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In den vergangenen Jahrzehnten hat Deutschland knapp 80 Prozent der Biomasse an Fluginsekten verloren. Martha von Maydell
© Martha von Maydell

Artenschutz als ignoriertes Thema Das biologische Analphabetentum der Politik bringt uns noch alle um

Matthias Glaubrecht

Umwelt wird nur noch als Klima buchstabiert, dabei geht es auch um Flora und Fauna. Doch sogar Grüne opfern Artenschutz dem Windradausbau. Ein Gastbeitrag.

- Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg und Wissenschaftlicher Leiter des Projekts „Evolutioneum“ am dort neu gegründeten Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB). Zuletzt erschien sein preisgekrönter Bestseller „Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ (2020), in dem er Fakten und Befunde zum anthropogenen Artenwandel beschreibt.

Als Alexander von Humboldt im Jahr 1804 von seiner Amerikareise zurückkehrt und in Paris wie ein Held gefeiert wird, missgönnt ihm dort einer diesen Ruhm: Napoleon Bonaparte, der gerade dabei ist, sich zum Kaiser Frankreichs krönen zu lassen und einer der mächtigsten Herrscher Europas zu werden. Er lässt Humboldt zu einer Audienz antreten, um ihm eine Portion Herablassung zu servieren. „Sie beschäftigen sich mit Pflanzen?“, fragt er den berühmten Naturwissenschaftler und fügt eisig hinzu: „Das tut meine Frau auch.“

Die Ignoranz gegenüber der Natur hat traurige Tradition

Bis heute ist das Verhältnis von Wissenschaft und Politik angespannt. Auch die Corona-Pandemie hat nichts daran geändert, dass Stellenwert und Status von Forschung vor allem in Sonntagsreden vorkommen, und wegen eklatanter Versäumnisse in der Bildungspolitik viel zu viele Menschen in naturwissenschaftlicher Analphabeten sind. Nicht ohne Grund hat erst eine emotional berührende junge Schwedin mit ihrem Schulstreik der Klimakrise die Aufmerksamkeit verschafft, die Wissenschaftler seit vier Jahrzehnten fordern.

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Jetzt ist die Krise allgegenwärtig, und alle interessieren sich für Klimadiagramme. Was aber dazu führt, dass die zweite große Krise dieses Jahrhunderts – der globale Verlust biologischer Vielfalt, kurz: das Artensterben – erst recht viel zu kurz kommt.

Immer ist scheinbar etwas anderes wichtiger, und diese Ignoranz der Natur gegenüber hat ebenso traurige Tradition, wie die Kenntnislosigkeit bereits bei biologischem Basiswissen zur Biodiversität. Wer weiß schon, was Arten sind, welche und wie viele es wo überhaupt gibt, und vor allem, wie sie entstehen, oder warum wir sie brauchen? Natur, Umwelt und ihre Evolution gilt vielen bis heute, was seinerzeit Napoleon die Botanik war – unwichtig irgendwie, und als eine kaum ernstzunehmende Betätigung.

Viel guter Wille, wenig konkretes

Wie wenig das Thema Artenwandel präsent ist, zeigte sich vor einigen Wochen, als im südchinesischen Kunming die 15. Weltnaturschutzkonferenz zu Ende ging, die im April 2022 fortgesetzt werden soll. Auch bei dieser UN-Artenkonferenz wurde in der vorläufigen Abschlusserklärung guter Wille bekundet, aber wenig Konkretes vereinbart. Zwar liest man im Kunming-Papier vom Biodiversitätsverlust als einer „existenziellen Bedrohung für unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unseren Wohlstand und unseren Planeten“.

Doch das Thema war kurz darauf schon wieder im Windschatten der Klimakonferenz von Glasgow verschwunden. Dass Umwelt neuerdings überhaupt nur noch als Klima buchstabiert wird, zeigt auch der höchst bedenkliche Beschluss der Ampel-Koalition, hierzulande den Arten- und Naturschutz in den Wäldern und auf den Feldern notfalls schneller als bisher weiteren Windkraftanlagen und Stromtrassen zu opfern.

[Lesen Sie auch zum Thema: Artensterben dramatischer als Klimakrise: Nicht nur Eisbären und Korallen sind gemeint - sondern Sie und ich! (T+)]

Dabei sollte uns bereits eine minimale Faktenkenntnis zu denken geben. Derzeit gibt es mehr als 7,9 Milliarden Menschen; jährlich kommen 80 Millionen hinzu, etwa die Bevölkerung Deutschlands. Bis Mitte des Jahrhunderts dürften es laut aktueller Prognosen knapp neun Milliarden sein, bis 2100 könnten es drei Milliarden Menschen mehr sein als heute – und alle mit legitimen Ansprüchen an Nahrung, mit ökonomischen Aktivitäten.

