PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski mit Gefolge am Denkmal für die Opfer von Smolensk am 10. April – mit Mundschutz aber ohne Beachtung der Abstandsregeln. Foto: Czarek Sokolowski/dpa
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Aufruhr um populäres Radioprogramm in Polen Ein regierungskritischer Song - und schon wird eine beliebte Sendung abgesetzt

Ein Song, der Parteichef Kaczynski kritisiert, rückt an die Spitze einer Hitparade. Dann erklärt der Sender die Abstimmung für manipuliert und tilgt die Spuren.

Aufruhr in Polen. Die Musik-Charts im dritten Radioprogramm sind seit Jahrzehnten eine Institution. Die Sendung „Lista Przebojow“ (Hitliste) war auf ähnliche Weise Kult, wie die Musiksendungen in den dritten Radioprogrammen in Deutschland.

Sie blieb es auch, als die nationalpopulistische PiS an die Regierung kam, die Leitung des nationalen Rundfunks mit ihren Leuten besetzte und Radio und Fernsehen in den Ruf parteipolitischer Propagandasender brachte. Zumindest die Musik ist frei von Zensur – dachte man.

Eine Kultsendung unter Zensur-Verdacht

Doch nun ist die Hörer-Abstimmung von diesem Wochenende verschwunden. Und der populäre Moderator der „Lista Przebojow“, Marek Niedzwiecki, hat seinen Rücktritt erklärt. Ein Song des Rock-Sängers Kazik Staszewski, der den Vorsitzenden der Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, kritisiert, war an die Spitze gewählt worden.

Daraufhin erklärten der Sender und sein Chefredakteur Tomasz Kowalczewski die Abstimmung für manipuliert und ließen die Hinweise auf den Song und die aktuelle Hitliste von der Webseite tilgen.

Auch Sänger Kazik ist seit Jahrzehnten eine Institution in Polen. Er hat sich als Rebell einen Namen gemacht, früher gegen das kommunistische Regime, nach 1989 gegen die demokratisch gewählten Machthaber. Und heute gegen die PiS.

Das Lied im Zentrum des Konflikts heißt "Dein Schmerz ist besser als meiner" – „besser“ im Sinne von: Dein Schmerz ist mehr wert als meiner. Das Youtube-Video mit dem Song wurde inzwischen mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen. Er nimmt Kaczynski aufs Korn, weil der sich trotz der Corona-bedingten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ein Privileg herausnahm: Obwohl die großen Friedhöfe für normale Sterblich gesperrt sind, besuchte er das Grab seiner Mutter.

Kazik singt über eine Mutter Maria, deren kleine Tochter in einem Verkehrsunfall "am 10. April vor vier Jahren unter die Räder" kam - und die das Grab des Mädchens nicht besuchen darf. Und über Josef, der ebenfalls an einem 10. April Vater, Ehefrau und Sohn verlor, aber nicht auf den Friedhof kann. "Dein Schmerz ist mehr wert als seiner", klagt Kazik im Refrain Kaczynski an, ohne dessen Namen zu nennen.

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Nach Berichten mehrerer polnischer Medien gewann das Lied in der Abstimmung der Zuhörer am Freitagabend in der Sendung "Lista Przebojow" (Hitliste). Doch kurz darauf waren die Hitliste und Kaziks Song auf der Webseite des populären Senders "Trojka" nicht mehr zu finden. Unter dem üblichen Link erschien „error 500.19”; das stehe für "Server-Fehler", schreibt die Wochenzeitung "Polityka" unter der Überschrift "Orwell w Trojce" (Orwell im Dritten Programm).

Chefredakteur Kowalczewski machte wechselnde Angaben, worin die angebliche Manipulation bestanden haben soll. Mal sagte er, der Song habe nicht auf der Liste der Hit-Kandidaten gestanden. Das wurde widerlegt. Mal behauptete er, das Lied habe in der Abstimmung tatsächlich nur Platz 4 erreicht, sei aber "durch manuelle Manipulation" auf Platz 1 gehoben worden.

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Warum so viel Aufregung um einen verbotenen Friedhofsbesuch? Und was macht das Lied so bedrohlich für die PiS, dass sie sich ganz ungeschminkt dem Vorwurf der Zensur aussetzt?

Kaczynski ging nicht still und heimlich zum Grab der Mutter. Auch nicht an irgendeinem Tag. Er ließ sich am 10. April, dem Karfreitag, auf den Powazki-Friedhof in Warschau fahren, mit Gefolge. Auch das Fernsehen war dabei. Denn was einerseits wie eine ganz persönliche familiäre Geste aussehen sollte, war zugleich Teil der politischen Propaganda.

