Angela Merkel Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS
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Angela Merkel wird 65 „Sie hat dem Land gutgetan“

30 Jahre in der Politik, 14 Jahre als Bundeskanzlerin: Angela Merkel hat Deutschland durch viele Krisen gesteuert. Nicht nur, weil sie heute Geburtstag hat, muss man ihr dafür danken. Eine Gastgratulation.

- Der Autor war Vorsitzender der SPD und mehrfach Bundesminister. Er ist Autor der Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch der Tagesspiegel gehört.

Was Angela Merkel wohl gedacht haben mag, als sie wenige Tage vor ihrem 65. Geburtstag auf dem Pariser Champs-Élysées das militärische Spektakel zum französischen Nationalfeiertag mit verfolgte? Sie, der jeder Pomp, jede Selbstinszenierung und jedes öffentliche Zelebrieren von Macht – zumal militärischer – so fremd ist.

Vielleicht hat sie einmal mehr innerlich gelächelt über die vielen Männer, die sie hat kommen und gehen gesehen, und die bei aller oberflächlichen Unterschiedlichkeit doch oft eines gemein hatten: Ihre zur Schau gestellte Wirkmacht stand meist im umgekehrten Verhältnis zur tatsächlichen. Bei Angela Merkel war stets das Gegenteil der Fall.

Mehr Sein als Schein ist nicht nur ihr politisches (Über-)Lebensmotto. Und das war und ist wohl auch ihre Idee für die Rolle Deutschlands in Europa. Nur wer sie aus der Nähe kennenlernen durfte, weiß, dass man an ihrem Gesichtsausdruck eigentlich immer genau ablesen kann, ob sie sich gerade diebisch über etwas Gelungenes freut, gelangweilt oder verärgert ist. Wenn jemals jemand Sorge vor politischem Übermut im wiedervereinigten Deutschland gehabt haben sollte – spätestens die persönlichen Erfahrungen mit Angela Merkel lassen das dann geradezu absurd wirken.

Was sie gemacht hat - und wie sie es gemacht hat

Heute wird die deutsche Kanzlerin 65. Seit 30 Jahren gestaltet sie nun schon die deutsche Politik mit, fast die Hälfte davon weitgehend allein. Nicht immer hat sie dabei politisch richtig gelegen. Ihre einstmals harten neoliberalen wirtschaftspolitischen Vorstellungen scheiterten. Und nur der Wahlsieg Gerhard Schröders ließ ihre Zustimmung zum völkerrechtswidrigen zweiten Irak-Krieg folgenlos bleiben.

Aber was immer man von ihren einzelnen politischen Entscheidungen halten mag: Sie hat als deutsche Bundeskanzlerin unserem Land Gutes und gutgetan. Bei dem, was sie gemacht hat und bei dem, wie sie es gemacht hat. Nicht zuletzt, weil sie das Gewicht und die Bedeutung Deutschlands in Europa wohl mit jedem Tag im Amt stärker spürte. Sie übte ihre demokratisch legitimierte Macht nach innen wie nach außen aus – wo nötig mit großer Härte auch gegen Personen –, aber sie trug sie nie wie eine Monstranz vor sich her.

Angela Merkel hat europäische Krisen gemeistert und in wirklich schwerer See nicht nur ihr eigenes Land stabil und auf Kurs gehalten, sondern weitgehend auch unseren Kontinent. Die Finanzkrise 2007/2008, die Ukraine-Krise 2014, die erneute Finanzkrise in Griechenland 2015, die Flüchtlingskrise 2015, die Zunahme terroristischer Bedrohungen in Deutschland und Europa 2016 – jede einzelne dieser dramatischen politischen Zuspitzungen hätte für ein Politikerleben gereicht, um ins Geschichtsbuch einzugehen. Und keine davon wäre ohne deutsches Zutun unter Kontrolle zu halten gewesen. Nicht nur, weil sie heute Geburtstag hat, muss man ihr dafür danken.

Sie hat ihn, den inneren Kompass

Oft ist ihr vorgeworfen worden, sie habe keine Grundsätze und orientiere sich täglich neu am Machbaren. Letzteres ist sicher nicht falsch, und angesichts dynamischer und sich immer schneller verändernder politischer Rahmenbedingungen ist es fast schon eine Voraussetzung fürs politische Überleben. Und doch widerspricht das nicht der Tatsache, dass Angela Merkels sehr wohl einem inneren Kompass folgt.

