Flüchtlinge aus Idlib in Afrin Foto: Khalil Ashawi/REUTERS
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Assads erbarmungsloser Vormarsch in Idlib „Wenn die Bomben fallen, rennen die Kinder direkt in den Keller“

In Idlib rüsten Assad und Russland zur Entscheidungsschlacht. 700.000 Menschen sind auf der Flucht. Hier berichten vier Einwohner über ihren Alltag im Krieg.

Sie stecken in der Falle, ohne Ausweg. Vor sich die hermetisch abgeriegelte türkische Grenze. Hinter sich die immer schneller heranrückenden Einheiten der syrischen Armee und mit ihnen verbündete Milizen. Und über sich russische Kampfjets, die fast ohne Unterlass angreifen. Schon Hunderte kamen im Bombenhagel ums Leben.

Mit ihren wenigen Habseligkeiten versuchen sich Idlibs Einwohner in Sicherheit zu bringen. Foto: Aref Tammawi/AFP Vergrößern
Mit ihren wenigen Habseligkeiten versuchen sich Idlibs Einwohner in Sicherheit zu bringen. © Aref Tammawi/AFP

Idlib, die letzte überwiegend von militanten Islamisten kontrollierte Hochburg der Regime-Gegner soll im Rahmen des „Kampfes gegen den Terrorismus“ endlich fallen. Darum geht es dem Machthaber Baschar al Assad. Jedes militärische Mittel ist dafür recht: der Einsatz von Fassbomben ebenso wie völkerrechtswidrige Attacken auf Schulen und Kliniken.

Es sind apokalyptische Szenen, die sich in der Provinz im Nordwesten Syriens abspielen. Dort herrscht seit Monaten ein erbarmungsloser Krieg – Hunderttausende verzweifelte und verängstigte Menschen sind ihm schutzlos ausgeliefert.

Überfüllte Lastwagen, verstopfte Straßen

Bilder und Videoaufnahmen zeigen, wie Frauen, Kinder und Männer sich in vollgestopften Autos oder auf überfüllten Lastwagen mit ihren wenigen Habseligkeiten in Sicherheit bringen wollen. Fahrzeug an Fahrzeug rollt Richtung Norden, also Richtung Türkei. Hauptsache, den immer heftiger werdenden Gefechten entkommen.

Überall entstehen neue Fronten. Denn mittlerweile stehen sich in der Region auch türkische und syrische Soldaten gegenüber.

Die Menschen suchen auch Schutz vor Regen und Kälte. Doch die Camps sind völlig überfüllt. Foto: Aaref Watad/AFP Vergrößern
Die Menschen suchen auch Schutz vor Regen und Kälte. Doch die Camps sind völlig überfüllt. © Aaref Watad/AFP

Doch fast nirgendwo gibt es eine Bleibe, die Regen und Kälte abhalten kann. Die wenigen behelfsmäßigen Lager sind hoffnungslos überlastet. Allein seit Dezember 2019 mussten den Vereinten Nationen zufolge 700.000 Syrer ihre Heimat verlassen. Sie sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. „Die Zahl der Menschen, die durch diese Krise vertrieben werden, gerät jetzt außer Kontrolle“, heißt es warnend beim UN-Büro für humanitäre Hilfe.

Das Gefühl, gefangen zu sein

Wie ergeht es den Menschen, die täglich Elend und Gewalt erleiden? Was machen sie durch? Warum fühlen sie sich wie Gefangene? Der Tagesspiegel lässt hier vier Einwohner Idlibs ihren dramatischen Alltag schildern.

Die Stimmen wurden mithilfe der Organisation Adopt a Revolution zusammengetragen, einer Initiative, die seit dem Jahr 2012 zivilgesellschaftliche Gruppen und Projekte in Syrien unterstützt.

Am 15. März jährt sich der Beginn des Aufstands gegen Baschar al Assad zum neunten Mal. Dann geht der Krieg in sein zehntes Jahr.

OLA, IDLIB-STADT

Mich begleiten merkwürdige Fragen in meinem Alltag, aber sie sind lebensnotwendig: Kann dieses Gemäuer Granaten standhalten? Werden diese drei Etagen über uns zusammenbrechen, wenn sie einem Luftangriff zum Opfer fallen?

Ich habe einen unterirdischen Kindergarten eingerichtet, weil es jederzeit zu Bombardements kommen kann. Derzeit haben wir Ferien, aber es ist ungewiss, ob wir den Kindergarten danach wieder öffnen können. Ich fühle mich persönlich verantwortlich für jedes Kind und jeden Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin. Im Inneren des Kindergartens kann ich sie vielleicht schützen, aber wenn sie draußen spielen, dann kann ich für nichts garantieren.

