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Der Deutschen liebstes Vakzin. Foto: Christian Charisius/dpa
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Biontech-Rationierung ein „Super Gau“? Die Ärzte schießen sich mit ihrer Kritik ein Eigentor

Der Gesundheitsminister will erst Moderna verimpfen lassen, dann Biontech. Die Ärzte schreien auf. Das ist übertrieben. Ein Kommentar.

Deutschland hat seinen nächsten Corona-Aufreger: Der Biontech- Impfstoff soll auf Weisung des Bundesgesundheitsministers rationiert werden. Stattdessen soll zunächst das Vakzin von Moderna in die Arme der Bevölkerung, weil sich dessen Haltbarkeitsfrist dem Ende nähert, und das – so legen es zumindest Aussagen zu den Vertragsdetails mit der US-Firma nah, die bekannt wurden – nicht gespendet werden darf.

Nun nimmt Deutschland also das heimische Biontech-Präparat, das den Bundesbürgern als Impfstoff am liebsten ist, um es an ärmere Länder zu verschenken, und zurück bleiben: wütende Ärzte, ratlose Impfwillige, sich bestätigt wähnende Kritiker der Corona-Politik.

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Schnell war die Kritik aus der Politik an Jens Spahn schrill im Ton: „inakzeptabel“, „Vollbremsung“. Ähnlich äußern sich Ärztefunktionäre („Super-Gau“), die von zusammenbrechenden Terminplanungen und ärgerlichem Booster-Durcheinander sprechen. Sicher, die Lage ist mal wieder schwierig, aber auch ein Super-Gau? Und wenn, ist dafür Jens Spahn als Minister verantwortlich – allein?

Dass erstmal verbraucht wird, was als nächstes verfällt, ist ein Prinzip, das Millionen täglich beim Griff in den Kühlschrank anwenden. Es ergibt Sinn. Und dass sich Menschen, die eine Booster- Impfung haben wollen, davon abschrecken lassen, dass sie keine Biontech-Spritze, sondern eine mit Moderna bekommen sollen, ist möglich, aber doch eher unwahrscheinlich: Beides sind mRNA-Impfstoffe und wirken nach dem gleichen Grundsatz.

Dass die Verträge mit Moderna sind, wie sie sind, ist schon eher erstaunlich, und noch viel mehr, dass das nicht längst in alle Verteilungsstrategien einbezogen wurde.

Die Ärzte haben anfangs lautstark ihr Mittun gefordert

Doch ähnlich sonderbar muten auch die Ärztefunktionäre an, die sich nun so massiv beschweren. Kaum eine Zunft ist derart gut organisiert, jeder Mediziner muss mindestens einer Standesvertretung angehören, der jeweiligen Kammer, dazu kommen für die Praxen die mächtigen Kassenärztlichen Vereinigungen. Beide Institutionen genießen de facto hoheitliche Rechte, werden in zig Gremien von der Politik angehört, bestimmen viele der Abläufe in Praxen und Kliniken zumindest mit.

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Zu Jahresanfang waren es die Kassenärzte, die Spahn lautstark aufforderten, in das Massenimpfen einbezogen zu werden. Das war angemessen, schreibt das Gesetz doch vor, dass die Ärzte in den Praxen die ambulante Versorgung sicherzustellen haben, während sich die Mediziner in den Kliniken um stationäre, schwere Fälle kümmern.

Als ab April mit den Praxen endlich alle drei Säulen des Gesundheitswesens – die Gesundheitsämter, die Kliniken, die Niedergelassenen – in den Kampf gegen das Coronavirus einbezogen wurden, jubelten die Kassenärzte. Und nun?

Den nächsten Gesundheitsminister will die FDP stellen

Nun sollte sich die gut organisierte, selbstbewusste Zunft nicht mit Beschwerden aufhalten, sondern ihre Macht nutzen, um das Volk eben mit Moderna vor der Gewalt der vierten Welle zu schützen. Das würde den Ärzten übrigens auch politisch helfen.

Wie zu hören ist, wird der nächste Bundesgesundheitsminister ein Freidemokrat. Spahns Nachfolger wird unter großem Reformdruck stehen – bei allem Verständnis der FDP für die ärztlichen Freiberufler, die Selbstständigen mit ihren Praxen. Denn auf die Pandemie werden Rufe folgen, das deutsche Gesundheitswesen endlich umzubauen: weniger Doppelstrukturen, dafür endlich mehr Digitalisierung.

Wollen die Ärzte als fast autonomer Akteur auch künftig in allen Belangen der Gesundheitsversorgung mitreden, sollten sie beweisen, dass sie sich wegen der nachvollziehbaren Anweisung des Moderna-First nicht aus dem Konzept bringen lassen.

Noch vertrauen ihnen die Massen, noch hören Verunsicherte, aber auch Impfskeptiker eher auf ihren Arzt in der Stammpraxis als auf Appelle der politischen Führung. Auf das Vertrauen in seine Ärzteschaft kann das Land auch in der vierten Welle nicht verzichten.

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