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Der Biontech/Pfizer-Impfstoff steht vor der US-Zulassung Foto: imago images/MiS
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Biontech vor der US-Zulassung Macht das deutsche Unternehmen Trump doch noch zum Impfhelden?

Es geht auch um Donald Trumps Vermächtnis. Der Biontech-Impfstoff könnte ab Dezember in den USA eingesetzt werden. Auch Merkel spricht vom Durchbruch.

Karl Lauterbach hat neulich dem Pianisten Igor Levit mit einem Gläschen Rotwein zugeprostet, virtuell versteht sich: Sie haben auf den neuen Impfstoff angestoßen. Beide eint zweierlei, sie werden bis hin zu Morddrohungen angefeindet, der SPD-Gesundheitsexperte wegen seiner Corona-Politik, der Pianist wegen seines Kampfes gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Und beide sehen im Impfstoff eine große Hoffnung, damit die Pandemie schneller überwunden werden kann; um mehr Leben zu retten - und damit Künstler wie Levit wieder große Konzerte geben können.

„Es gibt Licht am Ende des Tunnels“, sagt Lauterbach. Denn mit den Impfstoffen der deutsch-amerikanischen Partnerschaft Biontech/Pfizer und des US-Unternehmens Moderna mit jeweils bis zu 95 Prozent Wirksamkeit ist ein überraschend schneller Durchbruch gelungen. Der Unterschied zwischen 90 und 95 Prozent Wirksamkeit sei enorm, betont Lauterbach bei Twitter. Das halbiere die Zahl der Erkrankten unter den Geimpften. „95 Prozent Wirksamkeit ist für Impfstoffe Champions League.“

Ein Milliardengeschäft winkt

Und mit dem Impfstart könnte es nun ganz schnell gehen, es ist ein nie dagewesene Operation, auch viele weitere Firmen werden profitieren, auch aus Deutschland, etwa Hersteller von Glas-Fläschchen für Impfstoffe. Die neue Dynamik ist durch Nachrichten aus den USA entstanden.

Das Mainzer Unternehmen Biontech und der US-Pharmariese Pfizer beantragten am Freitag bei der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Notfallzulassung für ihren Corona-Impfstoff.

Und bei einer Pressekonferenz betonte US-Gesundheitsminister Alex Azar, dass die US-Regierung mit einer raschen Zulassung rechnet. „Wir werden innerhalb von 24 Stunden nach der Zulassung durch die FDA Millionen von Impfstoffdosen ausliefern. Meine Botschaft lautet also: Hoffnung und Hilfe sind auf dem Weg“, sagt Aznar.

Lange Autoschlangen in den USA vor einem Drive-In-Corona-Testzentrum Foto: AFP Vergrößern
Lange Autoschlangen in den USA vor einem Drive-In-Corona-Testzentrum © AFP

Optimismus im Weißen Haus

In den USA gab es am Donnerstag nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität mit mehr als 187 000 neuen Corona-Fällen einen Rekord, der Druck ist entsprechend groß, und US-Präsident Donald Trump will - auch wenn er das Weiße Haus verlassen muss - offensichtlich als derjenige dastehen, der die Verfügbarkeit des Impfstoffes mit ermöglicht hat und der sich entgegen der realen Fakten als der große Impfungsheld preisen könnte, ermöglicht haben die jüngsten Durchbrüche multilaterale Kooperationen von Spitzenforschern, aber auch staatliche Finanzspritzen.

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Der US-Immunologe Anthony Fauci betonte im Weißen Haus, dass der mit knapp 44.000 Probanden erprobte Pfizer-Biontech-Impfstoff und der von Moderna sehr gut geeignet sein könnten; der Aktienkurs von Biontech legte am Freitag zeitweise um über 6 Prozent auf rund 85 Euro zu.

„Die Geschwindigkeit des Prozesses hat die Sicherheit in keiner Weise kompromittiert“, betonte Fauci. Die Daten der Studien zu den Impfstoffen seien von unabhängigen Experten beurteilt worden, die niemandem etwas schuldeten, auch nicht der Regierung. „Das ist wirklich solide.“

Pfizer als Partner Biontechs verfügt über umfangreiche Erfahrungen im Bereich des Kühlkettenversands, der Impfstoff muss bei minus 70 Grad gekühlt werden. Die USA, die EU und weitere Länder haben hunderte Millionen Dosen des Pfizer-Biontech-Impfstoffs vorbestellt.

Falls der Wirkstoff zugelassen wird, - man rechnet mit einer Entscheidung binnen 14 Tagen - könnten besonders gefährdete Menschen in den USA ab Mitte Dezember geimpft werden. Hinter dem neuartigen Impfstoff auf RNA-Basis steckt eine lange Geschichte, "made in Germany".

