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Das Geschäftsviertel der neuen ägyptischen Verwaltungshauptstadt Foto: imago images/Xinhua
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Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt Im Land der Pharaonen müssen Präsidenten Grandioses hinterlassen - das kann ein Fluch sein

Erste Beamte sollen umziehen - in eine sterile, teure Retortenstadt nach dem Modell der Glitzerstädte am Golf. Präsident und Armee profitieren. Eine Kolumne.

Sie sind Segen und Fluch zugleich: Die Pharaonen und ihre faszinierenden Bauwerke und Kultur sind Ägyptens Kapital – und gleichzeitig setzen sie nachfolgende Herrscher unter Druck, sich auch irgendwie und möglichst pompös in der Geschichte zu verewigen.

Das wirkt dann schnell lächerlich – so wie bei der Parade der Überreste von Pharaonen und Königinnen, die im April aus dem wunderbar verstaubten Nationalmuseum am Tahrir-Platz in das moderne Museum an den Pyramiden transportiert wurden: Ein nächtliches Spektakel mit Lastwagen im Pharaonenlook und hunderten Laiendarstellern, die in einer Prozession nach historischem Vorbild durch die Straßen Kairos zogen.

„Dieses grandiose Spektakel ist ein weiterer Beweis der Größe (...) einer einzigartigen Zivilisation, die in die Tiefen der Geschichte reicht“, ließ Präsident Abdel Fattah al-Sissi wissen. Andere erinnerte es eher an die Handschrift eines Walt Disney.

725 Quadratkilometer Verwaltungshauptstadt in der Wüste

Und nun kommt schon der nächste Superlativ: Anfang Dezember sollen nach dem Willen des Präsidenten al-Sissi die ersten Beamten in die neue Verwaltungs-Hauptstadt 40 Kilometer östlich von Kairo umziehen und dort ihre Arbeit aufnehmen: Mitten im Wüstensand, auf insgesamt 725 Quadratkilometern, sollen alle Ministerin, Parlament, Regierungssitz sowie Botschaften, Business District, eine weitere Oper untergebracht werden. 6,5 Millionen Menschen sollen hier einst leben.

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Die bisher noch verloren im Sand stehenden Monumentalbauten vom Reißbrett entsprechen dem Geist der Immobilienentwickler vom Golf: Man spürt den Glauben, dass globales Kapital High-Tech-Business und Glitzerstädte im Sand entstehen lassen und traditionelle, sozio-ökonomische Eigenheiten und Zwänge einfach verschwinden lassen kann.

Natürlich ist Kairo, die am Nil gelegene Hauptstadt, ein Chaos im Sinne von Städteplanung und Infrastruktur. Aber wo sollen in der neuen Hauptstadt, wo eine Zwei-Zimmer-Wohnung 50 000 Dollar kostet, der Schuhputzer, der Teekocher des Büros und all die anderen Mitarbeiter des informellen Sektors unterkommen, der 45 Prozent aller Arbeitsplätze stellt?

Die Pyramiden verpflichten. Hier das Werk des französischen Streeart-Künstlers JR&apos in Gizeh. Foto: Mohamed Abd El Ghany/REUTERS Vergrößern
Die Pyramiden verpflichten. Hier das Werk des französischen Streeart-Künstlers JR&apos in Gizeh. © Mohamed Abd El Ghany/REUTERS

Skeptisch macht auch, dass es schon viele Versuche gab, das Bevölkerungswachstum weg von Kairo in Satellitenstädte in der Wüste zu kanalisieren: 10. Ramadan, 15. Mai, 6. Oktober, Sadat-City – wie sie alle heißen, diese meist geisterhaft vor sich hin dümpelnden, sterilen Neubaustädte, in die insgesamt etwa eine Million Menschen gezogen sein soll – wo Ägypten jährlich etwa um zwei Millionen wächst. Nach Ansicht des jahrzehntelang in Kairo lebenden Stadtplaners David Sims wollte man „Idealstädte“ schaffen, ohne sich Gedanken um die etwa 30 Prozent der Bevölkerung zu machen, die unter der Armutsgrenze leben.

Darum geht es den Finanziers vom Golf und aus China sicher nicht – sie unterstützen den Autokraten Sissi im regionalen Machtkampf gegen Muslimbrüder und ihnen nahestehende Regime. Fakt ist: Ägyptens Armee, der mehrheitlich die Entwicklungsgesellschaft gehört, verdient phantastisch; Massenproteste vor dem Präsidentenpalast sind in dieser durch High Tech gesicherten Stadt kaum denkbar; und auch ägyptische Unternehmer freuen sich über Aufträge und danken es dem Regime. Fehlt nur noch ein Name: Bei „Neue Hauptstadt Ägypten“ wird es wohl nicht bleiben.

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