappen halben Jahres sieht die FAA weiter keinen Anlass für eine solche Maßnahme. Bislang hätten die Überprüfungen der Behörde keine „systemischen Leistungsprobleme“ bei dem Flugzeugtyp und keine Grundlage für ein Startverbot ergeben, teilte der FAA-Chef Daniel Elwell am Dienstag auf Twitter mit. Auch hätten Luftfahrtbehörden anderer Länder der FAA keine Daten zur Verfügung gestellt, die Maßnahmen erforderlich machten.

Weiter hieß es in der Mitteilung, die „dringende Auswertung“ der Daten der am Sonntag abgestürzten Boeing 737 Max 8 von Ethiopian Airlines dauere an. Sollten sich dabei Hinweise ergeben, die die Flugtauglichkeit der Maschinen infrage stellten, werde die FAA „sofortige und angemessene Maßnahmen“ ergreifen. Knapp fünf Monate vor dem Crash in Äthiopien am Sonntag war bereits eine Boeing 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt, dabei starben 189 Menschen.

Die Rufe nach Konsequenzen der Luftfahrtbehörde nehmen derweil zu. Ranghohe Vertreter sowohl der Demokraten als auch der Republikaner sprachen sich für ein Startverbot des betroffenen Flugzeugtyps aus. Alle Flieger sollten am Boden bleiben, bis die Ursachen der jüngsten Abstürze und die Flugtauglichkeit geklärt seien, twitterte etwa der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Die einflussreichen demokratischen Senatoren Elizabeth Warren, Richard Blumenthal und Dianne Feinstein sowie Spitzenpolitiker Ted Cruz von den Republikanern schlossen sich der Forderung an.

Nach Flugverboten für Boeing-Max-8 will Tui andere Flugzeuge chartern

Der Tui-Konzern will den Ausfall seiner Boeing-737-Max-8-Flotte vor dem Oster-Reiseverkehr auch durch das Fremdchartern von Flugzeugen kompensieren. „Für Deutschland ist das Thema ja irrelevant, weil wir hier noch keine Maschinen dieses Typs haben - in den anderen Ländern werden wir jedoch die Kapazitäten anpassen müssen“, sagte am Dienstag Tuifly-Sprecher Aage Dünhaupt der Deutschen Presse-Agentur. Geplant seien zudem der Rückgriff auf Ersatzkapazitäten sowie Umbuchungen von Passagieren auf andere Flüge. Erschwerend sei aber die Unklarheit über die Dauer der erlassenen Flugverbote für diesen Boeing-Typ.

Flugbegleiter für Flugverbot

Auch Flugbegleiter in den USA sprachen sich bis zur Klärung der Ursache des Flugzeugabsturzes in Äthiopien, bei dem am Sonntag 157 Menschen getötet wurden, für ein Startverbot für baugleiche Maschinen aus. Die Gewerkschaft APFA, die die über 27.000 Flugbegleiter von American Airlines vertritt, forderte die größte US-Fluggesellschaft zu diesem Schritt auf. Auch die Gewerkschaft der Transportarbeiter (TWU), in der unter anderem die Flugbegleiter von Southwest Airlines organisiert sind, verlangte ein Startverbot.

Boeing-Chef Dennis Muilenberg telefonierte US-Medien zufolge mit US-Präsident Trump. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf zwei mit dem Gespräch vertraute Personen, Muilenberg habe bei Trump dafür geworben, kein Startverbot für baugleiche Maschinen in den USA zu verhängen. Auch der Sender CNN vermeldete das Telefonat vom Dienstag, ohne allerdings über Inhalte zu berichten. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht.

Abgesehen vom Nachbarstaat Kanada stehen die USA mit ihrer Einschätzung, dass die Boeing-Jets flugtauglich sind, mittlerweile ziemlich allein da. In Europa, Australien und weiten Teilen Asiens erteilten Luftfahrtbehörden bereits Flugverbote für alle baugleichen Maschinen. Zahlreiche Airlines legten die Flugzeuge am Dienstag wegen Zweifeln an der Sicherheit der Baureihe ebenfalls zunächst still. Damit ist gut die Hälfte der seit 2017 ausgelieferten rund 350 Flugzeuge aus dem Verkehr gezogen. Es drohen zahlreiche Flugausfälle.

Boeing-Aktie mit großen Verlusten

Das stürzt Boeing nicht nur in eine tiefe Imagekrise: Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Bei andauernden Problemen mit dem Kassenschlager könnten auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte den zweiten Tag in Folge ab. Boeing beharrt indes auf der Verlässlichkeit der in die Kritik geratenen Baureihe. „Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit“, teilte der Konzern mit.

Der internationale Flugverkehr wird aus Furcht vor weiteren Zwischenfällen unterdessen zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Nachdem am Dienstagnachmittag Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und weitere Staaten eine Sperrung ihres Luftraums für die Boeings angekündigt hatten, zog auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA am Abend nach. Das Verbot gelte als „Vorsichtsmaßnahme“ für den ganzen europäischen Luftraum für die Typen Boeing 737 Max 8 und Boeing 737 Max 9, erklärte die EASA. Auch Neuseeland und die Vereinigten Arabischen Emirate - ein wichtiges internationales Luftfahrtdrehkreuz - verhängten für Maschinen des Typs Boeing 737 Max ein Flugverbot.

Die Sperre des deutschen Luftraums für das Boeing-Modell 737 Max gilt für drei Monate. Bis einschließlich 12. Juni dürfe kein Flugzeug des Typs Boeing 737 Max 8 und Max 9 über der Bundesrepublik fliegen, erklärte die Deutsche Flugsicherung (DFS) in Langen bei Frankfurt. Die Anordnung gelte ab 18.30 Uhr. Flugzeuge, die sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch im deutschen Luftraum befänden, dürfen den Flug bis zur Landung fortsetzen. (tsp, dpa)

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