Als Fachkräfte benötigt: Flüchtlinge bei der Arbeit in einer Metallwerkstatt. Foto: Annette Zoepf / epd
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Bertelsmann-Studie zur Willkommenskultur Die Skepsis gegenüber Migranten in Deutschland sinkt

Eine knappe Mehrheit der Deutschen klagt einer Bertelsmann-Studie zufolge weiter über zu viel Zuwanderung. Doch Argwohn weicht zunehmend Pragmatismus.

Die Skepsis gegenüber Migration ist nach den Turbulenzen der starken Fluchtzuwanderung im Jahr 2015 gesunken, sie bleibt aber hoch. Gleichzeitig sieht eine große Mehrheit der Bevölkerung in der Einwanderung Vorteile für die Wirtschaft. Zu diesen Ergebnissen kommt eine repräsentative Befragung der Bertelsmann Stiftung zur Willkommenskultur, die von Kantar Emnid durchgeführt wurde und dem Tagesspiegel vorliegt.

Der Studie zufolge meint mit 52 Prozent zwar immer noch eine knappe Mehrheit, dass es in Deutschland zu viel Einwanderung gebe. Die Ansicht, dass das Land mit der Aufnahme von Flüchtlingen seine Belastungsgrenzen erreicht habe, wird jedoch – anders als 2017 – nur noch von 49 Prozent vertreten. Vor zwei Jahren lag die Rate derer, die dem Slogan „Das Boot ist voll“ applaudierten, noch um fünf Prozentpunkte höher.

Nicht erhöht dagegen hat sich dagegen die Quote derer, die auch die Aufnahme von mehr Flüchtlinge für zumutbar halten. Sie lag jetzt wie auch im Jahr 2017 bei 37 Prozent. 2015 war diese Ansicht mit 51 Prozent Mehrheitsmeinung.

Aber je jünger die Befragten und je höher ihr Bildungsabschluss, desto aufgeschlossener sind sie gegenüber Einwanderern. Junge Menschen hätten einen positiveren Blick, heißt es in der Studie. „Sie vermuten deutlich weniger Belastungen durch Migration, weder für den Sozialstaat noch bei der Wohnungsnot. Sie fokussieren die Chancen und erfreuen sich mit großer Mehrheit an einer bunten Gesellschaft.“ Anders als bei den Älteren glaubt mit 43 Prozent denn auch nur eine Minderheit der jungen Menschen, es gebe hierzulande zu viel Einwanderung.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Differenzierung nach Schulabschluss. Von den Befragten mit Volks- und Hauptschulabschluss meinen 67 Prozent, dass Deutschland nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen könne, weil die Belastungsgrenze erreicht sei. Unter denen mit Abitur oder Universitätsabschluss finden das nur 29 Prozent.

Ostdeutsche äußern sich deutlich ablehnender

Geschlecht und eigener Migrationshintergrund spielen für die Einschätzung von Zuwanderung dagegen kaum eine Rolle. Doch es gibt einen auffälligen Ost-West-Unterschied: In den neuen Ländern äußern sich die Befragten deutlich ablehnender. So meinen 83 Prozent der Befragten im Osten, Migration belaste den Sozialstaat, während es im Westen nur 68 Prozent sind.

Insgesamt sehen 71 Prozent Belastungen für den Sozialstaat. 69 Prozent sehen die Gefahr, dass es zu Konflikten zwischen Eingewanderten und Einheimischen kommt. 64 Prozent fürchten Probleme in den Schulen, 60 Prozent eine Verschärfung der Wohnungsnot in Ballungsräumen. Und eine Mehrheit befürchtet auch, zu viele Migranten würden die Wertvorstellungen des Aufnahmelandes nicht übernehmen.

Mehrheit erkennt positive Effekte für die Wirtschaft

Gleichzeitig werden positive Effekte von Zuwanderung stärker gesehen und hervorgehoben als noch vor zwei Jahren So ist selbst im Osten mittlerweile eine Mehrheit von 55 Prozent der Ansicht, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft – im Westen sind es 67 Prozent. Im Gesamtergebnis meinen ebenfalls 67 Prozent, das Leben werde durch Migration interessanter. 64 Prozent sehen einen Vorteil durch geringere Überalterung der Gesellschaft. 41 Prozent erwarten sich von den Migranten auch Mehreinnahmen für die Rentenversicherung.

Entsprechend sehen auch immer mehr der Befragten den Zuzug ausländischer Fachkräfte als beste Strategie gegen den Fachkräftemangel. 41 Prozent vertreten inzwischen diese Position, vor zwei Jahren waren es nur 33 Prozent. Andere Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel wie eine höhere Erwerbsquote von Frauen oder eine längere Lebensarbeitszeit finden deutlich weniger Beifall.

Zuwanderer sollten schneller arbeiten dürfen

Das größte Hindernis für die Integration der Zugezogenen sehen die mit Abstand meisten Befragten, nämlich 91 Prozent, in Sprachdefiziten. Fehlende Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt nennen hier 63 Prozent, mangelnde Bildung 60 Prozent. Und 53 Prozent sind der Ansicht, dass die Verbundenheit der Zuwanderer mit ihrer Herkunftskultur für die Integration nicht förderlich sei.

Um die Probleme mit Flüchtlingen zu verbessern, meint eine überwältigende Mehrheit, dass es ihnen der Staat erlauben sollte, schneller in Lohn und Brot zu kommen. 89 Prozent der Befragten stimmen dieser Forderung zu. Eine feste Anzahl an aufzunehmenden Flüchtlingen für jedes EU-Land würden 78 Prozent begrüßen. Um Benachteiligungen zu für Zuwanderer zu verringern, plädiert auch jeder zweite Befragte für entsprechende Gesetze. Besonders stark gestiegen ist die Zustimmung zu Maßnahmen gegen Verdrängung bei der Wohnungssuche: 2012 fanden nur ein Drittel hierfür Gesetze nötig, inzwischen sind es 55 Prozent.

76 Prozent erwarten von Migranten kulturelle Anpassung

Allerdings verlangt eine Mehrheit der Befragten auch Eigeninitiative von den Zuwanderern. 96 Prozent erwarten, dass sie die deutsche Sprache lernen. 94 Prozent wollen, dass sie sich um ein gutes Zusammenleben mit den Deutschen bemühen und 93 Prozent, dass sie das deutsche Grundgesetz anerkennen. 80 Prozent der Befragten möchten, dass die Migranten mehr Kontakte zu Deutschen haben. 76 Prozent finden, sie sollten sich der deutschen Kultur anpassen. Und 73 Prozent sähen es auch gerne, wenn sich die Zuwanderer sozial engagieren.

Doch immerhin: 72 Prozent signalisieren auch Offenheit. Sie äußern den Wunsch, dass die Ankömmlinge den Deutschen im Gegenzug etwas von ihrer eigenen Kultur vermitteln.

Für Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sind die Ergebnisse zwiespältig. Einerseits belegten sie die Ambivalenz der Bevölkerung gegenüber Migration, andererseits zeigten sie eine gewisse Normalisierung. „Deutschland hat den Stresstest der Fluchtzuwanderung ab 2015 gut gemeistert und stabilisiert sich als pragmatisches Einwanderungsland“, sagt er. Die Bürger hätten die Herausforderungen von Migration klar vor Augen. Sie sähen aber auch die Chancen für eine alternde Gesellschaft.

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