Die Tür des Todes in Birkenau. Auschwitz war das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten, ein riesiger Lagerkomplex mit drei Hauptlagern und mehreren Nebengebäuden. Innerhalb des zweiten Hauptlagers wurde ein Vernichtungslager eingerichtet. Foto: imago images/Hans Lucas
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Auschwitz 75 Jahre nach der Befreiung Das verunsicherte Gedenken

Das Böse ist immer noch da, hat der Bundespräsident gesagt. Das stimmt. Warum die Erinnerung uns hilft und es gleichzeitig erschwert, das zu sehen. Ein Essay.

In den Erinnerungen an seine Zeit in deutschen Konzentrationslagern beschreibt Elie Wiesel, wie er 1944 mit seiner Familie in Auschwitz ankam: „Ein SS-Wachmann empfing uns, einen Knüppel in der Hand. ,Männer nach links! Frauen nach rechts!’, befahl er. Sechs einfache, kurze Worte, ruhig, gleichgültig, emotionslos ausgesprochen. Und doch war es der Moment, in dem ich meine Mutter verlor.“

Dieser Moment der Ankunft, die keine war, ist mehrfach von Überlebenden von Auschwitz, das an diesem Montag vor 75 Jahren von Soldaten der Roten Armee befreit wurde, beschrieben worden. Auch Peter Johann Gardosch berichtet davon in seinem Gespräch mit dem 13-jährigen Ben Polon, das am Sonntag im Tagesspiegel erschienen ist. „Vorne standen SS-Offiziere“, erzählt Gardosch. „Die haben nur nach rechts oder links gewinkt.“

In Auschwitz haben Deutsche mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet

Links war das Leben, wenn auch ein elendes, am Rande des Todes, in Zwangsarbeit. Rechts war der Tod, die Gaskammer. Links oder rechts? Leben oder Tod? Mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordeten Deutsche allein in Auschwitz. Und in diesem Moment an der Rampe ist das ganze Grauen der industriell organisierten Vernichtung enthalten: Das Lapidare der Worte und Gesten im Kontrast zu ihrer unumkehrbar grausamen Folge, die kaum vorstellbar große Zahl der Ermordeten – all das, was Auschwitz bis heute zu einem der wirkmächtigsten Symbole für die deutsche Vernichtungsmaschinerie macht und besonders für die Shoa, denn der überwiegende Teil der Ermordeten waren Juden.

Das Gedenken daran und das „Nie wieder“ ist Teil der deutschen Staatsräson. Deutsche Politiker gedenken an diesem Montag der Toten und erinnern an die deutsche Schuld. An der zentralen Gedenkfeier in Auschwitz nimmt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teil, an der Seite von Polens Präsident Andrzej Duda, Israels Präsident Reuven Rivlin sowie Frankreichs Regierungschef Edouard Philippe. Steinmeier wird in der Gedenkstätte mit Überlebenden sprechen.

In Berlin werden an den Gedenkstätten Kränze niedergelegt und Stolpersteine geputzt. Abends findet ein interreligiösen Gottesdienst im Berliner Dom statt, in der Staatsoper besuchen Angela Merkel und der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki ein Gedenk- und Benefizkonzert unter Leitung von Daniel Barenboim. Der Umgang mit diesem Tag, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster am Wochenende, sei angemessen.

Wir haben das Gefühl, die Zeitzeugen könnten uns gegen die Wiederholung der Geschichte immunisieren

Und doch spürt man zunehmend Verunsicherung, wie das Erinnern bewerkstelligt werden kann, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben. An diesem 75. Jahrestag, wird das besonders offensichtlich. Links oder rechts? Peter Johann Gardosch kann noch selbst davon erzählen, er war damals 13, heute ist er 90 Jahre alt. Elie Wiesel ist 2016 gestorben. Seine Erinnerungen erreichen uns nur noch mittelbar, wenn auch sprachgewaltig.

Um die Erinnerung lebendig zu halten, hörbar, sichtbar, erfahrbar, werden immer größere Anstrengungen nötig. Im Museum Auschwitz-Birkenau werden mit großer Sorgfalt Schuhe, Kleider und Koffer der Insassen konserviert. Der Fotograf Martin Schoeller schafft intensive Porträts, um uns zu zwingen, den Opfern in die Augen zu sehen. Die Shoa Foundation der University of Southern California fördert ein Projekt, in dem Zeitzeugenaussagen mit 3D-Technologie aufgezeichnet werden, um virtuelle „Begegnungen“ zu ermöglichen. Und Josef Schuster forderte am Wochenende, der Besuch von Gedenkstätten solle verpflichtend werden.

