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Klare Forderung. Berliner Demonstration des Allgemeinen Deutsches Fahrrad-Clubs (ADFC) im September 2020. Foto: dpa
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Blechlawinen zu Drahteselflüssen Es ist eigentlich ganz einfach - so gelingt die Verkehrswende in Berlin

Die Angebote für Nahverkehr, Rad und Fußgänger müssen so attraktiv gemacht werden, dass es sich lohnt, auf das Auto zu verzichten. Eine Kolumne.

Es ist jedes Mal wieder beglückend, wenn ich in dieser schönen Stadt mein Ziel als Radfahrerin oder Fußgängerin lebend erreiche. Aber noch mehr freue ich mich, wenn sich motorisierte VerkehrsteilnehmerInnen nicht als die Krone der Schöpfung sehen.

Letzte Woche habe ich mir den Spaß erlaubt, zu notieren, wie oft ich mich auf einer Strecke in Gefahr befand, weil ich nicht in einem Auto saß: AutofahrerInnen, die Zebrastreifen überfahren, AutofahrerInnen, die auf Radwegen stehen, AutofahrerInnen, die an Straßenecken parken, so dass ich beim Überqueren der Straße Angst haben musste, von anderen AutofahrerInnen über den Haufen gefahren zu werden. Autos! Autos! Autos! Tonnenweise Schrott auf Straßen und Wegen, die Lebensqualität, Platz, Luft und Sicherheit wegnehmen.

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Meiner Schätzung nach gibt es in Berlin rund drei Milliarden AutofahrerInnen, die anscheinend weder an ihrem Auto hängen noch am Leben anderer VerkehrsteilnehmerInnen interessiert sind. Wirklichkeitsfremd ist nicht eine autofreie Innenstadt, wie es unsere potentielle Regierende Franziska Giffey sagte, wirklichkeitsfremd ist, dass Autos fahrend und stehend Raum, der uns allen gehört, ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen. Wenn ich meine Matratze vor meine Haustüre werfe, heißt das illegale Müllentsorgung. Beim Auto heißt es Parkplatz. 

Glaubenskrieg in der Hauptstadt

Was Städte wie Oslo, Kopenhagen, Wien, Barcelona, Paris und Amsterdam längst praktizieren, artet in Berlin immer mehr zu einem gefährlichen Glaubenskrieg aus. Dabei wollen die allermeisten Menschen in einer Großstadt sicher, kinderfreundlich und gesund leben. Aber vor allem wollen sie einen funktionierenden und für alle bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr.

Der Verkehrsexperte Andreas Knie sagte auf die Frage, warum es so vielen schwerfalle, das Auto stehen zu lassen: „Verkehr ist eine Gewohnheitssache, man speichert Routinen ab. und das Umgewöhnen fällt schwer.“ Deshalb sei das Thema so emotional. Aber sobald neue Angebote zur Verfügung stünden, würden immer mehr Menschen umsteigen und auf das eigene Auto verzichten.

Alle schreien nach einem guten Personennahverkehr, doch was macht unsere Hassliebe BVG? Erhöht die Preise, statt sich darum zu kümmern ihn für die, die ihn schon nutzen, besser und für die, die ihn noch nicht nutzen, attraktiver zu machen. 

Die Interessengemeinschaft „Parkplatz Transform Neukölln“ hat eine interessante Zählung im Schillerkiez durchgeführt. Sie ergab, dass rund um die Hermannstraße geparkte Autos 43-mal so viel Platz einnehmen wie der Kleinkindspielplatz an der Schillerpromenade. Öffentliche Gelder reichen hinten und vorne nicht für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Mobilität für Metropolen

Eine Privatisierung des öffentlichen Raumes, für die, die sich das leisten können, ist kein Beitrag zum Allgemeinwohl. Also muss doch die Rechnung so lauten: Die Angebote für öffentlichen Nahverkehr, Rad und Fußgänger müssen so attraktiv gemacht werden, dass es sich lohnt, auf das Auto zu verzichten.

In den Köpfen der meisten Menschen ist das Fahrrad bislang immer noch etwas für Ökos, Schulkinder und Sportbegeisterte. Aber in Wirklichkeit ist es das Fahrrad, das künftig als einziges bezahlbares Individualverkehrsmittel unsere großstädtische Mobilität verwirklicht.  

There are 9 Million bicycles in Bejing“, sang Katie Melua, was über die tatsächlichen Verhältnisse auf Pekings Straßen hinwegtäuscht, denn Chinas Hauptstadt erstickt in Zehntausenden von Autoneuzulassungen pro Monat. „There are 3 Million Bicycles in Berlin“, hätte ganz andere Dimensionen, wenn man die Voraussetzungen dafür in der Politik schafft und wir uns trauen, den Radfahrer und die Radfahrerin in uns allen wiederzuentdecken. 

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