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Biontech-Chef Ugur Sahin steht vor dem größten Erfolg seines Lebens - und einem Milliardengeschäft Foto: AFP Vergrößern
Biontech-Chef Ugur Sahin steht vor dem größten Erfolg seines Lebens - und einem Milliardengeschäft © AFP

Biontech-Chef: Hilfe für die ganze Welt

Das sei ein „entscheidender Schritt, um unseren Impfstoffkandidaten so schnell wie möglich der Weltbevölkerung zur Verfügung zu stellen“, sagt Biontech-Chef und Mitgründer Ugur Sahin. Es wird erwartet, dass dann auch in Kürze die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) grünes Licht geben könnte.

Die beiden Unternehmen haben hier, aber auch in Staaten wie Kanada und Japan bereits einen rollierenden Einreichungsprozess für das Sichten der Daten begonnen. Die Unternehmen wollen noch 2020 bis zu 50 Millionen Dosen des bisher mit kaum Nebenwirkungen verbundenen Impfstoffes mit Bezeichnung BNT162b2 produzieren und bis zu 1,3 Milliarden Dosen 2021.

Wer bekommt zuerst eine Impfung und wie kann der Impfstoff weltweit gerecht verteilt werden? Foto: dpa Vergrößern
Wer bekommt zuerst eine Impfung und wie kann der Impfstoff weltweit gerecht verteilt werden? © dpa

G-20-Gipfel berät Impfplan

Das Thema wird auch eine größere Rolle beim virtuellen G20-Gipfel am Wochenende spielen, Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) werden ihn gemeinsam im Kanzleramt begleiten, Gastgeber ist Saudi-Arabien. Denn noch nie mussten weltweit so viele Menschen geimpft werden, in Deutschland wird es definitiv keine Impflicht geben. Die Beschaffung und gerechte Verteilung werde global ein “Riesen-Thema“, hieß es aus Regierungskreisen.

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Kanzlerin Merkel rechnet nun auch schon im Dezember oder „sehr schnell nach der Jahreswende" mit der Zulassung eines Corona-Impfstoffes in Europa. In Berlin sind sechs Impf-Zentren geplant. Scholz mahnte die führenden Wirtschaftsnationen, sich stärker an der internationalen Corona-Impf-Initiative Covax zu beteiligen. „Notwendig ist, dass alle G20-Staaten sich daran beteiligen", forderte Scholz. Bisher wurden laut Finanzministerium rund 4,3 Milliarden Euro für die Entwicklung und global faire Verteilung von Impfstoffen bereitgestellt.

Bundespräsident Steinmeier pocht auf eine faire Verteilung des Impfstoffes, der weltweit die Corona-Pandemie zu überwinden helfen soll Foto: imago images/photothek Vergrößern
Bundespräsident Steinmeier pocht auf eine faire Verteilung des Impfstoffes, der weltweit die Corona-Pandemie zu überwinden helfen soll © imago images/photothek

Steinmeiers Appell

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier pocht seit Monaten auf eine gerechte Verteilung, gerade auch armen Ländern müssten Zugang bekommen. "Die Zulassung gleich mehrerer Vakzine rückt in greifbare Nähe. Die Produktion von Hunderten Millionen Impfdosen ist schon hochgefahren. Wir können die begründete Hoffnung haben, im kommenden Jahr schrittweise die harten Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie aufheben zu können. Das ist ein Silberstreif am Horizont unserer strapazierten Geduld", betonte er in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel.

Vor allem in den ersten Monaten, in denen noch nicht ausreichend Impfdosen für alle zur Verfügung stehen, sollten durch Vorerkrankungen oder Alter gefährdete Risikogruppen sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens Vorrang haben, so Steinmeier. Es sei eine große Herausforderung, dieser Einsicht auch auf internationaler Ebene Geltung zu verschaffen.

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Staaten, die nicht über die Mittel verfügen, sich den Herstellern als Vorzugskunden anzudienen. Die Folge wird sein, dass in ärmeren, aber nicht weniger bedürftigen Ländern nur ein geringer Teil der Bevölkerung geimpft werden kann, in reicheren Ländern hingegen ein ungleich größerer Teil."

Es sei in unserem eigenen, aufgeklärten Interesse, wenn zunächst einige Menschen in allen Ländern geimpft werden, und nicht zuerst nur in einigen wenigen Ländern alle Menschen. "Eine Pandemie, die im eigenen Land eingedämmt, aber jenseits unserer Grenzen nicht überwunden ist, kostet weiter Menschenleben, kostet aber auch Wohlstand."

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