Die Katastrophe von Smolensk und was die PiS daraus macht

Der 10. April 2020 war der 10. Jahrestag des Flugzeugabsturzes von Smolensk, bei dem Lech Kaczynski, der Zwillingsbruder und damalige Staatspräsident mit einer großen Regierungsdelegation ums Leben gekommen war.

Präsident Kaczynski war mit großer Delegation nach Smolensk geflogen, um weiter nach Katyn zu fahren und dort Tausende polnische Offiziere, Soldaten und Polizisten zu ehren, die der sowjetische Diktator Stalin dort 1940 hatte ermorden lassen. Trotz dichten Nebels unternahm der Pilot mehrere Landeversuche. Beim letzten zerschellte die Maschine.

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Die beständige Erinnerung an die "Katastrophe von Smolensk" ist Teil eines Narrativs, mit dem die PiS sich als Lordsiegelbewahrer des polnischen Patriotismus darstellt. Dazu gehören auch die ebenso beständigen Spekulationen, dies sei kein normaler Flugzeugabsturz gewesen, sondern mutmaßlich ein „Anschlag“ und ein „Komplott“ der russischen Regierung gegen die freiheitsliebenden Polen.

Das Narrativ dient zugleich dem Zweck, die innenpolitische Konkurrenz, die liberale Bürgerunion, zu "Vaterlandsverrätern" zu stempeln. Sie regierte 2010. Ihr Regierungschef Donald Tusk sei angeblich in die Vertuschung des russischen Anschlags verwickelt, behauptet die PiS. Er habe es versäumt, die Herausgabe des Flugzeugwracks von Moskau zu erzwingen.

Kaczynski hat ein Denkmal für die Opfer von Smolensk in Warschau errichten lassen. So wie in den Vorjahren besuchte er auch dieses Monument an diesem 10. April, trotz Corona.

Regierungschef Jaroslaw Kaczynski und Präsident Andrzej Duda. Foto: Imago/Eastnews Vergrößern
Regierungschef Jaroslaw Kaczynski und Präsident Andrzej Duda. © Imago/Eastnews

In Kaczynskis Friedhofsbesuch am Jahrestag des Absturzes von Smolensk, der in diesem Jahr auf den Karfreitag fiel, bündeln sich mehrere nationale Erzählstränge, die den meisten polnischen Katholiken vertraut sind: die Geschichtsphilosophie des "Messianismus" aus der Zeit der polnischen Teilungen, wonach das polnische Volk stellvertretend für alle Nationen leide, um die Welt zu erlösen - so wie Christus sich für die Menschheit opferte.

Katyn und Smolensk als Bestätigung dieses Helden-, Toten- und Opferkults. Der Karfreitag mit den Bildern des Kreuzwegs als aktueller Aufhänger. Der Topos der um die Söhne trauernden Mutter - auch wenn der hier in bildlicher Umkehrung angespielt wird: nur ein Zwillingssohn am Grab der Mutter, was die Gedanken auf den fehlenden Zwilling lenkt, der unter mysteriösen Umständen ums Leben kam.

Diese Art von Zensur habe es zuletzt im Kommunismus gegeben, fährt die angesehene „Polityka“ fort. Auch damals habe "die Macht" sogar Musik zensiert und alles getan, um kritische Lieder aus den staatlichen Sendern zu verbannen.

Rückfall in die Zeit der Volkskommissare

Mit dem Ergebnis, dass die Texte im Untergrund gedruckt und verbreitet wurden – und später auf selbst bespielten Tonkassetten weitergereicht wurden. „Drugi obieg“, den „zweiten Umlauf“ nannte man das seinerzeit. Auch Kaziks Lied, so die Analogie, werde seinen Weg ins ganze Land finden, auch wenn das staatliche Radio ihn nicht spielt.

Damals galt die „Trojka“ als frecher Sender, erinnert Krzysztof Burnetko, der Autor des „Polityka“-Artikels. Und wurde nach der Wende dank aufmüpfiger Journalisten zu einem der einflussreichsten Medien des Landes.

„Bis die Kommissare von der PiS übernahmen. Nicht wahr, Tomek?“, wendet sich Burnetko zum Schluss persönlich an seinen Ex-Kollegen und heutigen Radio-Chefredakteur Tomasz Kowalczewski. Inzwischen hätten viele von denen, „die ein Rückgrat und Klasse haben“, den Sender verlassen: "Wojciech Mann, Jan Chojnacki, Jan Młynarski, Wojciech Waglewski und einige weitere".

Der Weggang der großen Namen hat die Einschaltquoten bisher nicht drastisch fallen lassen. Der Verdacht auf parteipolitisch motivierte Nachrichtenunterdrückung, etwa mit Blick auf Polens Niederlagen vor dem Europäischen Gerichtshof wegen seiner umstrittenen Justizreform, auch nicht. Wird sich das ändern, wenn sich zur Zensur der politischen Nachrichten nun die Zensur der Musik gesellt?

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