Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit US-Präsident Donald Trump auf dem G-7-Gipfel Mitte 2018. Foto: Jesco Denzel/Bundesregierung /dpa
p

Auszüge aus dem Buch "Der gute Deutsche" Vom Waisenknaben zum Wunderkind

4 Kommentare

Von 1945 bis heute gelang der Aufstieg vom hässlichen zum guten Deutschen, zum politischen Musterknaben. Auszüge aus dem neuen Buch von Josef Joffe.

Nationen berufen sich auf ihre Helden und Sagen, auf eine gloriose Vergangenheit, die ihnen Halt und Haltung, eine Raison d’Être und Rechtfertigung verleiht. Die Bundesrepublik ist der krasse Sonderfall – ein Waisenkind der Geschichte. Sie hatte keine verwendbare, schon gar keine heroische Vergangenheit; sie entsprang der Konkursmasse des "Zwölfjährigen Reiches". Diese besudelte Hinterlassenschaft war ein Erbe, das die Republik keinesfalls antreten durfte.

Der normale Nationalstaat lebt von den Wurzeln, die in eine verklärte Vorwelt zurückreichen. Doch wurden die deutschen 1945 abgehackt. Andere Nationen verehren ihre Gründer, seien es mythische oder verbürgte. Auf wen aber sollte sich das junge Geschöpf beziehen? Doch nicht auf Wilhelm oder Adolf, die Väter des Unheils.

Vielleicht ganz weit zurück, auf Hermann den Cherusker? Den hatten die Deutschen im hochschießenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts als "Vater der Nation" entdeckt. Doch bei genauerem Hinsehen gibt auch Hermann keinen guten Gründervater her. Als er vor 2000 Jahren noch auf gut Lateinisch "Arminius" hieß, gelang es ihm, drei römische Legionen zu zerschlagen.

Andere Völker haben es besser

Doch die untereinander verfeindeten Germanen, die gelegentlich mit Rom gegen die eigenen Stämme paktierten, konnte er nicht einen. Er starb nicht den Heldentod, sondern unter den Händen seiner übel gesinnten Verwandtschaft.

Andere Völker haben es besser. Die Israeliten haben Moses; ihr Nationalmythos ist die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei und der Bund mit dem Allmächtigen. Die sagenhaften Väter Roms heißen Romulus und Remus. Die Briten haben die Magna Carta und Winston Churchill, der die Nation vor Hitler rettete. An der Wiege der vaterlosen Bundesrepublik standen bloß die Besatzungsmächte, argwöhnische Erziehungsberechtigte von eigenen Gnaden.

Ebenso wenig konnte sich der junge Staat auf eine Gründermutter wie die legendenumwobene Johanna von Orléans berufen. Mit dem Schlachtruf "Bottez les Anglais au dehors", "Schmeißt die Engländer raus!", läutete sie das Ende der Fremdherrschaft in Frankreich ein.

In der Schweiz gab Wilhelm Tell den mythischen Gründervater

Dergestalt legte die verklärte Jungfrau das Fundament des französischen Nationalstaats; den Sockel gefestigt haben die Revolution von 1789 und die Siege Napoleons. Im Dôme des Invalides zu Paris hat ihm die Nation ein Heldengrab eingerichtet, obwohl der Triumphator zum Schluss als Verlierer dastand.

In der Schweiz gab Wilhelm Tell den mythischen Gründervater. Im Zentrum des Aufstandes gegen die Habsburger steht die anheimelnde Erzählung vom Rütli-Schwur. Die poetische Fassung des Gründungsaktes stammt von Schiller, der in Wilhelm Tell dichtet: "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, / in keiner Not uns trennen und Gefahr. / Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, / eher den Tod, als in der Knechtschaft leben."

Befreit wurde die Bundesrepublik von Ausländern

Auf ein Erlöser-Epos konnte die Bundesrepublik nicht zurückgreifen. Befreit wurde sie von Ausländern, von Amerikanern, Briten und Franzosen. Zu einem anständigen Gründungsmythos taugt nur der Triumph aus eigener Kraft. Ein Musterbeispiel ist der amerikanische über die Briten im Unabhängigkeitskrieg – der Sieg über die Unterdrücker als Geburtshelfer der Nation.