Bis 2100 könnte es 11 Milliarden Menschen auf diesem Planeten geben. Die Auswirkungen des gestiegenen Ressourcenverbrauchs auf die Biodiversität wären verheerend. Foto:Tayfun Salci, dpa Vergrößern
Bis 2100 könnte es 11 Milliarden Menschen auf diesem Planeten geben. Die Auswirkungen des gestiegenen Ressourcenverbrauchs auf die Biodiversität wären verheerend. © Tayfun Salci, dpa

Wegen seiner Ausbreitung, seinem Ressourcenverbrauch, seiner nicht nachhaltigen Art zu wirtschaften ist der Mensch zum entscheidenden Evolutionsfaktor geworden. Wir manipulieren dabei nicht nur die Geosphäre, wir dominieren auch die Biosphäre. Wir nutzen bereits drei Viertel der Erde für unsere Zwecke, einschließlich unserer Siedlungen, Städte und Straßen, vor allem aber für unsere Nahrungsmittelproduktion. Mittlerweile wiegt die von uns erzeugte anthropogene Masse wie Beton, Zement, Metalle und Plastik die gesamte Biomasse der Erde auf.

Die Auslöschung des Lebens

Eine der bisher oft übersehenen Signaturen des neuerdings proklamierten Anthropozäns, der Menschenzeit, ist „biological annihilation“ – die Auslöschung des Lebens. Neben „deforestation“, der globalen Entwaldung, ist „defaunation“, die Entleerung der Tierwelt, das markanteste Zeichen für unsere verheerende Lage. Mehr als eine Million Arten an Tieren und Pflanzen, warnt der Weltbiodiversitätsrat IPBES, werden in den kommenden Jahrzehnten aussterben. Biosystematiker haben in den vergangenen 250 Jahren gerade einmal 1,9 Millionen Arten beschrieben – von etwa acht oder neun Millionen Arten insgesamt.

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Mehr als Schätzungen sind beide Zahlen nicht, da eine zentrale Datenbank sämtlicher bisher beschriebener Tier- und Pflanzenarten ebenso fehlt wie eine längst überfällige komplette globale Inventur aller Lebewesen.

Die wenigsten Menschen bemerken die weltweit massive und an sich längst augenfällige Artenkrise, obgleich sie sich keineswegs nur anderswo und nicht erst in ferner Zukunft abspielt. Wenn vom Aussterben der Arten die Rede ist, scheint es meist um das Verschwinden einiger charismatischer Arten zu gehen - gleichsam den Flaggschiffen des Naturschutzes, um Elefant, Eisbär, Tiger oder Tukan beispielsweise.

Oft denkt man beim Thema Artensterben nur an Tiger, Eisbär oder Elefant. Doch besonders der Verlust an Insekten hat große Auswirkungen auf unsere Umwelt. Foto: Kim Hong-Ji/Reuters Vergrößern
Oft denkt man beim Thema Artensterben nur an Tiger, Eisbär oder Elefant. Doch besonders der Verlust an Insekten hat große Auswirkungen auf unsere Umwelt. © Kim Hong-Ji/Reuters

Den meisten Menschen mag das nicht schlimm erscheinen, weder beim Tiger noch dem Tukan. Doch beim Artenschwund geht es nicht allein um die großen Tiere unter den Säugern oder die auffälligen unter den Vögeln. Vor allem geht es um die Heerscharen von Wirbellosen. Etwa um Insekten und andere Gliedertiere wie Spinnen und Krebse, um Weichtiere wie Schnecken und Muscheln und viele andere Lebewesen. Sie stellen die Mehrzahl und Masse an Arten, und sie verschwinden derzeit so rasant und restlos und unwiederbringlich wie nur selten zuvor.

Die größte ökologische Krise seit dem Ende der Dinosaurier

Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten etwa in Deutschland – Aktion freie Windschutzscheibe – knapp 80 Prozent der Biomasse an Fluginsekten verloren. Unter anderem auch deshalb sind allein in Europa seit 1980 knapp ein Fünftel der Vögel verschwunden, gerade erst war in Studien von 600 Millionen weniger die Rede; in Nordamerika sind es 30 Prozent aller Vögel, immerhin drei Milliarden (!).

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All dies ist nur die nachweisbare Spitze eines globalen Verlusts an Leben, der droht, sich zur größten ökologischen Krise seit dem Ende der Dinosaurier auszuwachsen. Nach deren kosmisch bedingtem Aussterben dauerte es einst rund zehn Millionen Jahre, bis die Biodiversität wiederhergestellt war – im Eozän, dem Zeitalter der Morgenröte, als die Welt vor etwa 55 Millionen Jahren neu entstand. Diesmal ist der Mensch der Meteorit. Er wird der Evolution zwar nicht das definitive Ende bereiten, aber ihren Verlauf entscheidend beeinflussen.

Der Haupttreiber des Artensterbens ist der Verlust natürlicher Lebensräume an Land wie im Wasser. Am stärksten betroffen sind in den Tropen die besonders artenreichen Regenwälder und Korallenriffe. Weltweit sind allein in den zurückliegenden 30 Jahren Wälder auf einer Fläche von der Größe der EU verlorengegangen; während sich die landwirtschaftlichen Flächen ausdehnten, um darauf Rohstoffe zu erzeugen, von Fleisch bis zu Soja und Palmöl. Wir können kaum so viel Wald wieder aufforsten, wie durch diese Waldverluste bereits verschwunden ist – und mit ihnen oft unerkannt zahllose Arten.

