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Die Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck stellten am Dienstag ihr Klimaschutz-Sofortprogramm vor. Foto: Tobias Schwarz/AFP
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Baerbock und Habeck im Wahlkampf Im Brandenburger Moor finden sie wieder zueinander

Bei der Vorstellung der Sofortprogramms für den Klimaschutz gibt Baerbock sich angriffslustig. Es ist ihr erster Auftritt mit Habeck seit zwei Monaten.

Annalena Baerbock und Robert Habeck stehen vor dem giftgrünen Moor. Hinter ihnen liegen ein paar hundert Meter staubiger Waldweg, auf den Brenneseln und wilde Brombeersträucher ragen. Um sie herum kreisen die Stechmücken, im Unterholz verteilen sich die Fotografen, hinter den beiden Grünen-Vorsitzenden stehen ein paar Dutzend Journalisten.

Ihnen wollen Baerbock und Habeck den Ort zeigen, der metaphorisch zu ihrem Klimaschutz-Sofortprogramm passen soll: das Moor im Biesenthaler Becken, 25 Kilometer nördlich von Berlin.

Im vergangenen Winter wurden hier 150 000 Quadratmeter Moor „wiedervernässt“ erklärt Christian Unselt von der Nabu-Stiftung, der die beiden Grünen-Politiker durch den Wald führt. Davon profitiere auch das Klima. Durch den gestiegenen Wasserpegel sei der Ausstoß von CO2 aus dem zersetzenden Torf unterbunden worden.

Doch bis das Moor in seinen Senken wieder CO2 binde, werde es noch dauern, sagt Unselt mit leicht schwäbischen Dialekt. Wie lange das dauere, will Baerbock wissen. „Naja, 20 Jahre muss man da mindestens warten“, sagt Unselt.

In 20 Jahren speichert dieses Moor vielleicht Co2. Foto: Tobias Schwarz/REUTERS Vergrößern
In 20 Jahren speichert dieses Moor vielleicht Co2. © Tobias Schwarz/REUTERS

Zwei Jahrzehnte also, nicht 100 Tage. Das ist der Zeitrahmen, über den Baerbock und Habeck an diesem Tag sprechen wollen. Mit ihrem sechsseitigen Klimaschutz-Sofortprogramm wollen sie einen inhaltlichen Akzent im Wahlkampf setzen und ihre Ideen für die ersten 100 Tage in einer möglichen Regierungsverantwortung skizzieren.

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Als Ort für die Präsentation hat man die Uli-Schmidt-Hütte bei Biesenthal gewählt. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unerreichbar, doch die Partei hat ein Shuttle organisiert. Soll ja niemand meckern, man sei bei der Präsentation eines Klimapapiers auf den eigenen Verbrenner angewiesen gewesen. So sitzen am Dienstagmittag rund 100 Journalisten, Fotografen und Kameraleute auf Holzbänken und im Gras vor der kleinen Hütte. Auf dem Rasen hüpfen ein paar Frösche aufgeschreckt umher, Libellen propellern und Hunderte Stechmücken freuen sich über so viele Opfer.

Habeck stellt sich hinter Baerbock - "solange ich kann"

Baerbock und Habeck dagegen sind vorbereitet. Sie haben sich bereits im E-Bus ihrer Partei mit Mückenspray geschützt und treten Seite an Seite an die Stehpulte. Es ist der erste gemeinsame öffentliche Auftritt der beiden seit dem Bundesparteitag Anfang Juni in Berlin, auf dem Baerbock offiziell zur Kanzlerkandidatin gewählt wurde.

Seitdem ist viel passiert. Baerbocks viel beschriebene Fehler mit ihrem Buch und Lebenslauf, in Umfragen ist die Union den Grünen enteilt. Von Unstimmigkeiten hinter den Kulissen über den Umgang mit den Fehlern war zu hören. Öffentlich hatte es sogar eine Debatte darüber gegeben, ob nicht Habeck die Kanzlerkandidatur übernehmen solle. Der versicherte auf seiner Küstentour zuletzt, er stehe hinter Baerbock. Allerdings mit einer Einschränkung. „Solange ich kann.“

Baerbock verspricht "größtes Klimaschutz-Programm"

Vor der Hütte werden nun jeder Schritt und jede Regung der beiden beobachtet. „Das Klima ist bestens. Es gibt keinen Grund für Aussprachen, weil wir permanent miteinander reden“, sagt Habeck. Den Großteil der Vorstellung des Papiers überlässt er der Kanzlerkandidatin.

Die spart nicht mit Superlativen: „Wir werden das größte Klimaschutz-Programm verabschieden, das es jemals in diesem Land gegeben hat“, sagt Baerbock und kündigt einen Kohleausstieg bis 2030, deutlich mehr Windräder und steuerliche Anreize für eine klimaneutrale Transformation der Wirtschaft an. „Wenn man Veränderungen nicht mit Mut anpackt, riskiert man alles, was man bewahren möchte“, sagt Baerbock. Richtig neu ist an dem Papier indes nur die Forderung nach einem Klimaschutzministerium mit Veto-Recht gegenüber anderen Ministerien.

Nach den Querelen der vergangenen Wochen legt Baerbock in Biesenthal einen angriffslustigen Auftritt hin. Etwas breitbeinig steht sie in ihren Sneakers auf der Wiese und feuert immer wieder gegen die Union. Klimaschutz sei in der vergangenen Legislaturperiode ein „Alibi-Stuhlkreis“ in der Regierung gewesen. Zeit sei „verplempert“ worden, aber inzwischen habe jeder in Deutschland die Notwendigkeit von Klimaschutz verstanden – „außer der Union“. Habeck steht im blauen Nadelstreifenanzug und braunen Lederschuhen neben ihr und nickt.

Dann geht es zur „Moor-Wanderung“, die tatsächlich nur ein paar hundert Meter über den staubigen Waldweg sind. Die Grünen-Chefs vorneweg, dahinter der Presse-Pulk. Auf halben Weg hält NABU-Mann Unselt zwischen ein paar Buchen an. „Hier entsteht der Urwald von morgen“, sagt er. Noch sieht man davon nicht viel. Der Wald werde nicht mehr bewirtschaftet, dadurch wachse die Artenvielfalt, Bäume würden klimaresilienter und das Totholz am Boden werden irgendwann CO2 speichern. Irgendwann. In ein paar Jahren. Sofort geht beim Klimaschutz an diesem Tag doch nichts.

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