Der Mann, der Amerikas Ruf ruinierte: Donald Trump hat Land und Mythos verschluckt. Foto: REUTERS
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Amerika als Peinlichkeit Wie mir Donald Trump mein T-Shirt vermieste

Wenn in Amerika heute Kaugummi erfunden würde, würde das jemand kauen? Der Präsident hat Land und Mythos demoliert - und meinen Schrank getroffen. Eine Kolumne.

Das T-Shirt ist bald 20 Jahre alt. Es war ein Geschenk aus den USA. Es ist bedruckt mit den New Yorker Twin Towers im Abendlicht, einer riesigen US-Flagge und den Worten: „God bless America. Always in Our Hearts“. Ich habe es gern getragen, früher. Inzwischen liegt es im Schrank ziemlich weit hinten.

Und als ich neulich nochmal überlegte, ob ich es vielleicht zum Sport anziehen sollte, zuckte ich regelrecht zurück. „God bless America. Always in Our Hearts“ – wollte ich damit wirklich herumlaufen?

Amerika ist keine Soul-Sister mehr, es ist vielleicht nicht mal mehr eine Bekannte. Amerika ist verschwunden hinter seinem immer präsenteren Präsidenten. Dessen an Vokabeln arme Aggressionen, unablässige Twitternachrichten, plumper Patriotismus und umfassende Beschränktheit sind es vor allem anderen, was aus Amerika nach außen dringt.

Zwar war die Unwissenheit von Amerikanern über die Welt jenseits ihrer Landesgrenzen immer legendär und schon früher für Witze gut, aber da war das nur ein Mosaiksteinchen in einem ansonsten großartigen Bild. Heute sieht es aus, als sei dieses Defizit das Bild. Das ist alles wahrlich nicht neu, aber als mich das neulich aus meinem Schrank heraus anfiel, wurde es zu einer persönlichen Sache.

Donald Trump ist nicht nur ein Problem für die Weltpolitik, er ist jetzt auch der Mann, der mir ein T-Shirt versaut hat. Und das ist nicht alles. Er beeinflusst außerdem mein Fernsehverhalten, weil ich seit einiger Zeit keine Lust mehr auf amerikanische Filme habe. Die ganzen Kämpfe zwischen Gut und Böse, die schlichten Eindeutigkeiten, die schwülstigen Happy Ends.

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Was früher vielleicht mal rührend war, wirkt jetzt wie eine Vorwegnahme des Trumpschen Präsidentengehabes und ist als solche manchmal kaum noch auszuhalten. Das ist es auch, was mir das T-Shirt so madig macht. God bless! Always! Hearts!

Die Zeit der zweifelsfreien Gewissheiten und Bekenntnisse ist nämlich vorbei, und ebenso die Zeiten, in denen sich in den drei Buchstaben U, S und A alles verbarg, was ansprach, anlockte, berührte Amerika ist nur noch ein Land unter vielen, und je nach Standpunkt sogar eins der unsympathischeren. Anders gesagt: Wenn in Amerika heute das Kaugummi erfunden würde, würde das jemand kauen? Ich glaube nicht.

Zu viel Bekenntnis? Das T-Shirt des Zweifels. Foto: privat Vergrößern
Zu viel Bekenntnis? Das T-Shirt des Zweifels. © privat

Und der Schreck darüber betrifft eben nicht nur die Länderbeziehungsebene, auf der es schon trist genug aussieht. Erinnert sei an eine Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung vom Mai, die ergab, dass 2020 nur noch 37 Prozent der Menschen hierzulande der Auffassung sind, Deutschland sollte eine engere Beziehung zu den USA haben. 2019 befürworteten das noch 50 Prozent.

Schrumpft der neue Bond den Trump-Schatten?

Gestiegen ist im gleichen Zeitraum der Anteil der Menschen, die sich gute Beziehungen zu China wünschen, von 24 auf 36 Prozent. China! Umerziehungslager, Autokratie, Willkür. Dazu passt der Erfolg von Tiktok, der chinesischen Nonsense-App, der man mehr Skeptiker wünschen würde.

Dass wegen der Coronapandemie der Trump-Herausforderer Joe Biden jetzt fast unsichtbar bleibt, ist innenpolitisch natürlich tragischer als die Verschiebungen des potenziellen Blockbusters "Tenet". Was mich angeht, könnte die Hoffnung aber kaum größer sein, dass solche vielleicht letzten mehrheitsfähigen US-Kulturexporte so gut wird, dass sie den Schatten von Trump schrumpfen. Und zwar nicht nur den auf meinem T-Shirt.

- Anmerkung: In einer früheren Version des Textes war auf den verschobenen James-Bond-Film verwiesen worden, bei dem es sich um eine britische Produktion handelt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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