Das Verblassen und Sterben der Korallenriffe trägt zu einer immer kleiner werdenden Artenvielfalt in unseren Meeren bei. Foto: Dan Peled/dpa Vergrößern
Das Verblassen und Sterben der Korallenriffe trägt zu einer immer kleiner werdenden Artenvielfalt in unseren Meeren bei. © Dan Peled/dpa

Die Arten aber sind es, die durch ihr komplexes Netzwerk die irdischen Ökosysteme aufbauen, von deren unentgeltlicher Dienstleistung wir dann profitieren. Die Natur erbringt Leistungen, die mehr als das 1,5fache des weltweiten Bruttosozialprodukts ausmachen. Zugleich ist die Biodiversität die Lebensversicherung unseres Planeten. Sie sei unsere wertvollste aber am wenigsten geschätzte Ressource, sagte der gerade verstorbene Evolutionsbiologe Edward O. Wilson einmal.

Es geht letztendlich um unser eigenes Überleben

Im Kern geht es – ähnlich wie beim Klima – nicht um die Erde und das Leben darauf, sondern um uns Menschen und unser Überleben auf diesem einzigen Planeten, den wir haben und je haben werden. Denn wir hängen mit unserer Ernährung und Gesundheit von den funktionierenden und resilienten Ökosystemen ab; sie produzieren Fleisch, Fisch und Früchte, alles vom Honig bis zum Holz, vom Apfel und Avocado bis zu Kaffee und Kakao. Je mehr biologische Arten wir verlieren, desto mehr ökologische Maschen gehen verloren, bis das Netz irgendwann reißt.

Oder anders ausgedrückt: Wenn Ökosysteme das Kapital unserer Erde wären, dann sind Arten wie Anleihen, die Geld und Gold wert sind. Ihr massenhaftes Aussterben kommt einem biologischen Börsencrash gleich, der das Unternehmen Menschheit in den Bankrott treibt. Um uns Wohlstand und Wohlergehen zu sichern, schlagen Biodiversitätsforscher nun globale Stützungskäufe vor. Ihr Ziel ist nicht länger, in einzelne ausgesuchte Aktien zu investieren; ihr Ziel vielmehr: bis zum Ende des Jahrzehnts auf 30 Prozent der Erdoberfläche zu Land und zu Wasser die Natur unter Schutz zu stellen.

Ein ehrgeiziges Ziel, gewiss; aber auch eines, das analog dem 2-Grad-Klimaziel messbar und politisch umsetzbar ist. Weil Landverbrauch und Landnutzung die großen Artenkiller sind, garantiert nur ein globales Sicherheitsnetz geschützten Naturlands die Erhaltung biologischer Vielfalt. Neben der Verdopplung bestehender Naturschutzgebiete bedeutet das auch, wo immer es geht zu renaturieren und auch Städte zu begrünen – mithin anderen Arten mehr Raum zum Leben zu geben.

Wir müssen verstehen, dass die Natur nicht verhandelbar ist

Eine Utopie? Keineswegs. Wir müssen allerdings die Mauer der Ignoranz gegenüber einer Ökonomie der Ökologie überwinden, die Natur im doppelten Wortsinn in Wert setzen und konzertiert im globalen Maßstab handeln. Echter Schutz der Natur darf nicht länger eine weitere Abwehrschlacht sein, nicht die Rettung der letzten Mohikaner vom Aussterben bedrohter Arten. Wer glaubt, mit ein paar Bienenhotels hier, einem Lerchenfenster da oder gar einer begrünten Hausfassade in der schönen neuen „smart city“ sei es in Zukunft getan, hat diese verspielt.

Wir müssen lernen, den Planeten im großen Maßstab wie einen Garten zu pflegen. „Gardening the Earth“; aber nicht mehr im überkommenen Sinne von „Macht Euch die Erde untertan“. Vielmehr müssen wir uns endlich als ein Teil der Natur begreifen, unsere spezifische ökologische Nische weiterentwickeln und uns darin nicht so breit machen, dass wir anderen Arten keine Chance zum Überleben mehr lassen.

Der Schutz der Biodiversität ist machbar, aber nur, wenn wir tatsächlich akzeptieren, dass Ressourcen endlich sind und die Natur samt ihrer Arten auf Konferenzen und in Koalitionen nicht länger verhandelbar ist. Ansonsten läuft die Zeit für die Erhaltung der Biodiversität ab. Die Kunming-Konferenz im April ist die vermutlich letzte Chance auf einen anhaltenden Waffenstillstand in unserem Krieg der Menschen gegen die Natur.

Übrigens soll Napoleon am Vorabend der Schlacht von Waterloo, seiner definitiven Niederlage, in Humboldts Schriften gelesen haben. Während er einen ganzen Kontinent in Brand gesetzt hat, lieferte Humboldt die Grundlage für eine ökologische Betrachtung der Welt, in der alles mit allem zusammenhängt – und wir Menschen Teil einer artenreichen Natur sind, die es nicht zuletzt auch um unsertwillen zu erhalten gilt.

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