Mehrere Dutzend Schutzsuchende kommen täglich zum kleinen Grenzübergang Roxham Road. Viele lebten in den Vereinigten Staaten und wollen nun im Nachbarland ihre Angst hinter sich zu lassen. Foto: Max Tholl
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Asyl in Kanada Haft zu Beginn des neuen Lebens

Wer als Flüchtling die USA verlassen und in Kanada Asyl beantragen will, nutzt gerne die Grenze an der Roxham Road. Ein Besuch an der Kreuzung der Hoffnung.

Nur wenige Schritte trennen den jungen Mann von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und das beginnt mit seiner Verhaftung. Doch noch zittert er, vor Anspannung und Kälte. Es ist ein Nachmittag im November, als er mit blauem Rucksack und Rollkoffer hier an der amerikanischen Grenze steht, das schwarze Basecap tief ins Gesicht gezogen.

Doch er will nicht in die USA, er will sie verlassen. Vor einem Monat ist er aus seiner Heimat Bangladesch nach Amerika gekommen und will nun nach Kanada, um dort Asyl zu beantragen, das sei für ihn besser und sicherer, sagt er.

Auf der kanadischen Seite ruft ihm ein Polizist zu, dass es illegal sei, diesen Übergang zu benutzen, und dass er beim Übertreten der Grenze festgenommen wird. Er nickt, sagt leise okay und zieht seinen Koffer über einen kleine Erdaufschüttung vorbei am Grenzposten. Kanada empfängt ihn nicht mit offenen Armen, sondern mit Polizeigewahrsam. Doch der junge Mann lächelt, er hat es geschafft.

Es ist eine Szene, die sich hier an der Roxham Road im Norden des amerikanischen Bundesstaates New York laufend wiederholt. Die kleine Landstraße verläuft zwischen den USA und Kanada und ist für Flüchtlinge aus aller Welt, der einfachste Weg in Kanada Asyl zu beantragen.

Die Zahl der irregulären Grenzübertritte war im Frühjahr 2017 stark angestiegen

An offiziellen Grenzübergängen, könnten sie unter dem Safe Third Country Agreement abgewiesen und nach Amerika zurückgeschickt werden. Das Abkommen, das dem Dubliner Übereinkommen in Europa ähnelt, legt fest, dass ein Asylantrag im ersten Land der Einreise gestellt werden muss. Flüchtlinge, die in den USA leben oder über diese nach Kanada gelangen wollen, müssen auch hier ihren Antrag stellen.

Doch viele wollen nicht in den USA bleiben, fühlen sich dort nicht mehr sicher und nutzen deshalb irreguläre Grenzübergänge wie die Roxham Road, an denen das Safe Third Country Agreement nicht gilt. Hier werden die Flüchtlinge pro forma festgenommen, bevor sie an einem offiziellen Grenzübergang einen Asylantrag stellen können.

Im Frühjahr 2017 stiegen die irregulären Grenzübergänge an der Roxham Road drastisch an. Im Januar wurden noch 245 Menschen von der kanadischen Grenzpolizei erfasst, wenige Monate später im August waren es schon mehr als 5500.

Janet McFetridge begrüßt die Flüchtlinge mit Stofftieren und Strickhandschuhen. Foto: Max Tholl Vergrößern
Janet McFetridge begrüßt die Flüchtlinge mit Stofftieren und Strickhandschuhen. © Max Tholl

Den Grund für den rasanten Anstieg sieht Janet McFetridge in der Politik und Rhetorik des amerikanischen Präsidenten. Die Bürgermeisterin der benachbarten 1000-Seelen Gemeinde Champlain kommt seit 2017 an sechs Tagen die Woche zur Roxham Road, um den Menschen mit Winterkleidung, Essen und vor allem moralischem Beistand zu helfen.

