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Nichts als Sand und Steine. Die Menschen im Lager Rukban können sich kaum noch ernähren. Foto: Getty Images/Anadolu/Imad Gali
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Bewohner berichtet aus syrischem Flüchtlingslager „Wir backen Brot über Feuer, das wir mit Müllresten machen“

Serena Bilanceri

An der Grenze zwischen Jordanien und Syrien leben 10.000 Flüchtlinge. Hilfe gibt es kaum. Assads Truppen belagern das Camp und verhindern den Zugang.

Eigentlich hat sich Jamal (Name von der Redaktion geändert) gefreut, als die Lkw die Grenze des Camps passierten. Sie waren beladen mit Zucker, Reis, Bulgur, Öl und Mehl, erzählt er. Lebensmittel, die die knapp 10.000 Einwohner des Flüchtlingslagers Rukban, an der Grenze zwischen Syrien und Jordanien, immer verzweifelter suchen müssen.

Seit Herbst 2019 hat keine humanitäre Hilfe mehr Rukban erreicht, nur die Schmuggler auf der syrischen Seite und kleine Anbaustellen verhindern, dass die Geflüchteten – gut die Hälfte davon Kinder – in der Wüste verhungern.

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Doch seit mehr als mehr als einem Monat geht das syrische Regime nach Angaben von Nicht-Regierungsorganisationen immer härter gegen den illegalen Handel vor. Das treibt die Preise in die Höhe und macht Nahrungsmittel knapp.

„Wir backen Brot über dem Feuer, das wir mit Nylon-, Karton- und Müllresten machen. So kochen wir auch Bulgur und Reis. Wir haben kein Fleisch, Eier oder Fisch. Viele Nahrungsmittel sind nicht verfügbar. Und wenn etwas verfügbar ist, sind die Preise sehr hoch.“ Ein Kilo Mehl koste 3000 syrische Pfund, etwa 1,15 Euro, sagt Jamal.

Schlimm sei der Mangel an Medikamenten

Am 9. Juni beobachteten Aktivisten, wie Nahrungsmittel aus Jordanien ins Lager kamen. NGOs und Einwohner betonen, dass es sich dabei um eine Abmachung mit jordanischen Kaufleuten gehandelt habe – und keine offizielle humanitäre Hilfe. Der UN-Flüchtlingskommissar (UNHCR) in Jordanien bestätigt, nicht involviert zu sein.

Die Lebensmittelknappheit ist aber nicht das einzige Problem im Camp. Schlimm sei der Mangel an Medikamenten, Jobs und Bildungseinrichtungen, berichtet Jamal. Eine Klinik, die von den Vereinten Nationen betrieben wurde, ist seit der Coronapandemie im März 2020 geschlossen.

Eine Gegend, bestehend aus Sand und Steinen

Ärzte fehlen ebenso, lediglich einige Krankenpfleger arbeiten noch im Lager. Bei Notfällen müssen die Patienten oft in Gebiete, die unter Kontrolle der syrischen Regierung stehen. Davor haben sie Angst, wie Mouaz Moustafa, Direktor der NGO Syrian Emergency Task Force (SETF) sagt. „Die Aussicht, in die Regimegebiete zurückzukehren ist so verrückt, dass es nicht mal darum geht, wie weit die nächste Klinik ist.“

Rukban liegt in einem entmilitarisierten Gebiet, das sich über 55 Kilometer in der syrischen Wüste an der Grenze zu Jordanien erstreckt. Eine Gegend, bestehend aus Sand und Steinen. Staubstürme und Hitzewellen plagen die Menschen im Sommer, Schnee und Regen im Winter.

Manche harren seit Jahren in dem Lager aus

Bilder und Videos aus dem Camp zeigen endlose weiße Zelte und einstöckige Lehmhäuser auf dem roten, trockenen Boden. Menschen warten mit Karren und Eseln an Brunnen, um ihre Kanister mit Wasser zu füllen, das aus Jordanien kommt.

„Das Camp befindet sich mitten in der Wüste und wird seit 2019 belagert. Die richtige Frage ist also nicht, was dort fehlt, sondern, was verfügbar ist. Weil: Fast alles fehlt“, sagt Mustafa Abu Shams von der Initiative Hesar.

„Zuerst lebte ich in einem Zelt aus Nylon mit meiner Familie, dann, nach etwa zwei Jahren, haben wir ein kleines Haus aus Lehm gebaut, einer Mischung aus Wasser und Sand“, erzählt Jamal. Der 45-Jährige betreibt einen kleinen Gemischtwarenladen im Lager.

Andere Anwohner arbeiten für die Revolutionäre Kommandoarmee, eine Rebellengruppe, die im Gebiet rund um Rukban aktiv ist. Doch viele Geflüchtete müssen sich auf das Geld verlassen, das ihnen Verwandte außerhalb des Camps zukommen lassen.

Manche harren seit Jahren in dem Lager aus. Wie Jamal, der 2016 mit seinen fünf Kindern aus einer syrischen Kleinstadt zwischen Homs und Damaskus nach Rukban floh, in der Hoffnung, nach Jordanien umzusiedeln. Rukban hat er aber nie verlassen. Als Jordanien nach einem Selbstmordattentat im Juni 2016 seine Grenze schloss, blieb er gefangen im Lager. Er sagt, eine Zukunft sehe er nicht mehr. „Ich war ein Angestellter, besaß ein Haus, ein Auto und eine Farm, aber jetzt habe ich nichts, nicht mal einen Flüchtlingsausweis.“

Seit 2019 belagert die syrische Regierung das Camp

Zehntausende haben Rukban in den vergangenen Jahren verlassen. Denn seit 2019 belagert die syrische Regierung mit Unterstützung Russlands laut NGOs das Camp und verhindert den Zugang. „Das Regime Assads und Russland drosseln das Schmuggeln ab, weil sie die Anwohner zurück in die Gebiete unter Kontrolle des Regimes zwingen wollen“, sagt SETF-Direktor Moustafa. Laut einem Bericht von Amnesty International riskieren jedoch syrische Geflüchtete, die nach Hause zurückkehren, Verhaftungen und Folter.

Eine Lösung könnte sein, dass Jordanien seine Grenze für die Lagerbewohner öffnet. Doch die Regierung in Amman sieht das anders: „Die Antwort auf die Situation in Rukban ist, dass das Camp aufgelöst wird und die Menschen in ihre Häuser zurückkehren“, sagt der Sprecher des Außenministeriums, Haitam Abu Alfoul. Und fügt hinzu, es sei Aufgabe der UN, der internationalen Gemeinschaft und Syriens, „eine sichere Rückkehr zu gewährleisten“.

Rukban liege auf syrischem Boden, Jordanien könne nicht „die einfache Antwort auf dieses Problem sein“.

Wie es in Zukunft mit den privaten Lieferungen aus Jordanien weitergeht, ist noch unklar. Offenbar wurden weitere Ladungen bereits in Erwägung gezogen, sicher ist dies aber nicht. Jamal freute sich jedenfalls über den Konvoi vor einiger Zeit. So etwas sollte es auch in Zukunft wieder geben, darauf hofft er. Doch das damit Rukbans Probleme gelöst werden, ist fraglich.

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