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Sarkophag für vitale Bedürfnis. City-Tilette am Berliner S-Bahnhof Olympiastadion, Berlin. Foto: Karl-Heinz Spremberg/IMAGO/imagebroker
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Berlins öffentliche Toiletten Macht hoch die Tür

Mit Kreditkarte, kleiner Münze oder gratis? Der Zugang zu öffentlicher Toiletten wird einer grundlegenden Prüfung unterzogen. Ein Kommentar.

In der Not zur Notdurft sind alle Menschen gleich. In Berlin aber sind, wenn es um die Verrichtung derselben geht, manche künftig gleicher. In einem sechsmonatigen Pilotversuch will der Berliner Senat ab Mitte des Monats 50 City-Toiletten aus dem Hause Wall kostenlos zur Verfügung stellen, die übrigen 228 sollen nur noch Kreditkarten-Inhabern, Girocard-Besitzern, ApplePay-Kunden oder Nutzern der „Berliner Toilette“-App zugänglich sein.

Der Münzbetrieb wird eingestellt, nachdem die City-Toiletten immer wieder aufgebrochen worden waren. Die Behörden sahen sich außerstande, mit den Reparaturen hinterherzukommen – geschweige denn mit den Kosten.

Seit der Ankündigung des Plans ist die Stadt politisch mindestens so zweigeteilt wie kürzlich nach Raed Salehs Angstvision, mit der Verkehrsberuhigung der Innenstadt zugleich deren Gentrifizierung zu fördern. Zeigt sich in der Toilettenfrage nicht ein vergleichbarer Zielkonflikt? Verläuft nicht auch er entlang einer klischeebehafteten Links-Rechts-Teilung?

Um es konkret zu machen: Hat der begüterte Smartphone-Besitzer künftig nicht bessere Chancen, seinem Harndrang nachzukommen, als der selbst von einem gewöhnlichen Handy überforderte Rentner? Und riskiert der als Wildpinkler verschriene Obdachlose nun nicht endgültig einen Aufenthalt im Gefängnis, wenn er als Wiederholungstäter beim Urinieren Ordnungswidrigkeit um Ordnungswidrigkeit begeht und Bußgeld um Bußgeld anhäuft?

Überschaubare Folgen

Die unmittelbaren Folgen des Pilotversuchs dürften überschaubar sein. In Berlin gibt es über die 278 City-Toiletten hinaus 155 weitere öffentliche Toiletten. Nicht eingerechnet Kaufhäuser, Restaurants und Cafés – auch wenn diese in erster Linie den Gästen offenstehen und allen anderen einen Obolus abverlangen, der zurecht dem sogenannten Toilettengroschen für die Pächter öffentlicher Orte entspricht.

Schadensmindernd sollte sich zudem auswirken, dass der Euro-Schlüssel für behindertengerechte Toiletten, den zu 70 Prozent Versehrte gegen einen Unkostenbeitrag von 25 Euro beziehen können, weiterhin die Schiebetür aufschließt. Und Hand aufs Herz: Findet der blasen- und peristaltikgeplagte Mensch, wenn es darauf ankommt, nicht quer durch alle Schichten fast immer einen Weg?

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Die Sorge um eine massive soziale Schieflage, die ein Menschenrecht dem Raubrittertum des freien Marktes unterwirft, ist zumindest in unseren Breiten übertrieben: Ein angemessenes Entgelt ist etwas anderes als die profitgierige Ausnutzung eines Bedürfnisses. Man mag es aus linker Perspektive fragwürdig finden, dass dabei künftig auch Digital- und Kreditkartenkonzerne mitverdienen. Und man mag aus rechter Perspektive beklagen, dass sich mit immerhin 50 kostenlosen Toiletten eine utilitaristische Moral durchgesetzt hat, die vor dem kleinkriminellen Münzraub mit einer weitgehenden Öffnung schlicht zurückgewichen ist.

Beides geht an der interessantesten Frage vorbei: Wird die Kreditkartenhürde bei den entgeltpflichtigen Toiletten die hygienischen Standards verbessern? Und wird umgekehrt eine Verlotterung der Gratis-Toiletten stattfinden? „Verlassen Sie dieses WC bitte in dem Zustand, in dem sie es vorzufinden wünschen“, lautet ein beliebter Appell an die individuelle Moral des Gastes. In einem halben Jahr wird sich zeigen, wie es darum steht.

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