Es gab in den vergangenen Wochen gezielt Angriffe auf zivile Gegenden in der Stadt Idlib – und aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte ist hier quasi jeder Luftschlag ein Treffer. Für die Kinder ist die Situation schrecklich. Wenn die Bomben fallen, rennen sie direkt in den Keller.

Sie haben noch nicht mal die vier Jahreszeiten gelernt, aber selbst die Kleinsten wissen schon, was das für Flugzeuge sind, wer sie schickt, was sie abwerfen und was passiert, wenn man getroffen wird. Sie haben extreme Angst.

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MOHAMMAD, IDLIB-STADT

Sie wollen uns aus Idlib vertreiben. Ich versuche, meine Frau und meine beiden Kinder hier herauszubringen – am besten in die Türkei. Aber das ist extrem teuer, und die türkischen Soldaten an der Grenze schießen auf uns.

Es ist sehr, sehr schwierig: Von 100 Menschen, die es versuchen, kommen vielleicht fünf in der Türkei an. Der Rest schafft es nicht und wird von den türkischen Sicherheitskräften inhaftiert, zurückgeschickt oder im schlimmsten Fall getötet

Viele Leute versuchen jetzt, zumindest aus Idlib-Stadt rauszukommen, denn das Regime ist nur noch wenige Kilometer entfernt. Die Straße in die Gebiete unter türkischer Kontrolle gleicht einem riesigen Stau. Es sind vielleicht gerade mal 30 Kilometer bis dorthin, aber momentan braucht man dafür rund fünf Stunden.

Und dort ist alles ebenfalls völlig überfüllt. Es gibt kein leeres Haus, keine Wohnung, kein Zelt mehr. Familien schlafen in ihren Autos. Ich habe Menschen gesehen, die sich auf der Ladefläche von kleinen Lastwagen eingerichtet haben und jetzt dort leben.

FADI, BINISH

Ich bin 2018 mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn aus Ost-Ghouta nahe Damaskus vertrieben worden. Jetzt kommen die Bombardierungen wieder näher und werden immer heftiger. Wir haben gestern unsere Sachen hier zusammengepackt, aber ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, wo wir überhaupt hin sollen.

Die Region unter türkischer Kontrolle, in der nicht bombardiert wird, ist völlig überfüllt. Die Mieten der wenigen verfügbaren Wohnungen sind extrem hoch.

Ich habe in Ost-Ghouta alles verloren und konnte mich hier in Idlib gerade so über Wasser halten. 200 Dollar plus Kaution für einen kleinen Raum irgendwo in der Grenzregion habe ich schlichtweg nicht. Ich habe versucht, eine Unterkunft zu finden, aber es gibt keine. Wir werden jetzt irgendwo in einem kalten Zelt am Straßenrand leben müssen.

Mittlerweile stehen sich auch türkische (hier verbündete Milizen) und syrische Einheiten gegenüber. Foto: Omar Haj Kadour/AFP Vergrößern
Mittlerweile stehen sich auch türkische (hier verbündete Milizen) und syrische Einheiten gegenüber. © Omar Haj Kadour/AFP

HUDA, IDLIB-STADT

Ich habe die vergangenen Tage quasi nicht geschlafen, so heftig sind die Bombardierungen auf die umliegenden Städte. Tag und Nacht wird bombardiert, mit allen möglichen Waffen. Langsam bekommen wir hier auch in Idlib-Stadt das Gefühl, dass es jetzt gefährlich wird. Zugleich ist es unklar, wie das Regime so schnell vorrücken konnte und was an der Front genau passiert.

Wir sind hier in Idlib-Stadt etwa eine Million Menschen – wo sollen wir alle hin, wenn das Regime noch weiter vorrückt oder anfängt, die Stadt direkt zu bombardieren? Sollen wir alle an die türkische Grenze fliehen?

In der Stadt spürt man die Angst überall. Es ist so, als durchzöge ganz Idlib ein leises ängstliches Raunen. Alle fragen sich: Was sollen wir jetzt machen? Ich habe keine Ahnung, wo ich hin könnte oder wie ich mich jetzt am besten verhalten soll. Es gibt nur noch sehr wenige öffentliche Verkehrsmittel, die Gebiete, in denen nicht bombardiert wird, sind weit weg.

Dort gibt es fast keine freien Wohnungen mehr, die Menschen leben zum Teil in Zelten und in ihren Autos. Obwohl wir nicht wie damals in Ost-Ghouta (nahe Damaskus, Anm. d. R.) belagert sind, habe ich das Gefühl, in Idlib-Stadt gefangen zu sein.

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