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Eine israelische Frau gedenkt den Opfern des jüngsten Terroranschlags in Tel Aviv. Foto: AFP
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Attentate in Israel „Terror braucht wie das Theater eine Bühne“

Eric Matt

Der jüdische Staat wird von einer Anschlagsserie erschüttert. Hier erklärt ein israelischer Terror-Experte, warum die Gewalt gerade jetzt eskaliert.

Professor Gabriel Weimann arbeitet am International Institute for Counter-Terrorism an der Reichman Universität im israelischen Herzlia. Er forscht insbesondere zu dem Zusammenhang zwischen Terrorismus und Medien.

Herr Weimann, Israel erlebt eine der schlimmsten Anschlagsserien der vergangenen Jahre. Was sind die Gründe hierfür?
Dies liegt vor allem an zwei Faktoren. Zum einen wird zu Ramadan die Rhetorik in Moscheen und sozialen Medien generell aggressiver, wodurch es zu mehr Hass und Gewalt kommt. Im schlimmsten Fall mündet dies in einem Terroranschlag. Zum anderen muss man beachten, dass keiner der Terroristen ein aktives Mitglied einer militanten Organisation war.

Warum ist das wichtig?
Die Angreifer ließen sich zwar von Terrorgruppen inspirieren. In Trainingscamps ausgebildet, für den Anschlag angeleitet oder direkt unterstützt wurden sie aber nicht. Vielmehr handelte es sich um sogenannte Lone Wolf Attacks, also um Einzeltäter, die sich vor allem über das Internet radikalisierten. Dies muss man in der Terrorbekämpfung künftig stärker berücksichtigen.

Erwarten Sie weitere Anschläge in den nächsten Tagen und Wochen?
Ja, zumindest wird es Versuche geben. Vereinfacht gesagt, kann man sich einen Anschlag wie ein Theaterstück vorstellen: Die Terroristen sind sozusagen die Schauspieler, der konkrete Anschlagsplan das Drehbuch und die traumatisierte Gesellschaft der Zuschauer. Am wichtigsten aber ist etwas anderes.

Eine rund 700 Kilometer lange Sperranlage trennt Israel vom besetzten Westjordanland. Foto: AFP Vergrößern
Eine rund 700 Kilometer lange Sperranlage trennt Israel vom besetzten Westjordanland. © AFP

Und zwar?
Ein Terroranschlag braucht - wie das Theater - eine geeignete Bühne, um die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen. In diesem Falle sind das religiöse und insbesondere jüdische Feste. Wenn Extremisten es schaffen, dort Menschen zu ermorden, können sie den größten Schaden anrichten. Bei einem Attentat geht es nicht vorrangig darum, konkrete Personen zu töten. Viel wichtiger ist es, in der Gesellschaft Angst und Schrecken zu verbreiten. Terrorismus ist psychologische Kriegsführung.

Könnte es zu einer weiteren Eskalation oder gar einer dritten Intifada kommen, also einem Aufstand der Palästinenser?
Eine weitergehende Eskalation mit Toten auf der israelischen wie auf der palästinensischen Seite ist nicht auszuschließen. Zu einer neuen Intifada wird es jedoch nicht kommen. Denn für einen solchen Aufstand bräuchte es eine strukturierte Koordination sowie die Unterstützung der Führungsriege. Bei den jüngsten Anschlägen war das nicht der Fall, alle waren vollkommen unabhängig voneinander.

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Manche kritisieren den israelischen Geheimdienst Schin Bet, da er die Attacken nicht verhindern konnte. Sie auch?
Statistisch gesehen konnten die meisten Anschläge durch die Sicherheitsbehörden verhindert werden - darüber ist logischerweise nur weniger bekannt. Außerdem ist es deutlich schwerer, Terroristen aufzuspüren, die auf sich allein gestellt sind und unabhängig von Terrorstrukturen vorgehen. Sie sind ja in keiner Organisation aktiv. Klar ist aber auch: Der Geheimdienst wird seine Lektion aus den Angriffen lernen.

Professor Gabriel Weimann ist einer der führenden israelischen Experten für Terrorbekämpfung. Foto: Privat Vergrößern
Professor Gabriel Weimann ist einer der führenden israelischen Experten für Terrorbekämpfung. © Privat

Die jüngsten Anschläge wurden nicht nur von Palästinensern, sondern auch von arabisch-israelischen Staatsbürgern verübt. Ist dies besonders alarmierend?
Ja, das ist schockierend. Zwar lehnt der Großteil der arabischen Israelis Gewalt ab und möchte in Frieden leben. Das sieht man unter anderem daran, dass eine arabische Partei zum ersten Mal Teil der Regierung ist. Dennoch gibt es leider eine geringe Zahl, die Extremismus und Terrorismus verherrlicht.

Auffällig ist auch, dass zwei Terroristen nicht mit palästinensischen Organisationen, sondern mit dem „Islamischen Staat“ (IS) in Verbindung gebracht wurden. Ist das eine neue Entwicklung?
Es gab zwar bereits in der Vergangenheit Versuche des IS, in den Palästinensergebieten und Israel selbst Angst und Schrecken zu verbreiten, sie waren aber weitgehend erfolglos. Der „Islamische Staat“ ist zwar noch islamisch - er ist jedoch kein Staat mehr. Daher versucht die Terrorgruppe nun, neue Wege zu gehen und sich auch in Israel auf Attacken „einsamer Wölfe“ zu konzentrieren. Die Bedrohung durch den IS ist aber weiterhin deutlich geringer als durch palästinensische Extremisten-Organisationen.

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