„Als ich anfing regelmäßig herzukommen, reisten Menschen aus allen Ecken der USA an, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten, erzählt McFetridge. „Viele sagten zu mir, dass sie dieses Land lieben, aber nicht mehr hier bleiben können.“

Trumps Einreiseverbote für Menschen aus verschiedenen muslimischen Ländern ängstigt die Menschen

Donald Trumps Amtsantritt im Januar 2017 und das kurz darauf folgende Einreiseverbot für Menschen aus verschiedenen muslimischen Ländern, ließ erahnen, in welche Richtung sich das Land zukünftig bewegen werde. Kanadas Premier Justin Trudeau reagierte damals per Twitter auf das Verbot und sendete mit dem Hashtag #welcometocanada ein Signal an Flüchtlinge weltweit.

Seither sind mehr als 50.000 Menschen über die Roxham Road nach Kanada gelangt. Und obwohl die Zahlen dieses Jahr weiter gesunken sind, kommen immer noch durchschnittlich 44 Menschen am Tag zum Grenzübergang, meist aus der nahegelegen Stadt Plattsburgh, wo Taxis die Flüchtlinge an der Bushaltestelle oder am Bahnhof einsammeln.

Einige leben seit Wochen, Monaten oder sogar Jahren in den USA, andere verbringen weniger als 24 Stunden im Land. Die Angst, sagt Janet McFetridge, sei aber bei fast allen gleich. „Sie fragen mich, ob die Polizei auf sie schießen wird, ob sie laufen müssen, bei vielen herrscht große Ungewissheit.“

An diesem kalten Novembertag kommt auch eine palästinensische Familie aus dem Libanon zur Roxham Road. McFetridge begrüßt sie, reicht Ihnen Strickhandschuhe, Schal und ein Stofftier für den kleinen Jungen. Auch sie werden von der kanadischen Polizei gewarnt, dass das Überqueren der Grenze an dieser Stelle illegal sei.

Auch sie nicken verständnisvoll und passieren den Grenzposten. Der kleine Junge läuft auf den Polizisten zu, umarmt dessen Bein und verwandelt seine strenge Behördenmimik in ein Lachen. Bei allen Tränen und allem Leid, sei es schön auch die Hoffnung zu sehen, sagt McFetridge sichtlich gerührt und winkt der Familie zum Abschied zu.

Viel mehr kann sie für die Menschen hier nicht tun, auch das Überqueren der Grenze garantiert noch keine komplette Sicherheit. „Einige werden kein Asyl erhalten, das weiß ich, aber zumindest wird man sie in Kanada fair und gerecht behandeln.“

Dass das in den USA nicht gewährleistet ist, versuchen derzeit verschiedene kanadische Menschenrechtsorganisationen und betroffene Flüchtlinge gerichtlich festzuhalten. Mit einer Klage vor dem Bundesgericht in Toronto drängen sie die kanadische Regierung dazu, das Safe Third Country Agreement mit den USA zu kündigen, denn diese seien alles andere als sicher für Flüchtlinge.

Aktivisten sagen: Es wäre unmenschlich, die Leute zurückzuschicken

Janet Dench vom Canadian Council for Refugees sagt, es sei unter den gegebenen Zuständen unmenschlich, Flüchtlinge in die USA zurückzuschicken. „Die meisten die an der Grenze abgelehnt werden, landen in den USA in Flüchtlingshaft, was eine Verletzung ihrer Menschenrechte ist und es deutlich schwieriger macht, Asyl in den USA zu beantragen.“

Das Safe Third Country Agreement, ergänzt sie, sei ohnehin schon gescheitert, das würde man nicht zuletzt an den Zuständen an der Roxham Road sehen. Es würde die Flucht vieler Menschen nur unnötig erschweren und Schleuserei begünstigen. Ein geregelter Migrationsprozess sei nur durch die Aufkündigung des Abkommen möglich. Die Entscheidung des Gerichts steht noch aus.

Bis dahin bleibt die Roxham Road, die Kreuzung der Welt, wie Janet McFetridge sie bezeichnet, die einzige Hoffnung vieler Flüchtlinge auf ein besseres Leben in Kanada. „Das hier sollte alles nicht existieren, ich sollte nicht hier sein müssen“, sagt sie zum Abschied.

Doch schon morgen wird sie wieder hier stehen, mit Wollmützen und Kuscheltieren ausgerüstet, und bereit Hoffnung zu spenden. Zehn Schritte vor der Verhaftung. Zehn Schritte vor einem neuen Leben.

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