Das Muster wiederholt haben die Befreiungskriege gegen die Kolonialherren in der Dritten Welt. Derlei herzerwärmende Erzählung gibt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht her: erst die Schmach des verlorenen Ersten Weltkriegs, dann das klägliche Ende der ersten deutschen Demokratie, schließlich die Verbrechen und der Untergang des Dritten Reiches.

Josef Joffe ist Herausgeber der "Zeit". Foto: Promo
p

Wer hätte denn 1945 den George Washington, Heros der amerikanischen Revolution, spielen können? Oder den Giuseppe Garibaldi, der die Unabhängigkeit Italiens erkämpft hatte? Die Republik der Westdeutschen konnte sich nicht einmal auf Bismarck berufen, der die Habsburger verjagt und 1871 das Zweite Reich im Krieg gegen Frankreich zusammengezwungen hatte.

Bismarck hat Hunderte von Bismarckdenkmälern

Die Huldigung des Gründers kannte damals keine Grenzen. Leider war das Reich seit 1919 perdu, als Staat wie als Idee. Konrad Adenauer, der erste Kanzler der zweiten Demokratie? Bismarck hat Hunderte von Bismarckdenkmälern, -türmen und -straßen hinterlassen. Doch erinnern nur zwei Denkmäler an Adenauer: eines in Berlin, das andere in Köln, wo in der Weimarer Republik seine politische Karriere als Oberbürgermeister begann. Die Nachgeborenen schätzen Adenauer, aber sie verehren ihn nicht, obwohl immerhin ein Regierungsflugzeug "Konrad Adenauer" heißt.

Jeder Bildungsroman handelt vom Dreisprung Jugend – Prüfung – Reifung, den der Held bewältigen muss, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. In dieser Reihung ist die Zweite Deutsche Republik im "coming of age", im Erwachsenwerden, angekommen. Vorbei ist die Entfremdung der frühen Jugend, bestanden sind die Prüfungen. Der Außenseiter wird zum Insider – erst akzeptiert, dann respektiert. Die Normalität zieht ein.

Die Bilanz nach siebzig Jahren? Dieses Deutschland ist das beste, das es je gab: liberal, demokratisch, krisenfest und stabil. Zu dick aufgetragen? Skeptiker mögen dagegenhalten, dass die Leistung, gemessen an den Vorläufern der Bundesrepublik, so sensationell nicht war. Denn die hatten eine sehr niedrig liegende Latte hinterlassen.

Der erste Nationalstaat der Deutschen ging aus Preußen hervor

Werfen wir den Blick zurück auf die Vorgänger, die dem Start-up kaum Kapital, dafür umso mehr rote Zahlen vererbt hatten. Der erste Nationalstaat der Deutschen ging aus Preußen hervor, das unter Bismarck die Habsburger vertrieben und Restdeutschland nicht so sehr geeint als vielmehr mit "Eisen und Blut" zusammengezwungen hatte.

Das friderizianische Preußen war ein autoritäres, ja absolutistisches Gebilde, das in der Dauerfehde mit Europa lag und im Siebenjährigen Krieg, im "Albtraum der Koalitionen", fast zugrunde gegangen wäre. Der Alte Fritz begann seine Regentschaft 1740 mit einem Angriffskrieg gegen Maria Theresia von Österreich, zerteilte Polen und führte Krieg bis ins hohe Alter. Im 18. Jahrhundert machte ein Wort die Runde: Preußen sei kein Staat mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem Staat.

Ein Freund der liberalen Demokratie war der "Eiserne Kanzler" nicht

Das Bismarck-Reich schuf in der ewig umkämpften Mitte den deutschen Machtstaat. Ein Freund der liberalen Demokratie war der "Eiserne Kanzler" nicht. Wo er den Reichstag nicht kujonieren konnte, hat er ihn manipuliert. Während er seine Bündnisfäden spann, um die Großmächte ringsum auszutarieren, verfolgte Bismarck Sozialisten und "Ultramontane", die "Reichsfeinde", wie Bismarck die Katholiken nannte. Um der aufsteigenden Arbeiterklasse den Schneid abzukaufen, bestach er sie mit seiner Sozialgesetzgebung. Doch war ihm politische Teilhabe ein Gräuel.

