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US-Präsident Joe Biden und Amerika lässt sich nicht beirren und verteidigt seinen Afghanistankurs. Foto: Elizabeth Frantz/Reuters
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Amerikas Rückzug aus Afghanistan Warum im Nahen Osten keiner den USA vertraut

Der chaotische US-Abzug aus Afghanistan schockt Amerikas Partner im Nahen Osten – die Glaubwürdigkeit der Supermacht ist erschüttert. Eine Analyse.

Amerika hat seit seinem überstürzten Abzug aus Afghanistan alle Hände voll zu tun, um verunsicherte Verbündete im Nahen Osten zu beruhigen.

Präsident Joe Biden empfängt kommende Woche den israelischen Premier Naftali Bennett in Washington. Außenminister Antony Blinken telefoniert mit Politikern und Diplomaten in Saudi-Arabien, Kuwait und Katar. Dass sich die westliche Führungsmacht fluchtartig aus einer Region zurückzieht, die ihr bis vor kurzem noch wichtig war, gibt Ländern von Ägypten bis zum Persischen Golf zu denken.

Denn die USA ziehen auch aus dem Nahen Osten immer mehr Truppen ab. Die Vereinigten Staaten – vor einiger Zeit noch respektierte Supermacht - haben viel Glaubwürdigkeit verspielt. Russland oder China könnten profitieren.

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Partner befürchten eine „umfassende Abwendung“ der USA vom Nahen Osten, sagt Itamar Rabinovich, ein früherer israelischer Botschafter in Washington. Um die Verbündeten vom Gegenteil zu überzeugen, brauche Amerika jetzt ein „starkes Signal“ in der Region, kommentiert Rabinovich für die Denkfabrik Brookings Institution.

Als Beispiel nennt er einen überzeugenden Erfolg bei den Verhandlungen über eine Wiederbelebung des Atomabkommens mit dem Iran. Danach sieht es allerdings nicht aus. Teheran treibt die Uran-Anreicherung voran und nähert sich dem Wert, der für den Bau einer Nuklearwaffe nötig ist.

Biden richtet seine Außenpolitik auf China aus

In Jerusalem haben die Regierenden sehr aufmerksam verfolgt, was in Afghanistan passiert ist. Der Hals-über-Kopf-Abzug der USA und der ungehinderte Siegeszug der Islamisten hat aus Sicht der Amerika-Skeptiker deutlich gemacht: Wenn es darauf ankommt, gilt auch unter Biden, dass die Vereinigten Staaten tun und lassen, was sie für richtig halten – ohne sonderlich Rücksicht auf Interessen und Vorbehalte der Verbündeten zu nehmen. Biden richtet die amerikanische Außenpolitik auf die Konfrontation mit China aus, während der Nahe Osten für die USA als Öllieferant längst nicht mehr so wichtig ist wie einst.

Viele verzweifelte Afghaninnen und Afghanen versuchen, in Kabul auf der Flughafengelände zu gelangen. Foto: Isaiah Campbell/US-Marine Corps/AFP Vergrößern
Viele verzweifelte Afghaninnen und Afghanen versuchen, in Kabul auf der Flughafengelände zu gelangen. © Isaiah Campbell/US-Marine Corps/AFP

Für Israel ist Amerika zwar weiterhin die politische und militärische Schutzmacht. Aber wenn es hart auf hart kommt, wird Israel vermutlich auf sich allein gestellt sein, sind israelische Politiker sicher. Die ungeschriebene Sicherheitsdoktrin des Landes gründet ohnehin auf einer Prämisse: Im Ernstfall kümmern wir uns selbst um unseren Schutz.

Das gilt in erster Linie für die Bedrohung aus Teheran. Einen nuklear aufgerüsteten Iran wird keine israelische Regierung schulterzuckend hinnehmen. Deshalb ist Jerusalem von Bidens neuen Atomverhandlungen alles andere als begeistert. Statt nettem Entgegenkommen brauche es einen harten Kurs gegenüber dem Iran, lautet die israelische Position. Den Mullahs sei nun mal nicht zu trauen: Das war Benjamin Netanjahus Credo - und die neue Führung unter Naftali Bennett sieht das ganz genauso.