Für sie ist das Christliche im Namen ihrer Partei weit mehr als eine historische Reminiszenz oder schmückendes Beiwerk. Wo bei ihren konservativen Gegnern innerhalb der CDU das Christliche ein Unterfall des Konservativen darstellt, verhält es sich bei ihr umgekehrt: Für Angela Merkel ist das Konservative ein Unterfall des Christlichen. Nirgendwo hat sich diese Haltung mehr gezeigt als in der Flüchtlingskrise: Für ihre innerparteilichen Gegner stand der christliche Impuls hinter der konservativen Grundhaltung zurück. Bei Angela Merkel war das Gegenteil der Fall. Man mag ihr manchen Fehler in der Bewältigung dieser Herausforderung des Jahres 2015 vorwerfen, ganz sicher aber nicht eine Missweisung an ihrem inneren Kompass.

14 Jahre im deutschen Kanzleramt fordern ihren Preis. Hoffentlich keinen allzu großen persönlichen. Ich bin sicher, die allermeisten Deutschen werden ihrer Kanzlerin heute mit ernst gemeinter Anteilnahme vor allem Gesundheit wünschen. Das tue ich auch. Ich wünsche Angela Merkel aber zugleich, dass möglichst viele Menschen erkennen, dass sich Deutschland glücklich schätzen konnte, wieder eine herausragende Persönlichkeit im Kanzleramt zu haben. Denn selbst im Sitzen strahlt die deutsche Regierungschefin noch mehr politische Kraft aus als viele, die stehend und in scheinbarer Größe vor ihr posieren.

Ein Wunsch: dass sie einen würdenvollen Ausstieg findet

Wünschen dürften wir der deutschen Kanzlerin aber auch, dass sie einen ihr angemessenen, würdevollen Ausstieg aus der Politik findet. Niemand weiß so sehr wie sie, dass ein zu langer Verbleib im Amt auch zu einem hohen Preis werden kann. Denn alles hat seine Zeit, auch die großen Kanzlerschaften. Wo die Republik nach dem fordernden Kanzler Gerhard Schröder mehr Ruhe suchte, traf Angela Merkels Stil des „leading from behind“ genau den Zeitgeist einer von den aufregenden rot-grünen Reformjahren erschöpften Gesellschaft.

Nun aber scheint wieder die Sehnsucht nach einer sprachlich und optisch präsenteren Form politischer Führung zu wachsen, als Angela Merkel sie für angemessen gehalten hat. Man muss weder böswillig noch besserwisserisch sein, um festzustellen: Angela Merkels Zeit als Kanzlerin nähert sich dem Ende und das nicht nur, weil sie bei der kommenden Bundestagswahl nicht mehr antreten will. Es braucht jetzt auch einen neuen Inhalt und eine neue Form für die Kanzlerschaft. Eine andere Zeitrechnung hat begonnen.

Fordern und führen

Das Zeitalter der euro-atlantischen Zentriertheit der Welt ist vorüber. Das neue Gravitationszentrum liegt in Asien. Europa wird nur überleben, wenn Deutschland lernt, ohne Großmannssucht wieder von vorne zu führen und neben Werten auch Interessen formuliert. Es brauchte wieder eine oder einen mehr fordernden und modernen Regierungschef - ohne Basta-Allüren.

Merkel I und II hätten vielleicht noch die Balance zwischen der chillenden Internet-Community hier, dem leistungsbereiten Arbeitsgemeinwesen der sogenannten allerneuesten Mitte dort und der national-dröhnenden Volksgemeinschaft am Rand der alten Mitte gefunden. Es ist nur allzu menschlich und im Übrigen auch sehr normal in einer Demokratie, dass Merkel III das nicht mehr schafft. Deshalb muss sie wie alle großen Persönlichkeiten in der Politik aufpassen, dass sie ihren Abgang nicht verpasst. Sonst verspielt sie manches, was sie geschaffen hat.

Man darf gespannt sein, wer versuchen wird, diese neue Sehnsucht zu erfüllen. Nur eines kann uns beruhigen: Angela Merkels politischer Lebenslauf zeigt, dass man Menschen nie unterschätzen soll.

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