Das Konservieren der Erinnerung entfaltet seine eigene Würde. Es steht gerade in Deutschland für das Versprechen „alles zu tun“, um das Vergessen zu verhindern. Dieses „alles“ kann nicht konditional sein und ist es doch. Es bedeutet notgedrungen: „alles Menschenmögliche“. Wir können immer raffiniertere Techniken der Dokumentation entwickeln. Doch wir werden den Tod der Zeitzeugen nicht aufhalten. Sie werden uns mit uns allein lassen.
Die Verunsicherung, die an diesem 75. Jahrestag zu spüren ist, nimmt ein Gefühl der Einsamkeit vorweg. Diese Einsamkeit ist ein mit Furcht erfüllter Raum – Furcht vor uns selbst. Es gibt das Gefühl, die Überlebenden könnten uns vor der Wiederholung der Geschichte bewahren, uns dagegen immunisieren. Und je näher das Unausweichliche rückt, desto mehr klammern wir uns an diesen Gedanken.

Vielleicht ist es 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz an der Zeit einzugestehen, dass uns die Erinnerung nicht dauerhaft schützen wird

Vielleicht ist es 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz an der Zeit einzugestehen, dass uns die Erinnerung nicht dauerhaft schützen wird. Sich auf das Erinnern zu verlassen, stößt nicht nur an Grenzen, er birgt auch Gefahren.
In seiner Rede am vergangenen Donnerstag in Yad Vashem sagte Steinmeier, man könne heute nicht sagen, die Deutschen hätten für immer aus der Geschichte gelernt. Er hat Recht.

Die Zahl der Gewaltverbrechen gegen Juden ist laut Verfassungsschutz von 28 Fällen im Jahr 2017 auf 48 im Jahr 2018 gestiegen. Ein grausiger Eskalationspunkt war der Angriff eines Rechtsextremisten auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019. Immer wieder traf der Hass zuletzt auch Politiker wie den ermordeten Walter Lübcke – viele andere werden bedroht. „Es ist dasselbe Böse“, hat der Bundespräsident gesagt – auch das ist richtig.

Die Leichtfertigkeit, mit der heute Deutsche im Internet den Tod anderer Menschen fordern, sich das Ertrinken von Flüchtlingen wünschen, Juden mit Mord drohen und Frauen mit Vergewaltigung; die Willkür und das Lapidare gepaart mit dem Maximalgrausamen, das ist dasselbe Böse. Es ist dieselbe furchterregende Gleichgültigkeit, die Elie Wiesel an jenem SS-Mann wahrnahm; der gleiche kranke Geist, der das Leben mit einem Wort vernichtet: Links. Rechts.

Die Erinnerung wappnet uns schlechte, neue Erscheinungsformen desselben Bösen zu erkennen

Das sehen zu können, ist der Wert des Gedenkens. Aber um die neuen Erscheinungsformen des Bösen zu erkennen, wappnet uns die Erinnerung schlecht. Wir sagen uns seit Jahrzehnten, dass sich Geschichte nicht wiederholt – und suchen doch nach historischen Symptomen: Den Blick fest auf den Nationalsozialismus geheftet, fürchten wir uns vor allem vor organisierter Gewalt, vor Massenaufmärschen, vor Parteien und Anführern. Wir tun uns hingegen schwer, die Gefahr zu sehen, wenn sich Rechtsradikale wie der Attentäter von Christchurch und der Attentäter von Halle gegenseitig über das Internet infizieren, wenn wir es mit vermeintlichen Einzeltätern zu tun haben. Wir trösten uns damit, die AfD von Regierungen auszuschließen.

Das Gedenken ist unersetzlich, denn es hilft uns, die Essenz des Bösen zu erkennen. Nicht aber seine Form. Wir dürfen nicht allein fragen: Wie war es? Sondern: Wie könnte es sein? Es braucht Wachsamkeit. Wir können von den Opfern nicht länger erwarten, dass sie uns vor uns selbst retten. Wir müssen es selbst tun.

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