Das Zwölfjährige Reich war ein beispielloser Horror

Wilhelm Zwo? Das Urteil der Geschichtsschreibung reicht von Leichtsinn bis Größenwahn, von Chauvinismus bis Abenteurertum – Charakterzüge, die das Kaiserreich im Ersten Weltkrieg ins Verderben drängten. Weimar: ein schönes demokratisches Experiment, das zwischen linken und rechten Totalitären zerrieben wurde.

Das Zwölfjährige Reich war ein beispielloser Horror, der in der Totalunterwerfung und Zerstückelung endete. Im Vergleich zu den Negativrekorden ihrer Vorgänger war die Bundesrepublik nachgerade zum Erfolg verdammt, denn wer ganz unten liegt, kann tiefer nicht mehr fallen. Er kann sich nur noch aufrichten. Dann aber musste die junge Republik klettern, und zwar mit Fesseln an den Füßen sowie unter Aufsicht ihrer alliierten Bewährungshelfer. Der Aufstieg sollte sich als atemberaubend erweisen.

Diese Wendung ist umso wundersamer, als die Zweite Republik in der Vergangenheit weder ein Fundament noch ein Vorbild finden konnte. In diesem Sinne ist sie ein geschichtsloses Gebilde. Worauf konnte sie sich denn berufen, welche Traditionen konnten ihr Halt und Haltung verleihen?

Die Stahlhelme der Wehrmacht kamen 1955 nicht infrage

Ein Beispiel: Als die Bundeswehr entstand, mussten ihre Rekruten US-Helme aufsetzen. Die Stahlhelme der Wehrmacht kamen 1955 nicht infrage. Sie symbolisierten eine schreckliche Vergangenheit, an welche die Republik keinesfalls anknüpfen durfte. Die Knobelbecher waren ebenso tabu wie das Balkenkreuz der Hitler-Armee.

Die Bundesrepublik entsprang zwar dem Strom der deutschen Geschichte, übernahm auch so manches vertraute Element wie das Bürgerliche Gesetzbuch, war aber ein Gewässer, das sich ein neues Flussbett suchen musste – und wollte. Wer das Wesen dieses Experiments auf einen Blick erfassen will, braucht nur zwei Begriffe: "Bruch" und "Gegenmodell" – den Bruch mit dem Gestern und das Gegenmodell für das Morgen. Das Gestern, jedenfalls im ideologischen und institutionellen Sinne, waren Preußen, Wilhelminien, Weimar und Hitler, und dieses Quartett gab keine nutzbaren, sondern nur abschreckende Traditionen her. Dieses toxische Erbe musste der Nachfolgerstaat ausschlagen.

Also ein Land ohne Vergangenheit? Natürlich nicht. Auf die Bundesrepublik passt der Spruch des amerikanischen Nobel-Literaten William Faulkner: "Die Vergangenheit ist nie tot, sie ist noch nicht einmal vergangen." Für die Zweite Republik war die Vergangenheit in der Tat Gegenwart, wiewohl alles andere als Kontinuität.

Die Bonner Republik konnte durchstarten

Die Vergangenheit hatte nur eine Funktion: Sie musste überwunden werden. Deshalb konnte es nach 1945 keine Restauration geben wie im nachrevolutionären Frankreich. Die junge Republik wurde tatsächlich in der "Stunde null" geboren. Das war in Wahrheit ein Segen sondergleichen, konnte sie doch auf ihrem Weg das alte Gepäck stehen lassen.

Wenn Sozialwissenschaftler über das Gewicht der Vergangenheit reden, benutzen sie den Begriff der "Pfadabhängigkeit". Der besagt, dass die Zukunft nicht frei gestaltet werden kann, sondern von früheren Entscheidungen und eingemauerten Strukturen abhängt – eben von dem, was gestern galt. Die Bundesrepublik hatte, wie hier abermals betont werden soll, das große Glück im großen Unglück. Der Pfad hinter ihr war abgerissen – diskreditiert und demoliert, der Weg ins Unheil. Es gab kein Zurück. Die Bonner Republik konnte durchstarten, Neues entwerfen und ausprobieren. (…)

Zur Startseite