Ein Polizist versucht den Bereich nahe eines der Tatorte des Terroranschlags in Christchurch zu räumen. Foto: Mark Baker/AP/dpa
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Anschlag in Neuseeland An der Haltung zum Islam zeigen sich die Werte des Westens

Die Chiffre "Islam" wird im Meinungsstreit inzwischen inflationär und undifferenziert gebraucht. Ressentiments münden schnell in Gewalt. Ein Kommentar.

Es ist der traurige Höhepunkt einer unheilvollen Entwicklung. Gezielt wurden fromme Menschen in Gottes- und Gebetshäusern angegriffen und ermordet. Nie gab es im Westen einen verheerenderen islamfeindlichen Terroranschlag als den in der neuseeländischen Stadt Christchurch.

Einen Tag zuvor erreichte den Tagesspiegel eine Leserzuschrift. Sie beginnt so: „Es ist offenbar Ihr Anliegen, den Islam als eine Religion wie jede andere auch zu behandeln. Dabei verschließen Sie davor die Augen, dass der Islam eine zutiefst menschenfeindliche Religion ist, soweit es sich nicht um die eigenen Mitglieder handelt. Lesen Sie selbst.“ Dann folgen diverse Suren aus dem Koran. Der Brief endet mit den Worten: „Wie soll da ,Integration‘ möglich sein? Politiker beschwören sie immer wieder und wundern sich, wenn selbst in dritter Generation hier lebende Türken immer noch nicht integriert sind. Sie dürfen es nicht, selbst wenn sie wollten!“

Jeder in Deutschland, der am öffentlichen Leben teilnimmt, ob als Politiker oder Journalist, kennt solche Briefe. Besonders häufig treffen sie bei Muslimen ein, verbunden mit der Aufforderung, endlich zuzugeben, dass der Islam keine Religion des Friedens und mit Demokratie und Menschenrechten unvereinbar sei. Wer geglaubt hatte, durch die vor acht Jahren verübten Anschläge des rechtsterroristischen, islamfeindlichen Norwegers Anders Behring Breivik sei ein Bewusstsein dafür entstanden, wie buchstäblich mordsgefährlich solche Pauschalverurteilungen einer Weltreligion sind, der mehr als 1,8 Milliarden Menschen angehören, wird fast täglich eines Schlechteren belehrt. Knapp tausend islamfeindliche Straftaten – die Dunkelziffer liegt weitaus höher – wurden im Jahr 2017 in Deutschland verübt. Sie reichen von Anschlägen auf Moscheen über Schmierereien mit Schweineblut bis zu gewaltsamen Übergriffen auf Frauen, die ein Kopftuch tragen. Wehret den Anfängen? Dafür ist es offenbar zu spät.

An allem ist angeblich der Islam schuld

Die Chiffre „Islam“ wird im politischen Meinungsstreit inzwischen ebenso inflationär wie undifferenziert gebraucht. Ob Antisemitismus oder Terrorismus, Frauenfeindschaft oder Homophobie, Kriminalität oder Bildungsferne: An allem ist angeblich der Islam schuld. Wer früher „Ausländer raus“ skandierte, sagt heute „der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Und weil sich Menschen meist nur in der Eigenschaft wehren können, in der sie angegriffen werden, sollte es keinen überraschen, dass selbst säkulare Muslime ihre Religion inzwischen als kulturelles Identifikationsmerkmal überbetonen. Jetzt erst recht.

Selbstverständlich darf jeder den Islam kritisieren, so wie man Buddhismus, Judentum und Christentum kritisieren kann. Religionskritik ist ein unverzichtbares Erbe der Aufklärung. Selbstverständlich auch müssen Dschihadisten engmaschig überwacht werden. Ein Narr, wer heimkehrende IS-Kämpfer nicht als potenzielles Sicherheitsrisiko einstuft. Aber ebenso sind Respekt, Toleranz und die uneingeschränkte Gewährung der Religionsfreiheit vonnöten. Islamfeindliche Straftaten mit Nachdruck zu verfolgen und mit der Härte des Gesetzes zu ahnden, dient nicht zuletzt der Integration.

Ressentiments münden in Gewalt

Den Terror von Christchurch haben die Vertreter aller Religionsgemeinschaften verurteilt. Sie wissen, dass gestern die Synagoge in Pittsburgh im Visier stand – und morgen eine christliche Kirche getroffen werden könnte. Angegriffen wurde auch ein Wert – die freie, ungestörte Religionsausübung, das Selbstbestimmungsrecht aller Gläubigen.

Von einer den Islam pauschal ablehnenden Haltung führt kein direkter Weg zu rassistisch motiviertem Terrorismus. Aber zu glauben, dass aus Ressentiments niemals Hass entsteht und Hass niemals in Gewalt mündet, wäre lebensfremd. Christchurch ist knapp 20.000 Kilometer von Berlin entfernt – und doch näher, als manch einer meint.

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