Israels Premier Bennett reist kommende Woche nach Washington. Hauptthema der Gespräche mit Biden: der Iran. Foto: imago images/UPI Photo Vergrößern
Israels Premier Bennett reist kommende Woche nach Washington. Hauptthema der Gespräche mit Biden: der Iran. © imago images/UPI Photo

Bei seinem Treffen mit Biden kommende Woche wird es, so ist zu hören, vorrangig um das Thema Iran gehen. Nur dürfte Bennett sehr wohl bewusst sein, dass der US-Präsident – wie schon bei Afghanistan – von seinen einmal gefassten Plänen keine großen Abstriche machen wird. Für Israel heißt das, möglichst die nahöstliche Anti-Iran-Achse mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und anderen Ländern zu stärken.

Zusammengehalten wird diese Allianz nicht zuletzt durch die gemeinsame Erinnerung an schlechte Erfahrungen mit den USA. Schon einmal in den vergangenen Jahren gaben die USA ihren Partnern im Nahen Osten das Gefühl, dass Amerikas Schutzversprechen nicht viel wert sind, wenn Washington andere Interessen hat.

Obama zog rote Linien im Syrienkrieg - und ließ Assad dennoch gewähren

Im Jahr 2012 drohte der damalige US-Präsident Barack Obama zuerst Militärschläge gegen Syrien an, um das Regime in Damaskus für den Einsatz von Chemiewaffen zu bestrafen – tat dann aber nichts, als Machthaber Baschar al Assad weiter Menschen mit Giftgas töten ließ. Zudem ziehen die USA seit der Zerschlagung des „Kalifats“ des Islamischen Staates (IS) vor zwei Jahren immer mehr Soldaten aus der Region ab. Ende Juli verkündete Washington das Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak.

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Gegner der USA reiben sich die Hände. Der Chef der Hisbollah-Miliz im Libanon, Hassan Nasrallah, bezeichnete den Afghanistan-Abzug der Amerikaner als warnendes Beispiel für Israel: Auf Amerika sei nun einmal kein Verlass. Auch die radikal-islamische Hamas freute sich über das Ende der amerikanischen „Besatzung“ in Afghanistan.

Hisbollah und Hamas stehen für die iranische Einflussnahme in der Region, die nach dem Fall von Kabul weiter zunehmen könnte. Seit dem Abzug der US-Truppen aus seinem östlichen Nachbarland Afghanistan kann sich die Islamische Republik als Gegenspieler der amerikanischen Nahost-Verbündeten jetzt verstärkt seiner Machterweiterung vom Irak bis Jemen widmen. Auch finanziell könnte der Iran profitieren. So wird über Ölexporte aus dem Iran durch Afghanistan nach China spekuliert.

Amerikas Rückzug aus Afghanistan könnte außerdem eine Rückkehr des Terrornetzwerkes Al Qaida oder des IS unter dem Schutz der Taliban ermöglichen. Während der ersten Herrschaft der Taliban bis 2001 waren Saudi-Arabien und die VAE zusammen mit Pakistan die einzigen Länder der Welt, die das Regime der Extremisten anerkannten.

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden und andere Araber kämpften in Afghanistan und erhielten Spenden aus den Golf-Staaten. Heute fürchten Saudis und Emiratis ein Comeback der Extremisten, die den Monarchien am Golf den Kampf angesagt haben.

Amerikas Autorität nimmt schweren Schaden

Das „erschütterte, wenn nicht zerstörte“ Vertrauen in die USA wird es nach Ansicht des Nahost-Experten Tony Walker von der Universität La Trobe in Australien für Washington künftig schwieriger machen, die Partner in der Region auf amerikanische Ziele einzuschwören. Washingtons „Autorität wird auf breiter Front in Frage gestellt“, schreibt Walker in einer Analyse für die Internetseite „The Conversation“.

Russland und China seien längst dabei, ihren Einfluss in der Region auszubauen. Amerikas Rückzug aus Afghanistan könnte die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten grundlegend verändern.

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