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"Wowereit und ich sind unterschiedliche Typen"

Leicht lädiert erscheint Matthias Platzeck zum Interview. Der Ministerpräsident spricht von einer „kleinen Malaise“, die er sich bei einem frühmorgendlichen Sportunfall zugezogen habe und die jedem passieren könne. Manfred Thomas
BER-Aufsichtsratschef im Interview Platzeck: „Ich finde es gut, wie tabulos Herr Mehdorn herangeht“

Haben Sie Sorge, dass Mehdorn von Bord geht, wenn solche Konflikte eskalieren?
Nein. Und ich bin in ständigem Kontakt mit Hartmut Mehdorn.

Die BER-Kosten sind auf 4,4 Milliarden Euro gestiegen. Jeder Monat kostet 30 Millionen Euro. Wann sprechen Sie offen aus, dass fünf Milliarden Euro nicht reichen werden?
Wir sollten vor allem offen darüber reden, dass seriöse Finanzvorhersagen eng mit dem Eröffnungstermin zusammenhängen. Erst wenn der feststeht, kann man den Finanzbedarf errechnen. Gleiche Vorsicht gilt bei vermeintlich monatlichen Verlusten. Fest steht: Das Geld, das die Gesellschaft im Moment braucht, haben wir zur Verfügung gestellt. Und richtig ist auch: Wegen der Kosten müssen wir alle Anstrengungen darauf richten, den Flughafen möglichst schnell zu eröffnen.

Wann ziehen Berlin, Brandenburg und der Bund als Eigner da endlich an einem Strang?
Das geschieht inzwischen seit dem Spitzentreffen im Januar, und das trotz unterschiedlicher Interessen, trotz Wahlkampfzeiten. Ganz Märkisch: Ich habe da nichts zu meckern.

Machen wir die Probe aufs Exempel! Sie wollen neuerdings ein erweitertes Nachtflugverbot am BER. Beißen Sie in Berlin und beim Bund damit immer noch auf Granit?
Ich bemühe mich um mehr Nachtruhe für die Anwohner am BER. Dem Ganzen liegt nach einem erfolgreichen Volksbegehren ein Landtagsbeschluss zugrunde, der über alle Parteien hinweg nur fünf Gegenstimmen hatte. Das nehme ich ernst. Die Gespräche mit der Flugsicherung, mit Berlins Senatskanzlei haben begonnen. Es ist schwierig, aber der Anfang ist gemacht. Und vor der Landtagswahl 2014, und zwar lange vorher, muss eine Lösung gefunden sein. Die Landtagsentschließung hat die Richtschnur markiert.

Klaus Wowereit hat Sie mitten in diesem Konflikt als „politischen Freund“ bezeichnet. Gilt das auch umgekehrt?
Natürlich. Wir sind unterschiedliche Typen, das wissen wir aber auch. Wir arbeiten über ein Jahrzehnt sehr gut zusammen. Konträre Positionen, die auch mal öffentlich werden, gehören dazu. Das ist ganz normal.

Ihr Land ist gerade mit dem Flughafen vor dem Oberverwaltungsgericht mit dem Versuch gescheitert, den Schallschutzstandard für die BER-Anrainer zu verringern. War der Vorstoß ein Fehler?
Bevor wir irgendwelche Schlüsse ziehen, warten wir die schriftliche Urteilsbegründung ab. Auch aus Respekt vor der dritten Gewalt. Nur so viel: Auch was geplant war, hätte einen sehr guten Schallschutz garantiert. Was das Gericht verlangt, ist eine Steigerung des sehr guten Schallschutzes.

Sie haben Ihr politisches Schicksal mit dem Erfolg des BER verknüpft. Manche Brandenburger sorgen sich seit der Übernahme des Chefpostens im Aufsichtsrat, der Stress um den Flughafen könne Sie krank machen wie einst die SPD.
Ich habe keinen Grund zu klagen, wenn man von der aktuellen kleinen Malaise absieht, die jedem passieren kann. Ich habe im Januar die Führung für das wichtigste Vorhaben unserer Region übernommen. Und es macht mir nach wie vor Spaß.

Ihre Partei hat im Bund wenig zu Lachen. Glauben Sie viereinhalb Monate vor der Bundestagswahl noch an die rot-grüne Chance, Angela Merkel abzulösen?
Na, der Wahlkampf fängt ja erst an. Die SPD hat ein sehr überzeugendes Wahlprogramm, das Antworten auf die Sorgen der Menschen gibt. Das Auseinanderdriften der Gesellschaft beschäftigt die Bürger genauso wie der Wunsch, vom Lohn eigener Arbeit leben zu können, statt in prekäre Jobs abgedrängt zu werden. Diese Themen werden stärker ins Bewusstsein rücken, je näher der Wahltermin rückt.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat Vertrauen verloren. Wie will er aufholen?
Peer Steinbrück war in den vergangenen Wochen viel unterwegs. Ich erlebe dabei einen Menschen, der sehr sensibel die Schwingungen und Sorgen der Gesellschaft aufnimmt. Er ist eben nicht nur sehr klug und kompetent, nicht nur ein rationaler Krisenmanager. Er ist auch ein sehr mitfühlender, durch und durch empathischer Mensch.

Warum weiß das keiner?
Bis zur Wahl werden wir da nachlegen.

SPD-Parteichef Sigmar Gabriel hat sich für ein generelles Tempolimit von 120 Kilometer pro Stunde ausgesprochen. Was halten Sie davon?
Unser Autobahnsystem ist nicht nur gut ausgebaut, sondern auch gut geregelt. Wo es nötig ist, drosseln wir das Tempo, um Unfälle zu vermeiden. Ich sehe keine Notwendigkeit für weitere Einschränkungen.

Hat es Sie gefreut, dass Peer Steinbrück in der Tempolimit-Frage dem Parteichef widersprochen und damit von seiner Beinfreiheit Gebrauch gemacht hat?
Freude ist nicht meine Kategorie in der politischen Diskussion. In der Sache teile ich das, was Peer Steinbrück gesagt hat.

Das Gespräch führten Thorsten Metzner und Hans Monath.

Zur Person:

LANDESVATER

Matthias Platzeck (59) ist seit fast zehn Jahren Ministerpräsident von Brandenburg. Erste politische Erfahrungen hatte der Umwelthygieniker als Oppositioneller in der Endphase der DDR gesammelt.

CHEFKONTROLLEUR

Im Januar wurde Platzeck als Nachfolger von Klaus Wowereit zum BER-Aufsichtsratschef gewählt. Er hat seine politische Karriere an den Erfolg des Flughafen gekoppelt.

SOZIALDEMOKRAT

Seit bald 18 Jahren ist Platzeck in der SPD. Im November 2005 wurde er zum SPD-Bundesvorsitzenden gewählt. Nach gesundheitlichen Rückschlägen gab er dieses Amt nach fünf Monaten wieder auf.

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