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Pragmatiker der Macht? Taliban-Kämpfer bewachen das Innenministerium in Kabul Foto: Reuters
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Aus Vorsicht oder taktischem Kalkül? „Die Taliban haben dazugelernt“

Die Taliban haben in Afghanistan wieder das Sagen: Experte Peter Neumann über islamistische Pragmatiker, ideologische Hardliner und Trugbilder des Westens.

Peter Neumann (46) gehört zu den renommiertesten Islamismus-Forschern und Terrorismusexperten. Er lehrt als Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King’s College.

Herr Neumann, woran denken Sie zuerst, wenn Sie das Wort Taliban hören?
Puh, gute Frage. Da schießen mir die 90er-Jahre durch den Kopf. Damals kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Islamismus in Berührung. Die Taliban waren für mich die ersten Vertreter eines militant-religiösen Extremismus – noch bevor die Terrororganisation Al Qaida in unser Blickfeld geriet. Die afghanischen Fundamentalisten galten zu dieser Zeit als Leute, die total schräg drauf waren, die sogar in einer Millionenstadt wie Kabul Fernseher und Musik verboten.

Die Taliban haben nach ihrer ersten Machtübernahme 1996 eine Schreckensherrschaft errichtet. Jetzt haben sie wieder das Sagen. Was unterscheidet die heutigen Islamisten von den früheren Islamisten?
Es gibt einige, die in den Taliban des Jahres 2021 Pragmatiker sehen. Das stimmt auch, zumindest teilweise. Sie haben dazu gelernt. Wissen jetzt, dass man sein Programm nicht von Anfang an zu hundert Prozent durchsetzen kann, sondern dafür werben muss.

Sie wissen auch, dass es ihnen nicht gut bekommt, wenn man internationalen Terroristen Unterschlupf gewährt. Denn das hat beim letzten Mal zu ihrem Sturz durch die Amerikaner geführt. Und sie geben sich toleranter. Ob aus Vorsicht oder aus taktischem Kalkül, das lässt sich noch nicht absehen.

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Die Hardliner sind doch nicht verschwunden, oder?
Nein, die gibt es. Und denen wird gesagt: Wir werden wieder bei den Zuständen der 90er landen, nur nicht sofort. Die oft jungen Kämpfer werden aber womöglich darauf bestehen, dass umgehend zu alten Zeiten zurückgekehrt wird. Da besteht sicherlich eine Konfliktlinie zwischen Pragmatikern und den Hardliner-Ideologen. Noch ist nicht ausgemacht, wer sich durchsetzen wird. Doch man sollte keinesfalls außer Acht lassen: Auch die Pragmatiker letztendlich Fundamentalisten.

Daraus folgt?
Für Frauen, Minderheiten oder Aktivisten wird sich die Lage sicher verschlechtern.

Viele Afghanen wollen das Land verlassen und hoffen auf ein Visum für den Iran. Foto: Wakil Kohsar/AFP Vergrößern
Viele Afghanen wollen das Land verlassen und hoffen auf ein Visum für den Iran. © Wakil Kohsar/AFP

Viele haben schon riesige Angst, zu Recht?
Auf jeden Fall. Es gibt zum Beispiel für Frauen in einem Islamisten-Staat keine Aussicht darauf, berufstätig zu sein oder sich am politischen Prozess zu beteiligen. Für die Taliban spielen Frauen im öffentlichen Raum keine aktive Rolle. Das gilt für Hardliner und Pragmatiker gleichermaßen.

Aber noch einmal: Es lässt sich noch nicht abschätzen, wie dramatisch es letztendlich wird. Das hängt davon ab, welcher politische Flügel bei den Taliban die Oberhand gewinnt. Und denken Sie daran: Die Extremisten suchen Unterstützung im Ausland, vor allem bei Pakistan, Russland und China. Diese potenziellen Partner und Geldgeber werden darauf drängen, dass die Taliban nicht zu weit gehen.

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Stichwort Einfluss: Wie reagiert die internationale Islamisten- und Terroristenszene auf den Sieg der Taliban?
Die Taliban sind klug genug, Gruppen wie Al Qaida oder den „Islamischen Staat“ nicht systematisch zu unterstützen. Aber keine Frage: Die weltweite Dschihadisten-Szene reagiert enthusiastisch auf den Erfolg ihrer Extremisten-Kollegen in Afghanistan. Sie versucht gerade vor dem 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center, deren Sieg propagandistisch auszuschlachten.

Peter Neumann gehört zu den führenden Islamismus-Experten. Er lehrt am Londoner King's College. Foto: imago/IPON Vergrößern
Peter Neumann gehört zu den führenden Islamismus-Experten. Er lehrt am Londoner King's College. © imago/IPON

Inwiefern?
Anhänger ihrer totalitären Ideologie sollen das als Zeichen des Aufschwungs werten. Es stimmt ja auch: Die Taliban haben nicht nur die Macht übernommen, sondern es sogar geschafft, Amerika als größte Militärmacht der Erde zum Abzug zu zwingen. Aber anders als der IS haben die Taliban eben nicht vor, ein globales Kalifat zu errichten. Sie sind zwar militante Islamisten, aber letztendlich vor allem eine ethnische, eine paschtunische Stammesmiliz, die keine Ambitionen hat, über Afghanistan und Pakistan hinaus zu herrschen.

Warum gab es so wenig Widerstand der Afghan:innen gegen den Ansturm und die Machtübernahme der Taliban?
Militärisch ist die Schlagkraft der Armee völlig überschätzt worden. Die Streitkräfte waren immer auf die Unterstützung der Amerikaner angewiesen. Von heute auf morgen gab es diese Hilfe nicht mehr. Das hatte dramatische, auch psychologische Folgen: Die afghanischen Soldaten haben sofort die Waffen gestreckt.

Wie hält es die Bevölkerung mit den Islamisten?
Da haben wir uns ebenfalls etwas vorgemacht und nur auf Kabul geschaut. Dort leben fünf Millionen Menschen, aber das sind vor allem die Progressiven, die von den Taliban genug haben und gerne für den Westen arbeiten. Von denen haben wir unsere Informationen bezogen und nicht verstanden, dass 70-80 Prozent der Afghanen unter völlig anderen, aus unserer Sicht rückständigeren Bedingungen auf dem Land leben. Gerade dort sind die Taliban stark vertreten. Und viele Leute sympathisieren religiös, kulturell, politisch und sozial mit den Islamisten.

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